17.6.2008

GASTBLOG: Die Freiheit, zu schreiben – in Vietnam

Nachdem ich einige Monate lang aus Kambodscha berichtet habe, bin ich nun ein Land weiter gereist und lebe in Saigon, genauer Ho Chi Minh City. Wie sieht es hier mit der Pressefreiheit aus und der Möglichkeit, seine Meinung auch öffentlich zu äußern? Schlecht natürlich, wenn man westliche Maßstäbe anlegt. Vietnam ist ein kommunistisches Land (oder sozialistisch, ganz wie es beliebt), und da gelten andere Regeln.

Zwei Beispiele, wie weit man nicht gehen kann: Als im April in Saigon das olympische Licht in Form der Fackel erstrahlte, gab es wie in den meisten Ländern auch Proteste. Die waren aber nicht im Sinn der Regierung, und Berichte darüber auch nicht. Ein junger Blogger namens Nguyen Van Hai hatte noch nicht einmal ein Bild gemacht und wurde trotzdem verhaftet, und zwar eine Woche vor dem Fackellauf. Der bekannte Citizenreporter wurde festgenommen, weil er angeblich zu wenig Steuern gezahlt hat.

Die Zeitungsjournalisten Now Nguyen Van Hai und Nguyen Viet Chien traf es aus anderen Gründen: Sie wurden bestraft weil sie die Überbringer der schlechten Nachricht waren. Sie hatten über einen Korruptionsskandal geschrieben, wurden aber des Missbrauchs von persönlicher Macht angeklagt und verurteilt – genau jenes Vergehen, dessen die Protagonisten Ihres Artikels eigentlich schuldig waren. Beide Beispiele zeigen, dass Vietnam zwar wirtschaftlich längst das Nachbarland Kambodscha, Burma und Laos abgehängt hat und Unternehmen nie gekannte Freiheiten haben. Was aber die öffentliche Meinung angeht, wollen Partei und Regierung noch immer die Kontrolle haben.

Es geht dabei, und das ist in vielen asiatischen Ländern so, nicht um Wahrheit, sondern um Nützlichkeit von Artikeln. Auch der kritischste Artikel muss dem Land nutzen, der Regierung, dem Volk. In einer Kultur, in der der einzelne kaum eine Rolle spielt, Hierarchien und Titel aber wichtig sind für die Gesellschaft, bewegen sich Journalisten auf dünnem Eis. Es wird spannend sein zu beobachten, ob vom Wirtschaftsboom nicht nur das Volk, sondern auch der einzelne profitiert. China gilt dabei für viele Länder als Maßstab.

Thomas Wanhoff

Autor: Gastblogger Kategorie: A bis Z, Zukunft des Journalismus | Keine Kommentare »
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