5.10.2008

In 80 Stunden… (zweiter Tag)

Der Wecker klingelt kurz nach fünf, Ende einer Jetlag kurzen Nacht. Abflug nach Chicago um 7.55 Uhr, Frühstück leider wieder nur im Flieger. Gut drei Stunden später, 435 North Michigan Avenue, der Anfang der “Magnificent Mile”.


Nach bald 50 Stunden etwas durch den Wind:
Jan-Eric Peters und Claus Strunz (rechts)
in Chicago, the windy stormy city

Vor uns türmt sich der neogotische Tribune Tower 36 Stockwerke in den Himmel. Die Kathedrale des Journalismus beherbergt die 1847 gegründete “Chicago Tribune”, die sich einst stolz “The World’s Greatest Newspaper” nannte. Heute ist die Trib ein Symbol für den Niedergang des amerikanischen Zeitungsjournalismus.

Randall Weissman ist seit mehr als 40 Jahren hier, er war Reporter, Seite-Eins-Redakteur, Deputy Managing Editor. Seit kurzem, die neuen Visitenkarten sind noch nicht gedruckt, ist er News Administration Editor und für das Redaktionsbudget und die Redaktionstechnik verantwortlich. Er führt uns durch den Newsroom zur Morgenkonferenz.

Eine Großraum-Redaktion, wie man sie aus amerikanischen Fernsehserien kennt: beigefarbene Cubicles so weit das Auge reicht. Die Boxen sind Standard in praktisch allen Redaktionen in Amerika, auch in Asien, machen erfolgreiches Arbeiten nach felsenfester Überzeugung vieler deutscher Journalisten aber ganz und gar unmöglich. In Chicago sind in diesen Arbeitsnischen 24 Pulitzer-Preis-Geschichten entstanden.

Von einem Pulitzer-Preis ist die morgige Ausgabe allerdings denkbar weit entfernt. So langweilig kann Chicago doch gar nicht sein. “Okay. Good.” Mehr Anmerkungen hat der neue Chefredakteur Gerould W. Kern, erst seit zwei Monaten im Amt, trotzdem nicht. Auch in der Seite-1-Konferenz um 15.30 Uhr nicht. Okay. Good.

Die Chicago Tribune und mit ihr der gesamte Konzern, zu dem auch die “Los Angeles Times” gehört, steckt in einer tiefen Krise. Und wenn man einen Tag in der Redaktion verbringt, wird man die Befürchtung nicht los, dass sie da auch nicht so schnell rauskommen wird.

Dabei war die Trib “der Hoffnungsträger der amerikanischen Zeitungsbranche und der Liebling der Wall Street, weil sie ein Rezept für die Herausforderungen des Internets zu haben schien”, wie die “Süddeutsche” vor ein paar Monaten schrieb. Die Tribune Company stand an der Spitze des Multimedia-Journalismus.

Schon vor 15 Jahren hatte der Verlag, der in Chicago auch einen Radio- und einen Fernsehsender betreibt, in der Printredaktion ein TV-Studio eingerichtet. Dort konnten die Zeitungsreporter von ihren Recherchen berichten, noch bevor ihre Texte am nächsten Tag auf Papier zu lesen waren. Kein Unternehmen habe aggressiver versucht, Gewinn aus dem Zusammenspiel verschiedener Medien in einer Stadt zu schlagen, urteilte das “Wall Street Journal”. Und heute?

Heute hat die Trib mit Bill Adee, den wir in Excel-Tabellen versunken vor seinem Computer antreffen, einen Associate Managing Editor for Innovation and for Digital Media. Der ehemalige Sportredakteur hat erfolgreich Social Networks in den Online-Auftritt der Trib integriert. “Wir posten unsere besten Artikel zum Beispiel bei digg.com, und diese Links bringen uns schon fast zehn Prozent unserer unique visitors.” Aber das ist es dann letztlich auch schon, alles andere erscheint konventionell, mühsam nährt sich das Eichhörnchen.

Fragt man Randall nach den Ursachen der Misere, könnte man den Eindruck gewinnen, als hielte er eine Börsennotierung von Medienunternehmen nicht zwangsläufig für günstig. Im Artikel der “SZ” heißt es: “Es gab Fehler des Managements. Dann brachen die Anzeigenmärkte ein.”

Im April vergangenen Jahres kauften der Chicagoer Immobilien-Magnat Sam Zell, der zuvor nie etwas mit Medien zu tun hatte, und Finanzinvestoren die Tribune Company und ihre vielen schönen Immobilien für acht Milliarden Dollar – gemeinsam mit Mitarbeitern des Verlages, die ihre Pensionsansprüche einbrachten.
 
Heute sitzt der Verlag auf 13 Milliarden Schulden. Mehr als 80 Reporter und Redakteure der Trib mussten schon gehen (bei der Los Angeles Times sind es 120 Journalisten). Der Verlag baut stärker aufs Fernsehen, rüstet viele seiner landesweit mehr als 20 lokalen TV-Stationen auf. Jetzt wird das Tafelsilber verkauft. Zum Beispiel der Tribune Tower.

Um 18 Uhr machen wir uns auf den Weg zurück zum O’Hare International Airport, dem zweitgrößten der Welt. Abflug in die nächste Zeitzone. Wir fliegen nach Westen und gewinnen ein paar Stunden. Um 20.35 Uhr startet unsere Maschine nach San Francisco. An Bord gibt es ein paar Nüsse. Unser Dinner.

Fortsetzung hier

Autor: jep Kategorie: A bis Z, Zukunft des Journalismus | 3 Kommentare »
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3 Kommentare zu “In 80 Stunden… (zweiter Tag)”

  1. jep

    Die Tribune will noch mehr sparen, schreibt das “Wall Street Journal”.

  2. jep

    “Und wenn man einen Tag in der Redaktion verbringt, wird man die Befürchtung nicht los, dass sie da auch nicht so schnell rauskommen wird…” Tja, leider.

  3. jep

    Weitere Einschnitte bei der Trib.

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