GASTBLOG: Journalismus der Zukunft
Harald Martenstein kokettiert gerne, wenn er über ein Thema schreiben soll, was ihm seine Redaktion vorgibt. Ich glaube, Kolumnisten sind in dieser Hinsicht sehr eitel. Sie beschweren sich erst, und sind dann doch total kreativ. Das ist wie mit meinen Mitschülerinnen, damals im Deutsch-LK. Die kamen aus jeder Klausur mit einem Gefühl tiefster Trauer und haben mir bei der Rückgabe ihre “Sehr gut” unter den Augen hin und her gewedelt. Heute habe ich für diesen Text auch ein Thema bekommen. Journalismus im Jahre 2018.
Morgen findet in der Axel Springer Akademie ein Symposium zum Journalismus der Zukunft statt. Die Initiative “Deutschland Land der Ideen” lobt in diesem Jahr jeden Tag einen anderen Ort aus, an dem Impulse für die Zukunft des Landes der Dichter und Denker ausgehen. Für Mittwoch ist Berlin ausgesucht, genauer – es wird die Axel-Springer-Straße 65 sein. Da bietet es sich doch an, wenn das Blog der Akademie vorher einen passenden Beitrag zu diesem großen Tag hat, sagte man mir.
Ich bin nicht so gut im Vorraussagen der Zukunft. Ich bin kein Medium und stehe auch nicht auf dieses Astro-TV im Nachtprogramm. Auch bin ich noch keine 30 Jahre im Geschäft, sodass ich jetzt auf so viel Erfahrung zurückgreifen kann, um neben einem doppelten Espresso einen Referenzleitartikel runtertippen zu können. Vor zehn Jahren habe ich noch Schülerzeitung gemacht und eine CD-Rom von AOL in den Computer gelegt, um die 30 Freistunden zu nutzen. Aber irgendwie muß ich doch herausfinden, wie denn jetzt die Zukunft des Journalismus ist.
Wir haben für den “Was mit Medien”-Podcast (den gibt es ab Freitag auf Welt Online) ein Interview mit Charlotte Roche gemacht. Sie glaubt, dass im Fernsehen alles immer schlimmer wird. Wenn sich schon heute die Sender nichts mehr trauen, wie soll es dann in der Zukunft aussehen? Heute muss jede Minute Geld bringen. Als Roche anfing, hatten die Sender noch den Mut ein Format im Programm zu behalten, weil die Redaktion an das Format glaubten; weil man dieses Format einfach machen musste und nicht weil es die Cash-Cow war. Selbst bei Viva oder MTV war das so. Online findet sie heute spannend, hat sich aber noch nicht rangetraut. Da fühlt sie sich ein wenig wie die Oma, die alles toll findet, aber lieber nur zuguckt. Eine Sache ist aber noch nicht so gut: Es hat sie noch kein Internetfernsehformat überzeugt. Da müsse sich in den nächsten zehn Jahren noch so einiges entwickeln. Charlotte rechnet auch damit, dass es immer speziellere Angebote in den Medien geben wird. Das sei auf der einen Seite gut, bedeutet aber dann auch, dass immer weniger dann am Montag Morgen über die “Wetten dass …?” Sendung vom letzten Samstag Abend reden. Aber das sei dann halt so.
Vielleicht bringt mich der Blick in die Vergangenheit auf eine Idee, wie Journalismus 2018 aussieht. Am 26. Mai 1998 hatte Spiegel Online folgende Schlagzeilen auf der Startseite: Der SPD-Vorsitzende Lafontaine und Fraktionschef Scharping gehören zur Kernmannschaft, mit der SPD-Kanzlerkandidat Gerhard Schröder in den Wahlkampf zieht. Der SPD-Politiker Reinhard Höppner ist als Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt in seinem Amt bestätigt worden und der CDU-Bundestagsabgeordnete Otto Hauser bemängelte die bisherige Öffentlichkeitsarbeit der Regierung (Kohl) und will es besser machen. Außerdem ein Thema: Ex-”Bild”-Chef Tiedje wird Wahlkampfberater von Helmut Kohl und der Rücktritt Merkels sei “unausweichlich”. Ja, schon vor 10 Jahren ist Merkels Rücktritt gefordert worden. In der Affäre um verstrahlte Atommüll-Behälter hat nach den Grünen nun der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Peter Struck, den Rücktritt von Umweltministerin Angela Merkel gefordert – so las es sich damals. Außerdem waren deutsche Aktien noch im Höhenrausch und die Republik freute sich über die Meldung, dass die Regulierungsbehörde nicht mehr mit der Telekom telefonieren wollte, sondern mit Talkline. Dazu: 6 Tote durch Viagra und Häkkinen gewinnt den Großen Preis von Monaco. Wenn die damals gewusst hätten …
An die neuen Rollen der Nachrichten-Akteure haben wir uns heute wunderbar gewöhnt. Aber die neuen Rollen so mancher Nachrichten-Macher und Journalisten sind mir wirklich fremd. Nehmen wir Ulrich Wickert. Das Bild, wie er auch schon 1998 die Tagesthemen präsentiert, ist fest in meinem Kopf eingebrannt. Wenn er jetzt auf zoomer.de im Strickpulli vor der weißen Bücherwand Kommentare in seinen Computer spricht, bin ich immer noch irritiert. Genauso geht es mir bei Martenstein oder Matussek. Das sind für mich Printmenschen. Ich will die lesen und nicht sehen. Fasziniert schaue ich die mir aber dann doch an. Vielleicht macht das die Zukunft aus: Sich auf neue Rollen im Journalismus einlassen.
Auf jeden Fall kann ich diesen Text im Jahre 2018 aufrufen, weil er noch in irgendwelchen Archiven schlummert. Es ist natürlich alles ganz anders gekommen, und über die Ideen meines Textes muss ich bestimmt schmunzeln. Dann werde ich deswegen kokettieren. Ich glaube 2018 kokettieren Journalisten immer noch.
Daniel Fiene
Autor: Gastblogger Kategorie: A bis Z, Ausbildung, Zukunft des Journalismus | 1 Kommentar »
Tags: Akademie, Charlotte Roche, Daniel Fiene, Gastblog, Podcast, Zukunft des Journalismus
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