4.10.2008

In 80 Stunden um die (halbe) Welt

Ich spreche von Blitzbesuch, Claus Strunz nennt es Menschenversuch: Wir wollen uns vier Redaktionen in den USA anschauen, die bejubelte “Huffington Post” in New York, die krisengeplagte “Chicago Tribune”, den Local-Online-Hero “San Francisco Chronicle” und die Krake “Google” im kalifornischen Mountain View – alles zusammen in 80 Stunden, von Tür zu Tür, mehr Zeit ist nicht.

Flughafen Berlin-Tegel, 8.10 Uhr, Abflug nach Düsseldorf. Die erste Flugstunde von 30 in den nächsten dreieinhalb Tagen. Wir checken nur mit Handgepäck ein – bloß keine Zeit an Gepäckbändern verlieren.

12.20 Uhr Eastern Standard Time, Ankunft in New York. Wir treffen den BamS-Korrespondenten und Feierabend-Blogger Michael Remke, der die Redaktionsbesuche für uns organisiert hat. Zwei Stunden später sitzen wir in SoHo im Büro von Betsy Morgan, früher General Manager für CBSnews.com, heute CEO der “Huffington Post”. Erst vor ein paar Tagen sei Hubert Burda hier gewesen, um sich das weltweit beachtete “Internet Newspaper” anzuschauen, und er sei begeistert gewesen.

2005 von Arianna Huffington gegründet, ist die HuffPo mit – nach eigenen Angaben – inzwischen fast 20 Millionen Besuchern im Monat “the most powerful blog in the world” (“Observer”). “Time” zählt Arianna Huffington zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt, die “New York Times” spricht von “Citizen Huff”, der “Spiegel” von einer “elektronischen Dinnerparty”. Hinter der Kulisse sieht es weniger aufregend aus.

Was Betsy Morgan “our headquarters” nennt, hat den Charme einer Start-up-Klitsche. Die Sales People in einem kleinen Mietbüro am Ende eines verwinkelten Flures, die Redaktion eine Etage höher am Ende eines weiteren verwinkelten Flures, dazwischen viele andere kleine Firmen. Ein Dutzend Leute sitzen vor ihren Monitoren, keiner älter als Mitte 20, alle dicht an dicht an langen schmalen Tischen, neben den Tastaturen Bowls mit Joghurt und Coffee to go.

Eine fundierte journalistische Ausbildung haben die wenigsten, einen Redaktionsleiter gibt es nicht, das übernimmt Chief Operating Officer Chris neben Sales und Marketing gleich mit. Wer entscheidet, was online geht?

“Jeder für sich”, sagt Betsy, “aber Arianna schaut regelmäßig aus Kalifornien über die Seite.” Gibt es eine gemeinsame Themenkonferenz? “Das hält nur vom Arbeiten ab.” Sieht so die Zukunft des Journalismus aus? “Wir sind ein Teil davon, aber wir brauchen auch traditionelle Medien, ohne die kämen wir nicht an unsere Themen.”

Die gesamte Company hat 43 feste Mitarbeiter und 2.000 Blogger, die fast alle kostenlos arbeiten. Man verdient Geld, heißt es. Stimmt das? “Not quite yet.”

In Chicago hat die HuffPo gerade ihre erste Lokalausgabe gestartet (Angestellte: 1), man bedient sich “lokaler Quellen” und der kostenlosen Mitarbeit freier Blogger, weitere Städte sollen bald folgen.

Chicago ist auch unser nächstes Ziel. Eine kurze Reise in die glorreiche Vergangenheit der amerikanischen Zeitungsgeschichte – und ihre traurige Gegenwart.

Fortsetzung hier

Autor: jep Kategorie: A bis Z, Zukunft des Journalismus | 1 Kommentar »
Tags: , , , , ,

Verwandte Artikel

Ein Kommentar zu “In 80 Stunden um die (halbe) Welt”

  1. jep

    Ein lesenswertes aktuelles Huffington-Portrait im “New Yorker”.

Einen Kommentar schreiben