8.4.2008

GASTBLOG: Video kills … gar nix

Wegen solcher Sachen sind bei mir schon echte Freundschaften beinahe in die Brüche gegangen: Man sitzt mit ein paar Freunden zusammen und alles ist schön und recht, bis der Gastgeber auf die waghalsige Idee kommt, er könne doch mal ein paar Videos vom letzten Urlaub zeigen. Und weil man ja nicht unhöflich sein will, sitzt man dann da. Starrt auf eine Leinwand oder einen Fernseher. Beginnt, leise aber bestimmt, den Gastgeber zu verfluchen. Minutenlange, verwackelte und natürlich ungeschnittene Sequenzen vom spielenden Sohnemann in der Sandburg auf Malle, versehen mit dem selbstverständlich ebenfalls ungeschnittenen O-Ton (in etwa: “Schau mal her zu mir. Hier ist die Kamera. Schau jetzt endlich. Schaust du jetzt endlich her, Rotzbua, elendiger?”)

Man fragt sich in solchen Momenten, ob die Massenproduktion relativ simpler und kostengünstiger Videokameras wirklich eine gute Idee war, zumal die Begeisterung darüber, sich und seine Lieben jetzt endlich auf dem Fernseher bewundern zu können, meistens zu absurd langen Filmen führt, ein Stündchen ist da echt gar nix.

Gottlob ist dieses Massenphänomen inzwischen schon ein paar Tage her und man kann inzwischen auch wieder halböffentliche Veranstaltungen besuchen, ohne dabei riskieren zu müssen, dass einem der Onkel mit dem neuen Camcorder beim Nachtisch oder auf der Herrentoilette auflauert. Zumindest im privaten Bereich. Medial allerdings wiederholt sich die Camcorder-Revolution gerade wieder und das Schlimme ist: Bisher sind es nur ganz wenige (Leser/Zuschauer), die dem Veranstalter solcher virtuellen Urlaubsvideoabende die Treue kündigen. Jedenfalls hat man insbesondere bei Zeitungshäusern momentan den Eindruck, irgendjemand habe ihnen als Mantra mit auf den Weg gegeben: Video. Video. Video. Und alles wird gut. Sehr viel anders kann man es sich kaum erklären, dass es plötzlich nahezu jede deutsche Tageszeitung auf ungefähr so viele Sendeminuten am Tag bringt wie jeder durchschnittliche freiberufliche deutsche Fernsehjournalist.

Gegen die Befreiung des bewegten Bildes aus den Fernsehketten gibt es ja grundsätzlich auch nix zu sagen (ebenso wenig, wie man ein grundgesetzliches Kameraverbot für Laien fordern sollte, obwohl die Verlockung manchmal groß ist, sehr groß). Nur: Können sollte man es schon ein bisschen, diese Videoproduktion. Nicht nur, weil man auf die Dauer den Leser/Zuschauer ziemlich nervt mit fröhlichem Rumdilettieren, man läuft zudem auch noch die Gefahr, sich ein wenig lächerlich zu machen. Insofern ist mit der Einführung von Videos (wahlweise auch genannt: Webvideos, IPTV, Internetvideos) per se erst einmal noch gar nichts gewonnen. Und irgendwann ist dann auch der Effekt des Neuen wieder vorbei. Ganz so wie im Wohnzimmer beim sechsten oder siebten Bestaunen des Filius in der Sandburg. Video kills the radio star, hier es mal in den 80ern, Video kills gar nix, darf man heute sagen. Noch grassiert der Hype in den Blättern, 2009 wird er vorbei sein, spätestens dann, wenn auch dem Letzten klar geworden ist, dass bewegte Bilder nicht nur viel Zeit und Geld kosten, sondern auch viel Können erfordern. Übrig bleiben also die Guten, beim Rest wird der Camcorder in der Kameratasche verstauben.

So wie im echten Leben halt auch.

Christian Jakubetz

Autor: Gastblogger Kategorie: A bis Z, Ausbildung, Zukunft des Journalismus | 1 Kommentar »
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