GASTBLOG: No Comment
Mein Kommentar zu den Kommentaren über Kommentare
Damals, als es für Blogger noch ein Ereignis war die eigenen Texte kommentiert zu bekommen, blinzelte ich immer ganz aufgeregt in meinem Postkasten. Ob das nicht eine Mail ist, mit einer Benachrichtigung über einen elektronischen Leserbrief, der auf meiner Webseite hinterlassen wurde. Das war so um 2001. In den ersten Monaten hatte ich noch keine Kommentarfunktion in meinem Blog. Beim Klick auf die Betreffzeile fragte ich mich 2002, welcher meiner Freunde wohl einen Kommentar schrieb; ein Jahr später fragte ich mich, ob ich die kommentierende Person überhaupt kenne. 2004 waren Kommentare Alltag und die Kommentar-E-Mails blieben von mir ungeöffnet; und 2008?
Das große Gemecker. Überall stolpere ich in den letzten Wochen über negative Kommentare über Kommentare. In Kommentaren, in Blogs, in Zeitungsartikeln. Man ärgert sich halt. Aber nicht nur über Kommentare in Blogs.
Der Blogger fireabend schreibt in seinem schicken Tumblrlog: “bei nahezu jedem text auf welt.de, der sich um israel, die spd oder wirtschaftsfragen dreht, wird klar, warum das experiment nutzerkommentare auf nachrichtenseiten gescheitert ist. man nehme nur einen willkürlich herausgesuchten text von der aktuellen startseite. wer regelmässig welt.de liest, hat das gefühl, das die bevölkerung nur aus nazis, kommunisten und sonstigen radikalen jeglicher coleur eines iqs knapp unter raumtemperatur besteht. und nein, ich glaub nicht daran, dass das wirklich so ist.”
Was heißt das für die Nachrichtenseiten Welt.de & Co? Es schadet ihnen nicht, stellt Thomas Knüwer fest, und widerspricht damit Johnny Haeusler, der die trashige Kommentarkultur zum Abschreck-Faktor Nummer Eins für Blogneulinge ausmacht. Diese Kultur verhindere ein Wachstum der Blogosphäre. Knüwer sieht die Problematik auf Seit der Journalisten. ”Dem Blog-Image schaden eher die Journalisten, die daraus ein Thema zusammenschreiben”, behauptet Knüwer in seinem Blog. Er fordert Türsteher. Aber nicht den Typ “Muskelprotz”, sondern den Typ “Dame”, der durch Charme und Redekunst besticht.
Auf dem Papier muss eine geregelte Kommunikation mit den Lesern in der schönen bunten Web 2.0 Welt auch gar nicht erst durch das Moderieren von Kommentaren verbessert werden. Stichwort: Schwarmintelligenz. Als Blogautor kann man seine Leser zu nützlichen Kommentaren erziehen. So suchte ich vor kurzem Musiktipps von meinen Lesern für meine Radiosendung. Die Beteiligung war wunderbar und ich hatte glatt musikalischen Stoff für zwei Wochen frei Haus bekommen. Auch Stefan Niggemeier spielt in dieser Woche ”Wünsch dir was” und packte seine Kommentar-Kritik nett ein. Im Vorfeld seines re-publica-Besuchs schrieb der Journalist, der sich schon wegen seiner Leserkommentare vor Gericht verantworten musste: “Ich könnte die Gelegenheit stattdessen nutzen, meiner Ratlosigkeit über die Kommentarflut hier und den richtigen Umgang mit ihr Ausdruck zu verleihen, was unerträglich selbstmitleidig oder unvernünftig zornig werden könnte – aber ich weiß auch nicht, ob das jemand hören will. Und da ich die Kommentatoren hier nicht nur hasse, sondern auch liebe (keine Ironie), frage ich mal in die Runde: Gibt’s irgendwelche Wunschthemen?”
Hinter der Kommentarflut-Kritik sehe ich die Frage: Können so viele Kommentare inhaltliche Relevanz liefern? Wenige Stunden später, nachdem er den Text veröffentlichte, sind schon Kommentare im hohen zweistelligen Bereich eingetrudelt. Dabei wissen wir schon: Stefan Niggemeier braucht nichts schreiben, die Kommentare trudeln so oder so ein. Ich erinnere mich noch an einen Selbstversuch in seinem Blog, finde aber nicht mehr an den Link.
Bei der Recherche für diesen Text sind mir nur Negativ-Beispiele aufgefallen. Nirgends Lob für Kommentare. Kein Hinweis auf Diskussionen, welche die Meinungsfreiheit förderte oder gar die Qualität der Texte, des Blogs oder gar des Journalismus auf ein neues Level beförderten. Liebe Leser, ich lasse mir das Gegenteil gerne beweisen (das Kommentarfeld steht unterhalb des Textes offen).
Wie konsequent sollten Beitreiber von kommentierbaren Seiten angesichts dieser Situation sein? Anke Gröner hat sich bereits entschieden die Kommentare in ihrem Blog zu deaktivieren. Das war Dezember 2005. Ein Jahr später zog sie Bilanz und war zufrieden; manchmal vermisste Gröner das Leserfeedback. Dafür ist ihr elektronischer Briefkasten jetzt noch ein Stückchen voller. Sie stellt fest, “dass ich fast nur noch gehaltvolle Rückmeldungen bekomme oder Post, die sich über das freut, was ich schreibe” – . Hass-E-Mails kämmen nur selten, schreibt Anke in ihrem Blog, denn die Dissenden fänden es wohl langweilig zu schreiben, wenn keiner mitlese.
Johnny Haeusler macht eine ähnliche Beobachtung: “Immer häufiger bekommen wir Mails von Leserinnen und Lesern mit Hinweisen/ Korrekturen/ Meinungen direkt zu einem bestimmten Artikel, etwas, das noch vor zwei Jahren Seltenheitswert hatte, als Kommentare eben als Kommentar gepostet wurden. Ausnahmslos begründen die Leser dann ihre Mail anstelle eines Kommentars damit, dass sie ‘keine Lust haben, sich in den Kommentaren anpöbeln zu lassen“ oder „mit den Spinnern in den Kommentaren nichts zu tun haben wollen’ (das sind Zitate). Und immer wieder höre ich in Gesprächen mit Lesern, dass sie die Kommentare nicht interessieren würden oder dass sie sich von den Kommentaren in Blogs sogar abgestoßen fühlen.” Achtung Floskel: Sind E-Mails die neuen Kommentare?
Das Online-Magazin Salon.com hat das Problem erkannt und bietet seinen Lesern eine Auswahl an. Durch die Editor’s-Choice-Funktion kann ich mir nur informative Kommentare anzeigen lassen. Die Redakteure ersparen mir durch Ihre Einstufung Nonsens- oder Me-Too-Kommentare. Eine schöne Idee. Sollte mir es bei einem Projekt passieren, dass der Mehrwert der Kommentare als unterdurchschnittlich einzustufen ist, dann lautet mein Tipp: Abschalten, moderieren oder eine Auswahl treffen.
Ich persönlich lese keine Kommentare mehr. Selbst die Diskussionen bei Blogbar.de-Beiträgen von Don Alphonso langweilen mich. Immer der gleiche Mist.
Daniel Fiene
Autor: Gastblogger Kategorie: A bis Z, Zukunft des Journalismus | 1 Kommentar »
Tags: Blog, Daniel Fiene, Gastblog, Kommentar, Niggemeier, Thomas Knüwer, Web 2.0, Weblogs
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