Prallkissen statt Airbag?
Die “Aktion Lebendiges Deutsch” hat mir geschrieben. Da kämpfen honorige Leute wie Sprachpapst Wolf Schneider und Lehrerverbands-Präsident Josef Kraus gegen die “Anglomanie”: “Wir nehmen uns die Freiheit, uns über unsere Landsleute zu mokieren, wo immer ihre Anglomanie in schiere Liebedienerei ausartet.” Die “Aktion” schlägt “Prallkissen” für Airbag vor, “Klapprechner” für Laptop und “Hingeher” für Event. Nun ja, da entscheide ich mich doch für “schiere Liebedienerei”… Was meinen Sie?
Autor: jep Kategorie: A bis Z | 22 Kommentare »
Tags: Aktion Lebendiges Deutsch, Klapprechner, Sprachpapst, Wolf Schneider
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Am 23. Januar 2007 um 10:14 Uhr
Es mag wohl wahr sein, dass sich Anglizismen immer höherer Beliebtheit in der Deutschen Sprache erfreuen dürfen. Auch stimme ich der “Aktion lebendiges Deutsch” zu, dass diese Manie oftmals grotesk anmutet. In Werbespots wird der Konsument überschüttet mit Slogans (auch so ein griffiges, englisches Wort!) wie “come in and find out” und Spielzeuge leuchte nicht mehr einfach im Dunkeln, nein sie haben einen “megacoolen glow-in-the-dark-effect”.
Bis zu diesem Punkt stimme ich mit “lebendiges Deutsch” überein, dass es die Anglizismen-Flut einzudämmen gilt. Doch vom einen Extrem ins Andere zu driften halte ich für genauso nervtötend. “Hingeher” und “Prallkissen” sind meines Erachtens nach nicht nur der lächerliche Versuch einer Zwangseindeutschung mittlerweile landesweit akzeptierter und benutzter Begrifflichkeiten, sie grenzen – und das wiegt für mich viel schwerer – schon an eine mutwillige Verballhornung der deutschen Sprache.
Ich bin der Meinung, dass auch die deutsche Sprache mit der Zeit gehen sollte und auch wohlklingende Elemente aus anderen Sprachen Eingang finden sollten. Was wäre ein ausgiebiges Abendessen ohne ein Dessert oder einen Digestif? Und auch im Englischen und Französischen gibt es, wenn auch nicht immer angenehme, Beispiele für den Einfluss des Deutschen: “Let’s schlepp the Rucksack to the Kindegarten and eat a Bratwurst afterwards” ist das beste Beispiel. Genauso wie das unvergessene > und >…
Wie bei so vielen Problemen is wohl auch in diesem Falle die Richtige Lösung weder ein rein-deutsches Schwarz noch ein anglifiziertes Weiß, sondern ein tyisch “denglisches” Grau.
Am 23. Januar 2007 um 10:16 Uhr
Nachkommentar: Leider hat die Blog-Formatierung mir einen Strich durch die Rechnung und meine französischen Anführungszeichen gemacht. Gemeint waren “Le Waldsterben” und “Le Hinterland”
Am 23. Januar 2007 um 10:51 Uhr
Den lieben Herrn Schneider in allen ihm zustehenden Ehren, aber das klingt sehr nach monatlichem Stammtisch pensionierter Oberstudienräte. Auf Klapprechner kommt man nur, wenn man einen solchen selbst noch nie benutzt hat.
Im Übrigen ist Sprache immer auch eine Frage der Akzeptanz bei denjenigen, die sie benutzen müssen. Niemand wird Klapprechner sagen, weil es Herr Schneider so verordnet, noch dazu, wo Laptop wirklich besser klingt. In den USA wollte man übrigens mal aus den French Fries Freedom Fries machen, das hat auch nicht funktioniert.
Am 23. Januar 2007 um 12:00 Uhr
@C.Jakubetz
Der Vergleich mit den “Freedom Fries” hinkt an dieser Stelle leider ein wenig. Das hatte damals einen völlig anderen Hintergrund…
Bezüglich “Laptop” vs. “Klapprechner” stimme ich Ihnen jedoch uneingeschränkt zu.
