GASTBLOG: Moderation von User-Kommentaren – worauf kommt es an?
Nachrichten auf Papier erzeugen Information, Nachrichten im Internet Konversation. Nutzer-Kommentare sind ein unverzichtbarer Bestandteil von journalistischen Webangeboten – auch wenn sie häufig Konflikte bergen.
Worauf kommt es an, damit die Kommentarfunktion nicht “zu einem Debattierklub von Anonymen, Ahnungslosen und Denunzianten” degeneriert?
1) Moderation
Wie schafft man es, dass sich die Teilnehmer einer Community korrekt benehmen und an die Regeln halten? flickr-Gründerin Caterina Fake hat den erfolgreichen Aufbau einer Community einmal mit einer Party verglichen: “Jede Party braucht einen Gastgeber, der die Menschen einander vorstellt und ihnen aus dem Mantel hilft.”
Ohne Moderatoren geht es nicht! Jede Online-Community, die ohne aufmerksame Sheriffs sich selbst überlassen wird, endet irgendwann mit einer Vendetta.
2) Den richtigen Ton finden
Kein User will von einem Moderator gemaßregelt werden, der wie ein hochnäsiger Jurastudent daherkommt. Moderatoren müssen ihre Maßnahmen wie Menschen erklären, und nicht wie Paragrafenautomaten oder Roboter.
Auf unserem Freiburger Portal fudder haben wir die Erfahrung gemacht: Auch bei Diskussionen, die ziemlich aus dem Ruder liefen, konnte die richtige Ansprache im richtigen Ton an den richtigen Adressaten Wunder bewirken. Es gibt aber natürlich immer wieder Fälle, bei denen nur ein Mittel hilft: den Thread konsequent zu schließen.
3) Die Redaktion muss selber präsent sein
Wenn sich der Autor eines Artikels selbst an der Diskussion beteiligt, hat das fast immer einen positiven Effekt auf die Qualität der Debatte. Die User merken dann: Die Redaktion kümmert sich um uns und nimmt die Debatte ernst.
Dazu gehört unbedingt der richtige Umgang mit Fehlern. Im Netz wird fast jeder inhaltliche oder handwerkliche Klops in den Kommentarbeiträgen sichtbar. User lieben es, Journalisten auf die Finger zu klopfen. Je souveräner und offener eine Redaktion damit umgeht, umso konstruktiver sind die Reaktionen der Nutzer.
4) Fortschritt durch Technik
Social Software bietet viele Stellschrauben, die den Grad der Kontrolle, die eine Online-Redaktion auf die Debatte ausüben kann, definieren. Oder die dem User Anreize geben, ein guter User zu sein. Dazu gehören: Eine komfortable Zwangsregistrierung, die zufällig vorbeipolternde Debattenhooligans abschreckt. Ein durchdachtes Reputationssystem, das dem User hilft, in einer Diskussion Autorität zu signalisieren. Eine Flaming-Sperre, die reguliert, wie viele Minuten vergehen müssen, bis ein User erneut kommentieren darf. Meldefunktionen, über die Nutzer die Redaktion über Anstößiges informieren können. Die Möglichkeit, die Kommentierbarkeit eines Artikels selektiv zu beenden, wenn die Debatte eskaliert.
5) Don’t feed the Trolls
Es gibt immer einige Provokateure, die sich in virtuellen Debatten nicht an die Regeln halten (was psychologisch erklärt werden kann). Die älteste Community-Regel lautet deshalb: Ignoriere die Trolle. Oder: “Never wrestle with a pig. You both get dirty, but the pig likes it.”
Die User der amerikanischen Politik-Community “The Daily Kos” haben ihren eigenen Weg beschritten, um Trolle zu vertreiben. Sobald sich ein Troll in die Debatte einklinkt und Blödsinn postet, veröffentlichen andere Mitglieder, die an einer konstruktiven Debatte interessiert sind, ganz einfach Kochrezepte.
Im Laufe der Zeit haben sich so viele leckere Rezepte angesammelt, dass die Betreiber der Plattform ein 144 Seiten dickes “Trollhouse Cookbook” veröffentlicht haben. Motto des Buchs: “Zu viele Köche verderben den Brei, aber viele Trolle sorgen für ein leckeres Dinner!”
Stefan Niggemeier hat sich kürzlich gefragt, ob Artikel-Kommentare denn überhaupt gelesen werden, “außer von den Verrückten, die da ein merkwürdiges Mitteilungsbedürfnis ausleben”. Ich glaube: Kommentare werden – genau wie Leserbriefe in der Zeitung – sehr intensiv wahrgenommen!
Die Klickstatistik von fudder nährt diese These durch folgendes Beispiel: In Freiburg soll mitten in der Stadt ein großer Platz vor der Universität umgebaut werden. Der Entwurf des Architekten ist sehr umstritten, da der neue Platz, so ein fudder-User, “den Wohlfühlfaktor eines ukrainischen Exerzierfeldes” habe.
Der fudder-Artikel über dieses Thema war im Mai unter den Topscorern der beliebtesten Artikel. In den Kommentaren habe ich ganz am Anfang der Diskussion einen Link zu einem themenverwandten Artikel veröffentlicht, der zwei Jahre lang ziemlich ungeklickt im Archiv zu finden war. An diesem Tag schossen die Zugriffe jedoch nach oben. Mindestens jeder dritte Leser des aktuellen Artikels klickte in den Kommentaren auf den Link zum Archivartikel – und legte damit offen, dass er die Diskussion in den Kommentaren verfolgte.
Lesenswert:
* Matthew Haughey (Fortuito.us): Some Community Tips for 2007
* Cyberjournalist (Swimming Pool Rules von Caller.com): Before you post a comment, consider this…
* Online Journalism Review: Five rules for building a succesful online community
* Todd Zeigler (Bivingsreport): The New York Times and the ideal way to handle Comment Moderation
Markus Hofmann
Autor: Gastblogger Kategorie: A bis Z, Ausbildung, Zukunft des Journalismus | Keine Kommentare »
Tags: Blog, Community, Freiburg, fudder, Gastblog, Journalisten, Markus Hofmann, Moderation, Niggemeier
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