15.4.2008

GASTBLOG: Willkommen im Echtzeit-Internet!

Schnell ist nicht aktuell genug: Das Internet entwickelt sich immer mehr zu einem Medium, das Informationen ohne Zeitverzögerung in Echtzeit liefert – als multimedialer Stream mit Ton und Bewegtbild.

Treiber dieser Entwicklung sind Technologie-Provider, die es jedermann ermöglichen, eine eigene TV-Station im Netz zu starten. Dies wird einerseits dazu führen, dass Legionen von Wohnzimmer-Komikern das Netz mit Blödsinn belustigen. Auf der anderen Seite haben Live-Streaming-Dienste aber vor allem ein großes journalistisches Potential.

Das Live-Broadcasting ist ein vergleichsweise junges Marktsegment in der digitalen Welt. Die amerikanischen Marktführer Justin.tv und Ustream.TV sind erst vor 18 Monaten gegründet worden, beide Plattformen sind zuletzt sehr stark gewachsen. Ustream.TV konnte seine Reichweite in den vergangenen sechs Monaten nach eigenen Angaben um 325 Prozent steigern, Alexas Kurven lassen bei Justin.tv sogar ein noch stärkeres Wachstum vermuten.

So war es dann auch keine sonderlich große Überraschung, als YouTube im Februar ankündigte, seine Plattform ebenfalls mit einem Live-Streaming-Service zu erweitern. Mit Zaplive.tv (Freiburg) und Webzooms.tv (Karlsruhe) haben in diesen Tagen auch zwei deutsche Anbieter den Markt betreten – sie befinden sich in einem frühen Betastadium.

Charmant: Wer aus eigener Kraft die Infrastruktur für eine skalierbare Streaming-Plattform finanzieren muss, braucht tiefe Taschen, um die Server-Hardware und die Kosten für die Datenübertragung zu bezahlen. Mit Service-Providern wie Ustream.TV sind die Investitionskosten für Live-Journalisten dagegen überschaubar: Es braucht einen DV-Camcorder, ein Mikrophon, ein Notebook und eine (mobile) Internetverbindung. Das genügt, um jederzeit mobil und live berichten zu können. Noch dazu liefern Ustream & Co. nützliche Features: Es gibt einen Chat, man kann die eigene Übertragung aufzeichnen und den Player mit wenigen Zeilen Code in die eigene Website einbinden.

Doch es geht noch einfacher! Bei Diensten wie Flixwagon oder Qik (das Thomas Knüwer vom Handelsblatt bereits im Januar beim Super Bowl getestet hat) braucht es nur ein Handy und eine halbwegs breitbandige Internetverbindung, um in Echtzeit mit dem eigenen Mobilfunkgerät einen Live-Stream zu produzieren. Der amerikanische Blogger Robert Scoble hat das vor wenigen Tagen bei einem Campfire-Treffen von Google vorgeführt.

Auf fudder haben wir Ustream.TV in den vergangenen Wochen ausgiebig getestet. Der Anlass: In den Playoffs der Eishockey-Oberliga haben sich die Freiburger Wölfe und die Hannover Indians ein denkwürdiges Marathon-Duell geliefert, das erst nach sieben Aufeinandertreffen entschieden wurde. Fudder hat die Spiele live aus den Stadien in Freiburg und Hannover via UMTS in voller Länge übertragen – als Webradio mit einem Audio-Stream. Auf die Übertragung von Bewegtbildern haben wir verzichtet, weil die Rechtesituation unklar war.

Die Vorbereitungen und das Setup haben nur wenige Minuten in Anspruch genommen. Unsere Ausrüstung: ein Notebook, ein Headset und eine UMTS-Karte. Wir haben den Audio-Stream als Widget in unsere Website eingebunden – die Resonanz war verblüffend.

Das Angebot war ein echter Traffic-Magnet. Parallel zu den Übertragungen haben die User auf Ustream gechattet und auf fudder in den Kommentaren mitgefiebert, wodurch unser Radiokommentator und das Publikum interagieren konnten. Die Stabilität des Streams und die Tonqualität waren (bis auf wenige Ausnahmen) ausgezeichnet. Wer sich die Aufzeichnung des fudder-Streams aus dem dramatischen entscheidenden Spiel anhört, kann verstehen, welch journalistisches Potential Live-Broadcasting im Netz haben kann.

Nach diesem recht viel versprechenden Testlauf werden wir uns intensiver der journalistischen Konzeptarbeit widmen: Welche Formate könnten auf lokaler Ebene im Live-Web funktionieren? Meinungen und Ideen gerne in die Kommentare!

Markus Hofmann

Autor: Gastblogger Kategorie: A bis Z, Zukunft des Journalismus | Keine Kommentare »
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