Am 23. Januar 2007 um 12:37 Uhr
Liebe Leute:
sagt Ihr eigentlich Exkursion, Akteur, Skribent
– oder doch lieber Ausflug, Schauspieler und
Schriftsteller? Auch diese deutschen Wörter sind
einmal erfunden worden – von Oberstudienrats-
typen, versteht sich. Wir bieten an – die Sprach-
gemeinschaft entscheidet; Sie allein entscheiden
so wenig wie wir.
Es grüßt: Wolf Schneider
Initiator der Aktion „Lebendiges Deutsch“
Am 23. Januar 2007 um 13:01 Uhr
@Boris Pieritz: Mir ist durchaus klar, dass diese Sache mit den Frech Fries einen anderen Hintergrund hatte. Ich wollte nur verdeutlichen, dass man Begrifflichkeiten nicht per Dekret verordnen kann, nicht mal im patriotischen, terroristenbekämpfenden Amerika.
@Wolf Schneider: Man ist ja schon dankbar dafür, wenn Anglizismen wenigstens richtig sind. Ich denke an das Handy, für das uns jeder native speaker belächelt. Oder an schleichende Unterwanderungen wie “das macht Sinn” (to make sense). Airbag ist ja wenigstens noch richtig. Ein Luftsack. Nicht schön, aber auch nicht falsch. Und diese verdammten Deppenapostrophe, kann man die nicht ma´l in´s Visie´r nehme´n
??
Am 23. Januar 2007 um 13:11 Uhr
Auch ich bin ein Freund der deutschen Sprache. Sie ist so schön vielseitig. Aber Anglizismen (welch hübsches Wort) sind ein logisches Produkt der globalisierten Welt. Der Versuch, durch offensichtlich unzweckmäßige Begriffe wie “Prallkissen” für seine Aktion zu werben ist mir ein wenig zu platt. Das Wort “Airbag” ist nicht zuletzt ein sprachübergreifendes Synonym für Sicherheit.
Menschen auf der ganzen Welt verstehen es.
“Und das ist auch gut so.”
Am 23. Januar 2007 um 13:22 Uhr
Handy kommt von handy-talkie – Begriff der US-
Army und in Amerika in Vergessenheit geraten
wie “Friseur” in Frankreich.
Airbag ist so falsch wie Luftsack, denn der ent-
hält absolut keine Luft, sondern Stickstoff und
einen pyrotechnischen Gasgenerator.
Am 23. Januar 2007 um 13:42 Uhr
Ja, aber vielleicht lässt sich Nitricbag nicht so gut vermarkten. Airbag ist schließlich ein Begriff der Industrie. Und wenn wir uns schon auf historische Definitionen stützen, dann finden wir im kleinen Alleswisser Wikipedia, dass der Airbag einst mit Pressluft befüllt wurde. Vielleicht ist dies eine Erklärung für “Airbag”.
In freudiger Erwartung, eines Besseren belehrt zu werden…
Am 23. Januar 2007 um 13:44 Uhr
Wie ist jede – aber auch jede – Sprache schön, wenn in ihr nicht nur geschwätzt, sondern gesagt wird!
Christian Morgenstern (1871-1914)
Am 23. Januar 2007 um 14:26 Uhr
Ahem…wenn wir so argumentieren, dass Luftsack die falsche Bezeichnung für einen Airbag ist, weil er keine Luft, sondern etwas enthält, was sich so anfühlt wie Luft oder zumindest die ähnliche schützende Wirkung hat, dann ist, mit Verlaub, auch der Klapprechner falsch, weil sich in diesem Waffeleisen eben noch sehr viel mehr verbirgt als nur der Rechner. Was uns aber zu nichts führt außer einer ziemlich freudlosen akademischen Debatte. Im Übrigen verweise ich auf CG, im Luftsack war ursprünglich wirklich nur Luft, das geriet nur ähnlich in Vergessenheit wie die Geschichte mit dem Handy (übrigens: an Bord der meisten deutschen Fluggesellschaften wird lobenswerterweise vor dem Abflug darum gebeten, die “Mobiltelefone” auszuschalten; es geht also auch ohne das Handy.)
