26.2.2008

GASTBLOG: Journalismus ohne Netz

Journalisten sollen ja die Welt beschreiben wie sie ist. Nur sitzen sie meist an einem Schreibtisch, schauen sich die Agenturen an und recherchieren im Internet. Was dort nicht ist, ist nicht. Weit gefehlt. Ein Beispiel sind Landvertreibungen in Kambodscha.

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Manche Politiker hier zu Lande träumen von Zuständen wie in Thailand: Millionen Touristen in schönen neuen Strandhotels. So soll Sihanoukville, das Strandbad Kambodschas, bald mal aussehen. Millionen werden derzeit investiert, das Wort Boom ist in aller Munde hier im Entwicklungsland. Dumm nur, dass oft genug Menschen noch da wohnen und arbeiten, wo bald Casinos und Hotelburgen stehen sollen. Um dieses Probem zu lösen, wird gerne auch mal Gewalt angewendet. Staatliche Gewalt, wohlgemerkt. Landesweit werden derzeit ganze Dörfer geräumt, um Großprojekten Platz zu machen. Oft genug gegen den Willen der Bewohner. Im Ausland scheint davon wenig angekommen zu sein: Das öffentliche Bild des Landes prägen Angkor Wat und das Rote-Khmer-Tribunal. Hin und wieder wird ein westlicher Kinderschänder öffentlichkeitswirksam festgenommen. Landvertreibungen? Kein Thema in der deutschen Öffentlichkeit.

Zwei Organisation haben gerade eben Berichte zur Situation im Land abgegeben: Amnesty International und die International Federation for Human rights. Letztere beklagt, “dass Mitglieder der herrschenden Elite den Staat missbrauchen, um sich selber zu bereichern”. Was damit gemeint ist, zeigt eine Szene aus Sihanoukville. Dort stehen Soldaten an einem brach liegenden Grundstück und bewachen Bauarbeiter, die eine Mauer hochziehen. Eine Mauer, das ist wie Claims abstecken: Dieses Grundstück gehört jemanden. Vorher war dort keine Mauer. Man sieht noch ein paar Kohlestücke der Hütten, die hier standen. Doch dann kam ein General der Armee und sagte, das Land sei ihm. Leicht macht es ihm das kambodschanische Landrecht, das nicht wirklich eins ist. Oft genug haben beide Parteien Papiere, die die Rechtmäßigkeit ihres Besitztums beweisen. Im Zweifel gewinnt der mit dem meisten Einfluss.

In den vergangenen zehn Jahren mussten allein 100.000 Menschen Phnom Penh verlassen und 70.000 weitere sind davon bedroht, sagt die Menschrechtsgruppe Licadho in einem Bericht. Brittis Edelmann, Amnesty-Sprecherin, sieht 150.000 Menschen in Gefahr, vertrieben zu werden. Oft genug hilft die Polizei, die Menschen im Auftrag von mächtigen Firmen, aus ihren Häusern zu vertreiben. Dann kommt es auch zu Gewalt, die, so die offiziellen Stellen, natürlich immer von den Dorfbewohnern ausgeht. Der Governor von Phnom Penh sagte gerade, dass internationale Beobachter oft Probleme hätten, das gesamte Bild zu sehen. Eine Standardantwort der offiziellen Stellen: Sie werfen den Menschenrechtsorganisationen vor, nur eine Seite zu sehen. Wenn es dann aber um Hilfszahlungen für Kambodscha geht, ist ausländische Hilfe gern gesehen.

Natürlich wird auch staatlicherseits zurückgewiesen, dass es überhaupt zu solchen Landvertreibungen kommt. Und wenn, dann wird darauf verwiesen, dass es Kompensationszahlungen gibt und man neue Wohngebiete ausweist. Denen fehlt es dann oft genug an Infrastruktur, sie sind abgelegen und den Dorfbewohnern bleibt gar keine Wahl als dort hinzu gehen.

Stephane Guimbert, Mitarbeiter der Weltbank hier in Kambodscha, hat es neulich auf den Punkt gebracht. Die Vertreibungen seien nicht nur ein Imageproblem. Genauso wichtig sei der Einfluss im Land. “Wenn Du ein Bauer bist und nicht weißt, ob Du in den nächsten Jahren überhaupt Dein Land behalten wirst, dann hast Du kaum einen Grund, in neue Maschinen zu investieren, von Reis auf andere Produkte zu wechseln, dein eigenes Wassersystem zu bauen. Darin sehen wir den größten Einfluss.”

So, und wer jetzt noch weiter recherchieren will aus dem Kreise der Axel-Springer-Akademisten, dem sei viel Erfolg und Durchhaltevermögen gewünscht.

Thomas Wanhoff

Autor: Gastblogger Kategorie: A bis Z | Keine Kommentare »
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