4.12.2007

GASTBLOG: 10 Einwände gegen…

Eine konstruktiv gemeinte Antwort auf den geschätzten Markus Hofmann, der natürlich auch Recht hat mit seinen Thesen. Als ehemaliger Onliner möchte ich nur hier auch das Interesse ein wenig weg von den Spielereien hin auf die Substanz lenken. Denn der Onlinejournalist ist in erster Linie bitte immer noch Journalist, und nicht Aufhübscher von Agenturmeldeungen.

Mir wäre es lieber, wenn Journalisten in Onlineredaktionen wieder mehr recherchieren würden statt jedem Spielzeug und technisch machbaren nachzulaufen.

1. Audio-Galerien
Braucht kein Mensch. Das ist wie Video in Superzeitlupe. Meistens spart man sich den Kameramann. Und während Bilder zwar Klickmaschinen sind, sind das Audiogalerien nicht zwangsläufig, weil sie als Film laufen und nicht jeden Bild eine Pageimpression generiert. Besser: Entweder gleich einen guten Audio- oder einen Videobeitrag machen. Ist das Thema gut und interessant, wird es so oder so “klicken”.

2. 360°-Panorama-Fotos
Eine echt nette Spielerei, bei der sich aber die Frage nach dem Nachrichtenwert stellt. Auch hier gilt wieder: Ein Panoramabild sagt nicht wirklich mehr als Worte, meist sogar weniger, wenn ein Plugin benötigt wird oder lange Ladezeiten nerven. Warum nicht einen Videofilm im Iglu machen, wenn man schon mal da ist?

3. Maps
Früher hießen Maps mal Landkarten, und es mag in Amerika ja sinnvoll sein, jemanden zu sagen, wo Berlin liegt. Aber wir erinnern uns an die Readers Editon, die ihre Artikel tot-”gemapt” hat und – weil dpa nunmal in Hamburg sitzt – jede Menge Artikel aus Hamburg geocodierte. Karten sind dann sinnvoll, wenn sie bislang Unbekanntes illustrieren sollen. Das ist im übrigen nicht neu.

4. Interaktive Karten
“Interaktiv” ist das wohl am meisten gebrauchte Wort, wenn man über moderne Online-Angebote spricht, und meist wird es falsch verwendet. Nur weil ich klicken kann, ist ein Angebot nicht zwangsläufig interaktiv. Oft genug laufen interaktive Angebote trotzdem linear ab wie eine Bildergalerie. Auch hier gilt: Mulimedia ist kein Selbstzweck. Wenn eine Flashgrafik einen Sachverhalt besser veranschaulichen kann als ein Bild, soll es recht sein. Und sie ist extrem aufwändig zu produzieren. So schön sei sein mag, für einen Tag online zwei Tage Produktion rechtfertigt das nicht immer.

5. Mash-Ups
Mash-ups sind wirklich toll. Aber weniger als erweitere Karte, die die Standorte von Verkehrskameras anzeigt. Sondern weil in Mash-Ups Storys stecken. Denn wenn man mal alle Kamera-Standorte von Berlin auf einer Karte hat, dann ist das ein wunderbarer Anfang für eine Geschichte über den Überwachungsstaat. Wissenschaftler arbeiten so, indem sie Studien vergleichen und die Daten übereinanderlegen. Also: Mashups sind ein wunderbares Recherche-Werkzeug!

6. Flash-Animationen
Die Geschichte der Weltreligionen – hierüber lässt sich eine Dissertation mit 500 Seiten schreiben. Man kann aber auch 5.000 Jahre in 90 Sekunden zusammenfassen. Als Flash-Animation. Man kann es aber auch lassen. Erstens bringt es nicht wirklich viel Traffic, zweitens kostet es ein Heidengeld, drittens werde ich auch mit einer Flashanimation nicht dem sächsischen Schulabbrecher (man verzeihe mit das Klischee) die Weltreligionen beibringen. Flash ist nichts für kurzweilige Webseiten. Besser: Das Angebot auch zum Download anbieten und umfangreicher machen!

7. Nicht-lineare Videos
Diese Video sind was für echte Künstler und große Konzeptionisten. Das Thema muss es tragen, die Technik vorhanden sein und das Budget. Es gibt (wenige) gute Beispiele dazu, aber das ist nichts für die mit wenig Geld ausgestattete Nachrichtenredaktion. Dann bitte lieber die Zeit für eigene Recherche nutzen!

8. Community Journalism
Wer jemals im Lokalen gearbeitet hat, lacht über Dinge wie Community Journalism und User Generated Content. Wenn nicht der Faschingsverein selbst Bilder seines Herbstausfluges liefern würde, wenn nicht der Lokalreporter selbst neben dem brenndenen Fabrikgebäude stehen würde, wenn die Redakteure nicht selbst sowohl die Demo gegen Kindergartengebühren als auch die anschliessende Stadtparlamentssitzung besuchen würden, dann, ja dann bräuchten wir Community Journalism. Vielleicht sollten die Kollegen aus dem überregionalen einfach mal wieder zwei Wochen in die Lokalredaktion.

9. Multimedia-Reportagen
Multimedia ist wirklich die große Chance der Zeitungsverlage. Wenn sie es denn endlich begreifen: Jede Geschichte wird zunächst darauf untersucht, welche Mittel man für welche Aspekte braucht. Brennt ein Haus, brauche ich Bilder, bewegte und nicht bewegte. Habe ich Kontakt zu einem Deutschen in Kambodscha, brauche ich einen O-Ton. Kündige ich den CDU-Parteitag an, brauche ich Text.

10. Hypervideos
Hyperlinks in Videoclips. Quicktime kann das schon lange, Bilp-tv blendet klickbare Werbung ein und natürlich kann das jeder Flashplayer. Auch hier gilt wieder: Wenn es denn der Wahrheitsfindung und der Geschichte dient. Aber bitte daran denken, dass der Nutzer auch schnell überfordert ist mit solchen technischen Möglicheiten.

Nichts gegen die schöne neue Welt des Web 2.0. Ich selbst bin da aktiv. Aber bitte immer daran denken, dass man Journalismus macht. Dass Menschen Informationen so aufbereitet bekommen, dass sie sie verstehen können.

Thomas Wanhoff

Autor: Gastblogger Kategorie: A bis Z, Ausbildung, Zukunft des Journalismus | 1 Kommentar »
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Ein Kommentar zu “GASTBLOG: 10 Einwände gegen…”

  1. Thorsten Wehner

    Korrekt. 10 Punkte. 11 wären es gewesen, wenn auch noch dieser klassische Grundsatz erwähnt worden wäre: “Die Geschichten liegen auf der Straße”. Auch in der virtuellen Welt.

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