GASTBLOG: Blätter haben’s schwer
Tageszeitungen haben es nicht leicht: Die Leser werden nicht nur älter, sie schwinden auch. Sei es aus biologischen Gründen, weil das Geld knapp ist oder die Schrift zu klein zum Lesen. Und die jungen Menschen informieren sich – wenn sie es denn tun – übers Fernsehen und Internet. Warum also nicht dorthin gehen, wo die Leser (oder besser: Kunden) der Zukunft sind und selbst Fernsehen im Internet anbieten?
Im Jahr 2007, dem Jahr der Relaunche der großen Tageszeitungen, hat auch das so genannte Bewegtbild Einzug gehalten in die Webportale. Kaum eine Zeitung kann es sich noch leisten, ohne Videos dem Nutzer gegenüberzutreten. Praktisch, dass es da Zoom.In gibt, ein Angebot aus Holland, das Webportale mit Nachrichten versorgt. Dumm nur, dass es lange Zeit der einzige Anbieter war und deshalb alle die gleichen Videonachrichten hatten.
Dumm auch, dass das Angebot, vor allem was die Aktualität betrifft, bisweilen wirklich zu Printausgaben passt – wenn nämlich Video-Berichte erst am nächsten Tag einlaufen.
Zeitungen habe eine große Chance, sich multimedial aufzustellen, weil sie die inhaltlichen Ressourcen besitzen: Redakteure, die Nachrichten einordnen und analysieren können, eine funktionierende und vorhandene Kommunikationsinfrastruktur mit – wie bei der WELT – Korrespondenten in fast allen Ländern dieser Erde. Sie haben Archive, in denen Schätze schlummern und manche sogar Beteiligungen oder Tochterfirmen, die Video-Know-How besitzen und beisteuern können.
Schaut man sich aber genauer an, was im Relaunch-Jahr 2007 da an Videos auf den Markt gebracht wurde, ist von oben gesagtem wenig zu sehen. Wer nicht bei Reuters seine Nachrichten einkauft oder eben bei Zoom.In-TV , der versucht oft mit wenig Geld selbst zu produzieren. Irgendeine Videokamera wird schon reichen, und irgendwo findet man dann schon einen Redakteur, der sie auch bedienen kann. Noch schlimmer, wenn es nicht mal mehr die eigenen Leute sind, sondern User Generated Content Einzug hält ins Zeitungsportal. Oder mangelnder Investitionswille versteckt wird hinter vermeintlicher Authenzität.
Allerdings gibt es auch Ausnahmen: Der Kölner Stadt-Anzeiger kommt in der Anmutung zwar noch etwas selbstgestrickt daher, aber bei Regionalfernsehen ist das eher zu verzeihen. Denn da sind die Inhalte stark genug und exklusiv. Zwar muss auch hier darauf geachtet werden, dass die Geschichte interessant ist und nicht banal, aber genau das macht ja gute Lokaljournalisten aus.
Schlimmer noch aber steht es um die Konzepte: Derzeit scheint kaum ein Verlag zu wissen, was man denn genau mit Bewegtbild machen will. Als Videokolumne, wie die Kommentare von Alan Posener bei Welt Online? Doch Weltnachrichten, irgendwo zugekauft, als multimediale Aufbereitung des Textes? Als Umfragetool? Oder selbstproduzierte Beiträge und Formate, wie es auch die Welt, vor allem aber Focus und Spiegel versuchen?
Im Moment besteht eine Riesenchance für Verlage, sich im Online-Bewegtbild zu etablieren. Der Zuschauermarkt ist klein, sicherlich, was aber eben auch die Möglichkeit zum Experimentieren bietet. Kreativität ist gefragt. Fast tödlich sind me-toos, verbunden mit dem Blick auf Refinanzierung und Views. Hilfreicher ist es, sich der Klaviatur der Möglichkeiten zu bedienen, eben nicht nur einen Flashplayer anzubieten (damit der User auch die schönen Banner oben drüber sieht), sondern Werbung gleich ins Format zu verkaufen und dann die Videos auf anderen Plattformen syndizieren zu lassen, als Download in allen gängigen Formaten bereitzustellen und auch noch als Podcast bei iTunes anzubieten.
Wer eigene Formate entwickelt, testet, spielt, das Feedback seiner Zuschauer ernst nimmt, und zumindest mittelfristige Strategien aus diesen Erkenntnissen entwickelt, sollte richtig aufgestellt sein. Und muss dann auch nicht Menschen wie Norbert Schneider fürchten, seines Zeichens Direktor der Landesmedienanstalt Nordrhein-Westfalen und Verfechter der unbedingten Kontrolle aller Sendenden. Der dürfte die Zeichen der Zeit nicht erkannt haben mit seiner Forderung, doch bitte auch das Bewegtbild der Verlage unter die Obhut der Medienanstalten zu stellen. Vielmehr sägt er am eigenen Ast. Wer so etwas sagt, provoziert die Frage “Wozu brauchen wir die Medienanstalten eigentlich noch?”
Thomas Wanhoff
Autor: Gastblogger Kategorie: A bis Z, Blattkritik, Zukunft des Journalismus | 3 Kommentare »
Tags: exklusiv, Gastblog, Medienaufsicht, Norbert Schneider, Onlineauftritt, Reuters, Thomas Wanhoff, Video, Zoom.In
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Am 18. Juli 2007 um 08:58 Uhr
[...] Blätter haben’s schwer(axel-springer-akademie.de, Thomas Wanhoff) Tageszeitungen haben es nicht leicht: Die Leser werden nicht nur älter, sie schwinden auch. Sei es aus biologischen Gründen, weil das Geld knapp ist oder die Schrift zu klein zum Lesen. Und die jungen Menschen informieren sich – wenn sie es denn tun – übers Fernsehen und Internet. Warum also nicht dorthin gehen, wo die Leser (oder besser: Kunden) der Zukunft sind und selbst Fernsehen im Internet anbieten? [...]
Am 18. Juli 2007 um 12:33 Uhr
Hi, wir gehen einen etwas anderen Weg:
http://www.zeit.de/video/index
Am 19. Juli 2007 um 11:21 Uhr
@Gero: Der Link ist ja schon fast als Link-Spam einzuordnen. Etwas mehr Diskussionsstandpunkt hätte ich ja da von Dir schon erwartet.
@Thomas: Vielleicht solltest Du erwähnen, dass Du selbst maßgeblich am Welt-Relaunch und unserme Video-Konzept beteiligt warst
Nein, aber mal ernsthaft. Ich stimme zu, Wir müssen experimentieren. Und ich bin schon sehr gespannt, welche Formate sich letztlich durchsetzen. Eines ist jedenfalls sicher: Videoformate sind aufwendig und teuer und niemand weiß, wie groß die Zuschauerschaft am Ende ist. Deshalb ist das Thema eine wirklich große Herausforderung für Verlage….