16.5.2007

Die neue Sinnlichkeit

Viele Journalisten halten das Internet für ein flüchtiges, oberflächliches Medium – dabei kann es einen tiefgründigen Journalismus mit einer Vielfalt an Perspektiven ermöglichen, die reicher ist als alles, was wir aus der analogen Welt kennen. Ein wunderbares Beispiel dafür ist das Internet-Feature „Antarktis: In der Wüste der Kälte“, das die Axel Springer Akademie gestern mit einem Axel Springer Preis für junge Journalisten ausgezeichnet hat. Das angeblich kalte, unpersönliche Internet wird bei dieser Expedition durchs Eis zu einem Medium neuer Sinnlichkeit.

Der Autor Lars Abromeit verführt sein Publikum nicht nur mit Worten zum Lesen, sondern zugleich mit Ton zum Hören – der Wind, der über die eisige Ebene fegt – und mit Fotos und bewegten Bildern zum Schauen. Der Reporter erzählt sein Abenteuer kreuz und quer, in ganzer Breite und Tiefe, unter Einsatz der verschiedensten Medien und Darstellungsformen, immer mitreißend und authentisch. Oder wie es Claus Strunz sagt, der Sprecher der Internet-Jury: „Reportage und wissenschaftlicher Hintergrund verbinden sich zu einer multimedialen Inszenierung, die der Versuchung widersteht, sich über die Abbildung der Wirklichkeit zu erheben.“

Das Internet eröffnet uns Journalisten eine große Chance: Wir können jede Geschichte so erzählen, wie es am besten zu ihr passt und wie sie am besten zu vermitteln ist. Durch die Verknüpfung mit anderen Artikeln und Internetseiten entsteht nicht nur eine größere Breite, sondern auch eine größere Tiefe, ein Netzwerk der Informationen. Das spiegelt die Komplexität der heutigen Welt wider und ermöglicht einen Journalismus, der den Menschen noch näher kommt. Und deshalb bin ich überzeugt: Was wir heute Onlinejournalismus nennen, wird in Zukunft der klassische Journalismus sein.

Autor: jep Kategorie: A bis Z, Zukunft des Journalismus | 2 Kommentare »
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2 Kommentare zu “Die neue Sinnlichkeit”

  1. Schmuddelkind

    Tja, “Verführung braucht manchmal (…) Zeit” – wie wahr. Gelobet sei die Redaktion, in der man für sechs Wochen für ein solches Projekt freigestellt wird, wie bei Abromeit der Fall. Prinzipiell ist eine zurückhaltende Internetpräsentation und der gezielte Multimedia-Einsatz durchaus zu begrüßen, aber man fragt sich schon ob eine interaktive Animation bei der Ausrüstungsbeschreibung Sinn macht. Eine beschriftete Skizze bringt schließlich das selbe Erkenntnisinteresse.
    Wäre es nicht schöner gewesen Soundscapes als Hintergrundgeräusch in die Website einzubauen, oder ein Intro mit Hinweisen auf Leckerlis zu machen? Die habe ich nämlich nicht wirklich gefunden.

    Ein weiteres Problem der Auszeichnung ist, dass Teile des Features nicht von Abromeit sondern scheinbar von anderen Personen erstellt wurden (Animationen etc.). Ohnehin sind auch Ladezeiten der Site nicht unproblematisch. Ein Interview mit dem Autor ist zwar interessant aber nicht per se ein Bringer.

    Soweit die kurze In-Augen/Ohren-Scheinnahme. Insgesamt fand ich die Darstellung jedenfalls eher fad, aber hey, ich bin ja auch kein Lehrkörper einer höheren Bildungsanstalt. Aber die Ausbildung von Journalisten ist ja vielleicht bald zukünftige Vergangenheit.

  2. jep

    @ Schmuddelkind

    Online-Journalismus ist oft Teamarbeit. Wie beim ausgezeichneten “Geo”-Feature. Wer daran mitgearbeitet hat: http://www.geo.de/GEO/interaktiv/multimedia/53713.html

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