Mir scheint auch dieses Globalisierungsargument nicht von der Hand zu weisen. Ich stelle mir gerade den Ausländer im deutschen Auto vor, der versucht, diesen vermaledeiten Aufprallsack zu finden…
Am 23. Januar 2007 um 17:43 Uhr
Lieber Wolf Schneider,
Ihr Deutsch für Profis ist mir in meiner Journalistenschulzeit in Fleisch und Blut übergegangen, ich bekenne mich zum Schneiderianertum, auch wenn ich nie Ihr Schüler war. Aber warum sich an gut verständlichen Begriffen aus dem Englischen festbeißen und den Airbag gegen ein Prallkissen (Knalltüte?) tauschen? Wir können noch viel für ein lebendiges Deutsch tun, ohne unsere Sprache „hermetisch abzuriegeln“ und „fieberhaft“ nach Alternativen zu suchen.
Herzliche Grüße!
Am 24. Januar 2007 um 13:04 Uhr
Liebe Akademie-Blogger,
das ist ja wunderbar: der deutsche Sprach-Papst daselbst greift in die Debatte in Eurem digitalen Tagebuch ein! So viel zur Wirkung von Blogs.
Zur Debatte selbst: Wolf Schneider hat sicherlich wie kein anderer zur Aufklärung von deutschen Journalisten über die Anwendung der Sprache beigetragen. Doch die Vorschläge dieser “Aktion” klingen absurd. Sie erinnern mich an den Roman “Tadellöser & Wolff” von Walter Kempowski, wo der Lehrer den Schülern einbläut, das Wort “Nachschrift” anstelle von “Korrektur” zu verwenden. Damals eher die “Aktion Sauberes Deutsch”; die heutige Aktion erinnert auf fatale Art an frühere Sprachsäuberungen. Da bleibe ich lieber bei der schieren Liebedienerei.
Am 24. Januar 2007 um 17:41 Uhr
Ich frage mich warum die deutsche Sprache schlicht unfähig ist, schnell neue Wörter zu erschaffen – seien es die Oberstudientratstypen oder die Jugendlichen auf der Straße. Zum einen ist das sicherlich Ausdruck einer “globalisierten Welt” (auch so ein Unsinn), zum anderen aber auch – denke ich – in der Sprache selbst enthalten. Prallsack oder Prallkissen klingt einfach nicht schön. Übrigens beschäftige ich mich gerade mit einem Bereich, der ein wunderschönes Wort aufleben lässt: “Bewegtbild” statt “Internet-TV”.
Am 24. Januar 2007 um 21:46 Uhr
Na da fühle ich mich doch gleich angesprochen.
Noch einmal zu dem von mir benutzten Begriffe der “globalisierte Welt”.
Hierbei handelt es sich für mein Empfinden keineswegs um “Unsinn”, sondern um einen Pleonasmus. Global bedeuet hier eben mehr als nur der rein geologische Begriff. Es geht um kulturelle, wirtschaftliche und/oder politische Zusammenhänge.
Ich bin mir sicher, dass die meisten es ähnlich interpretieren werden.
Ein anderes Thema – Brauchen wir überhaupt so dringend neue Wörter? Sollte die Jugend nicht lieber damit “belastet” werden, den vorhandenen Wortschatz zumindest in Teilen zu beherrschen?
Am 24. Januar 2007 um 23:22 Uhr
@CG: Warum sollte die Jugend denn lernen, den “vorhandenen Wortschatz” zu beherrschen? Für die berufliche Zukunft etwa? Da zeigt uns aber etwa die Arbeitsagentur, dass dieses nicht erforderlich ist. Bei einem Stellenangebot im Kölner Raum, wo es heißt: “Englisch ist Vorraussetzung, Kenntnisse der deutschen Sprache sind aber von Vorteil…”
Die Liebedienerei hat sicher auch ihre Vorteile. Wie auch das Gutmenschentum… .
Am 26. Januar 2007 um 12:04 Uhr
Vereine oder lose Gruppen, die irgendwelche Wortschöpfungen vorschlagen, halte ich persönlich für genauso überflüssig wie irgendwelche staatlich beauftragten Expertenrunden, die meine Rechtschreibung verändern wollen.
Und auch wenn sich das Ganze, wie in diesem Fall, “Aktion lebendiges Deutsch” nennt, so ist der Name für mich nur Blenderei. Eine Sprache, die auf einzelne Expertenmeinungen angewiesen ist und sich durch künstliche Vorschläge entwickeln soll ist doch alles andere als lebendig.
