Ein Lese-Mal
“Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“ Ein prophetischer Satz, den Heinrich Heine 1821 schrieb – und ein bedrückender Film, den Julius Schoeps und Werner Treß im Newsroom der Axel Springer Akademie zeigten: Bilder vom 10. Mai 1933, als die Nazis vermeintlich “undeutsche” Schriften tonnenweise öffentlich dem Feuer übergaben. Jetzt werden die Bücher zu neuem Leben auferstehen.

Stellten sich kritischen Fragen: Prof. Julius Schoeps (rechts)
und Werner Treß (Foto: Anastasia Iksanov).
Über die Beamerwand flackern Szenen von Uniformierten, die Bücher in die Flammen werfen, von Nazi-Parolen und von Schaulustigen, die teils mit Jubel reagieren. 75 Jahre ist das Ereignis her, das sich so oder in ähnlicher Form in dutzenden Städten wiederholte.
Mehr als 200 Werke namhafter Dichter und Denker wurden verbrannt. Jetzt wollen die beiden Historiker Schoeps und Treß vom Moses-Mendelssohn-Zentrum für europäisch-jüdische Studien eine Auswahl davon neu herausgeben und zu einem “lebendigen Mahnmal” zusammenfassen.
Die Idee: Zwei große Bücherregale voll mit den Werken der Verfemten, von Heinrich Mann, Anna Seegers, Sigmund Freud, Rosa Luxemburg, und all den anderen Autoren. Die Hoffnung: Genügend Geld (rund fünf Millionen sind von Nöten) zu sammeln, um jedem Gymnasium in Deutschland zwei solcher Regale mit all den Werken übergeben zu sollen. Wenn auch nur ein oder zwei Schüler pro Schuljahr das eine oder andere Opus aus den Regalen liest, hätte man eine tausendfache Verbreitung seiner Inhalte. “Ein Mahnmal, nicht aus Stein gehauen oder Eisen gegossen, sondern zum lesen”, wie Prof. Schoeps betont. Ein Lese-Mal sozusagen.
Vor den Journalisten der Akademie ist er überzeugt, dass die Idee sich durchsetzen wird. Mit Schulen in Berlin und Brandenburg werde man am 10. Mai den Anfang machen – auch wenn dann wegen der Pfingstferien kaum ein Schüler davon Notiz nehmen möchte. “Damit können Prozesse in Gang gesetzt werden, zum Beispiel eigene Nachforschungen zur Bücherverbrennung, etwa ein Blick ins städtische Zeitungsarchiv.”
Dass Jugendliche heute vielleicht eher über moderne Medien einen Zugang finden könnten als ausgerechnet über Reprints, über zeitgenössische Auseinandersetzung als ausgerechnet über Literatur aus einer Zeit, zu der viele längst den Bezug verloren haben, das mochten die beiden Initiatoren nicht gelten lassen.
Erfolg wäre der Aktion sicher dennoch zu wünschen. Denn natürlich stimmt Prof. Schoeps’ Hinweis, dass sich die von den Nazis durchgeführte “Aktion wider den undeutschen Geist” gegen den kritischen Geist insgesamt wandte – und somit die Schrecken der Nazi-Herrschaft erst möglich machte. Die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 war nur ein Vorläufer dessen, was die Menschen in den darauf folgenden Jahren noch erwarten sollte. Heinrich Heine hatte ja leider mit seiner These in erschreckender Weise Recht behalten.
Cordula Posdorf, Sebastian Geisler
Autor: student Kategorie: A bis Z, Gäste der Akademie | Keine Kommentare »
Tags: Akademie, Bücherverbrennung, Heinrich Heine, Julius Schoeps, Newsroom, Studium generale
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