19.8.2008

GASTBLOG: Die Jugend in Essen

Am letzten Wochenende habe ich die Jugend in Essen getroffen. Ich war sehr gespannt; jammern doch in letzter Zeit viele Chefredakteure über fehlenden talentierten Nachwuchs. Ein Chefredakteur erzählte mir, neuerdings sogar Praktikanten während des Vorstellungsgesprächs vor die Tür zu setzen, wenn die sich nicht auskenne. Die würden oft nicht mal mehr Zeitung lesen.

Am Wochenende fand in Essen das jugend medien event statt. Die Junge Presse organisierte für alte Schulhasen und junge Studenten über 100 Seminare und eine Fahrt zum ZDF für alle, die mal irgendwas mit Medien machen wollen.

Zusammen mit Franziska habe ich ein Seminar zum Thema “Podcasting und Internet-TV” gegeben. Wir haben die Gelegenheit genutzt und “die Jugend” mal gefragt, was die so im Internet treiben: Tatsächlich – “Chatten bei SchülerVZ, StudiVZ, MeinVZ und Facebook” geht als Sieger aus unserer Mini-Umfrage hervor. Hinzu kommt noch “Videos schauen” und manchmal auch die Wikipedia oder Online-Games.

Ich glaube, wenn Medien junge Leute erreichen wollen, müssen die genau diese Internet-Formen nutzen.

Drei Dinge sind mir aufgefallen.

1. Stirbt die E-Mail? Franzsiska hat die E-Mail bereits als Ü25-Medium bezeichnet. Auch wenn Dienste wir ICQ oder die Messages bei den VZs am Häufigsten genannt wurden, scheint die E-Mail-Nutzung nicht groß zurückzugehen. Denn 75 Prozent der Jugend nutzt E-Mails – bei den Senioren sind es 81 Prozent. 2005 waren es bei den jungen Leuten “nur” 70 Prozent – sagt zumindest die ARD/ZDF-Onlinestudie. Vielleicht ist es so, dass für die Jungen Leute per IM einfach die wichtigere Kommunikation abläuft.

2. Viele hippe Web 2.0 Angebote werden gar nicht von “der Jugend” genutzt, sondern von den älteren Jungen. Kürzlich stellte ich das bereits fest. Der typische Twitter- oder Qype-Nutzer ist deutlich über 20. Oft auch über 30. Lukas von Coffee and TV war auch Seminarleiter und überlegt: Es “sind auch längst nicht alle Leute, die heute jung sind und einen Computer einschalten können, digital natives. Bei einigen besteht das Internet aus der “Dreifaltigkeit” (Till) Google, StudiVZ und Wikipedia.”

3. Das Leitmedium der Schülerreporter ist weiterhin die Schülerzeitung. Auch wenn nervige Druckkosten und der übliche Anzeigenstress eigentlich für Online-Publikationen sprechen, scheinen alle noch auf das gute alte Printprodukt zu schwören. Innovative junge Onlinemagazine sind uns nicht über den Weg gelaufen. Franziska schreibt: “Während die E-Mail also ausstirbt, man im Netz chattet, flirtet oder spielt – den Journalismus lernt man immer noch über ein Printprodukt kennen. Eigentlich schade, weil man doch im Netz viel mehr ausprobieren, auch gleich ein bisschen Radio- oder Videojournalist spielen kann.”

Vielleicht ist das symptomatisch für die neue Journalisten-Generation. Fast alle, die ich in den letzten Monaten getroffen habe, wollen “zur Zeitung”, “zum Radio” oder “zum Fernsehen”. Niemand will “online machen”. Vielleicht ist das die Chance für den talentierten Nachwuchs von heute. Wenn die Nutzung von Internet im Vergleich zu TV und Radio immer stärker zunimmt, dann brauchen wir schon bald viele Online-Spezialisten.

Daniel Fiene

Autor: Gastblogger Kategorie: A bis Z, Ausbildung, Zukunft des Journalismus | 6 Kommentare »
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6 Kommentare zu “GASTBLOG: Die Jugend in Essen”

  1. Eva

    Oh, es gibt durchaus ein paar ernstzunehmende Online-Schülerzeitung, siehe die Preisträger des diesjährigen Spiegelwettbewerbs! Wenn ich das jedoch meiner Schülerzeitungsredaktion vorschlage und die oben genannten Argumente anbringe, bekomme ich doch immer ein vernichtendes zurück: Dass man als Schülerzeitungsmacher doch was in der Hand halten will, die eigene Arbeit anfassen können. Was soll ich da noch entgegnen?

  2. daniel fienes weblog » Blog Archive » fiene & offline in essen

    [...] der Jugend im Netz und warum niemand was mit Online machen möchte. Meine Notizen gibt es im Jepblog und die von Franzi in ihrem [...]

  3. Peter Stawowy

    Das sind aber keine wirklich neuen Erkenntnisse. Blättert man durch verschiedene Studien, kommt man schnell zu dem Schluss, dass das Netz gerade bei jungen Leuten in erster Linie der Kommunikation dient.

    Auch der Blick in die einschlägigen Angebote zeigt: Journalismus für junge Menschen ist im Netz ein sehr hartes Brot. Es gibt Spiegel-Online für die jungen Herrschaften – und dann lange nix.

    Abgesehen davon: An welchen Vorbildern sollten sich Nachwuchs-Journalisten bitte orientieren, wenn sie sich für Online-Journalismus interessieren würden? An den A-Bloggern? Mhm…

    Last but not least: Das Gejammere über den untalentierten Nachwuchs – das ist bestimmt so alt wie der Journalismus selbst. Also einfach ignorieren.

  4. JakBlog » Wegen ungünstiger Witterung fand die deutsche Revolution in der Musik statt

    [...] Dass dem nicht so ist, stelle ich seit einigen Jahren mit einem gewissen Befremden fest; hier und hier diskutiert man dieses Phänomen aktuell [...]

  5. daniel

    @peter: natürlich ist das nichts neues. aber von jahr zu jahr kann man sich mehr wundern, dass diese alter erkenntnis immer noch gültigkeit hat. ich hatte ehrlich ein paar mehr online-ideen erwartet.

    was die vorbilder angeht: tja … ich weiß es nicht. wenn nicht mal du es weißt ;)

    was den (fehlenden) untalentierten nachwuchs angeht: mich wundert es auch, dass vielle chefredakteure erade jammern. aber wenn das schon immer so war, dann ist das ja beruhigend. was den talentierten nachwuch angeht, ich denke der kann sich gerade durch online beweisen. aber das schrieb ich ja bereits.

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