Sprache sollte ausschließlich von denen gestaltet werden, die sie benutzen. Mag sein, dass das manchmal in Richtungen führt, die dem einen oder anderen nicht gefallen mögen (mir gehen Anglizismen auch bisweilen ziemlich auf den Geist) – aber Sprache muss und kann sich nunmal nur aus freien Stücken so entwickeln, dass sie von ihren Verwendern auch voll akzeptiert und angenommen wird.
Am 12. Juni 2007 um 11:35 Uhr
Als ich “Klapprechner” las und mich ein bisschen in Schwelgereien über Prallsäcke und Knalltüten erging, fiel mir spontan eine uralte Website ein, die sich schon vor bestimmt fünf Jahren zum Ziel gesetzt hatte, das “Internetz” ein bisschen redlicher zu gestalten: http://www.geocities.com/reinhard_pfarrpfeifer/
Nur, dass es damals ganz offensichtlich Verarsche war. Und jetzt fängt man auch noch in der Wissenschaft damit an. Schon wieder. Deutsche, kauft deutsche Bananen.
Am 23. Juni 2007 um 22:55 Uhr
Hallo allerseits!
Ich wundere mich echt, wie sich manche Leute hier mit Händen und Füßen gegen Eindeutschungen von Anglizismen wehren. Die Medien versuchen bewusst, immer mehr neue englische Begriffe in die deutsche Sprache zu importieren bzw. für neue Gegenstände gleich nur die englischen Wörter zu verwenden, damit die deutsche Sprache irgendwann einmal durch Englisch ersetzt werden kann. Hinter der Einschleppung von Anglizismen steckt somit ein System.
Ich kann nur jedem empfehlen: Vermeidet soweit wie möglich Anglizismen und versucht, die Sachverhalte auf Deutsch auszudrücken! Niemand kann Euch verbieten, Übersetzungen von Anglizismen zu verwenden, denn schließlich leben wir in keiner Diktatur! Und wenn es Leute gibt, die Anglizismen nicht verwenden, sondern die deutschen Übersetzungen dann bleibt auch unsere Sprache erhalten! Ihr selbst könnt die Entwicklung der deutschen Sprache mitbestimmen. Sicher heißt es Prallkissen! Was ist ein verdammter Airbag?
Am 15. Juli 2007 um 12:25 Uhr
Hallo!
Ich habe neulich in der Kneipe um die Ecke das Wort “e-Post” benutzt und wurde daraufhin natürlich sofort ausgelacht. Darauf hin stellte ich den Anwesenden die Frage, warum sie eine e-”Mail” in einen “Post”eingang und nicht in einen “Mail”eingang stecken würden und stellte die begründete Vermutung auf, dass die Anwesenden nur “Post” und nicht “Mail”-eingang sagen, weil die Medien es ihnen so vormachen (hat also nichts mit der natürlichen Entwicklung der Sprache, sondern mit der Einstellung des Seitengestalters von z.B. “web.de” zu tun). Hätte man damals die elektronischen Briefe im dt. Sprachraum als e-Post vorgestellt, so wäre dieses Wort heute selbstverständlich wie Posteingang, worin mir dann auch die mittlerweile nachdenklichen Anwesenden zustimmen mussten. So verhält es sich mit JEDEM anderen Wort. Würde man seinem 5-Jährigen Kind also den “Airbag” als Prallkissen vorstellen, so wäre es für dieses nach wenigen Tagen das normalste der Welt, so wie es eben auch Auto und nicht “car” sagt, weil sie ihm das Auto eben als Auto vorgestellt haben.
mfg Manuel Höhnel
Am 7. September 2007 um 14:05 Uhr
hi leudde! also ich find e-post klingt komisch. Oder noch schlimmer, irgendwie rechts da es meistens auf rechten webseiten verwendet wird. e-müll passst schon. am kuhlsten finde ich prallkissen
Das klingt so als würde es spass machen, damit ne kissenschlacht zu machen. hab mal http://www.prallkissen.de/ eingetippt und da ist ja auch n lustiges video drauf. schade nur eins lg laura
Am 12. März 2008 um 10:14 Uhr
[...] Content (baahhh… alleine schon dieses Unwort “Content”, wo ist eigentlich Wolf Schneider, wenn man ihn mal braucht?) Der Traum vom Überblick über alles, was auf der Welt wichtig sein [...]