In 80 Stunden… (dritter Tag)
901 Mission Street. Eine schöne Adresse für eine Redaktion. In dem zweistöckigen Flachbau residiert der “San Francisco Chronicle”, 1865 als “The Daily Dramatic Chronicle” gegründet. Dramatisch ist hier heute vor allem eines: der rasante Verfall der Auflage. Aber es gibt einen Hoffnungsschimmer: Online geht es bergauf.
Editor-at-large und Ex-”Mr. Sharon Stone” Phil Bronstein empfängt uns im hautengen Wollsweater und lässt seine Muskeln spielen. Komplimente über den Chronicle, den er bis Jahresanfang als Chefredakteur geleitet hat, und dessen erfolgreichen Internet-Ableger “SFGate” weist er freundlich, aber deutlich zurück.
“Das News Business ist tot, und keiner weiß, wie wir Klicks zu Geld machen können”. SFGate sei zwar profitabel – aber nur auf dem Papier. “Wenn wir Online alle Reporter bezahlen müssten, die für die Inhalte sorgen, wäre die schöne Erfolgsgeschichte schnell vorbei.” Viele Kosten trägt die Zeitung, und die macht seit langem Miese.
Schon allein das Kleinanzeigen-Portal Craigslist.com, das Craig Newmark Mitte der 90er in der Bay Area gründete, kostet den Verlag viel Geld. Eine Million Dollar, sagt man – und das jede Woche. Das einträgliche Geschäft mit Classified Ads, quasi eine Lizenz zum Gelddrucken, ist weg.
Zu allem Unglück kommt jetzt auch noch die Finanzkrise, die schnell zu einer neuen Anzeigenkrise führen wird. Und weniger Anzeigengeschäft trifft amerikanische Zeitungen härter als deutsche, weil dort ein viel größerer Teil der Erlöse aus der Werbung stammt, etwa 80 Prozent im Vergleich zu den rund 20 Prozent aus dem Verkauf der Zeitungen. In Deutschland liegt das Verhältnis meist bei 50:50.
Nach Auflage ist der Chronicle die zwölftgrößte Zeitung der USA. Zwischen 2002 und 2006 allerdings stürzte sie von täglich mehr als einer halben Million Exemplaren auf 373.000 ab. Immerhin, auf diesem Level hat man sich gehalten.
Aber es muss gespart werden. Jeder vierte Redakteur flog im vergangenen Jahr raus. Bronstein, in den Jahren des Auflagencrashs Chefredakteur, trat im Januar von seinem Posten zurück. Seither sitzt er für den Mutterkonzern Hearst im Basement des Verlagsgebäudes und bloggt für SFGate. “Mit Journalismus künftig noch Geld verdienen, das wird schwer. Gaming – das ist das kommende große Ding.” Sagt’s, und verschwindet zum nächsten Termin.
Wir werden von Steve Procter abgeholt, dem ersten von drei stellvertretenden Chefredakteuren. Ein Zeitungsmann durch und durch. Aber Steve gibt sich keinen Illusionen hin. “Hearst ist eine traditionelle Zeitungs-Company, doch ewig können auch die kein defizitäres Blatt finanzieren.”
Viel hängt von SFGate ab. Das Portal wurde 1993 gelauncht und gehört damit zu den ersten Online-Auftritten amerikanischer Zeitungen. Ich kenne die Seite noch aus diesen Anfangsjahren. Damals, im Sommer 1995, habe ich als Arthur-F.-Burns-Fellow zwei Monate beim Konkurrenzblatt “Contra Costa Times” auf der anderen Seite der Bay hospitiert.
SFGate hat zehn Mal so viele Nutzer wie der Chronicle Käufer und ist damit die Nummer fünf landesweit. Das Angebot ist größer als das der Zeitung, man leistet – the world wide web goes local – viel Service für die Bay Area.
Vor kurzem hat die Redaktion intern ein “Breaking News Center” eingerichtet. Ziel ist es, jeden Tag mindestens zehn, 15 Nachrichten als erstes zu bringen. Die Polizeireporter stellen ihre News direkt vom Cellphone aus online. Auch die anderen Reporter der Zeitung haben das Prinzip verinnerlicht: Online first!
Nicht nur diese Maxime erinnert an Redaktionen in Deutschland. Überhaupt wird auf dieser Reise (wie auf ähnlichen in den Jahren zuvor nach Asien oder in Europa) klar: Die Probleme der Branche sind weltweit die gleichen. Und: In Deutschland hinken wir bei ihrer Lösung nicht hinterher, sondern sind im Gegenteil manchmal sogar einen Schritt voraus. Zum Beispiel beim Redaktionsmanagment: Mehr Leistung mit weniger Leuten als anderswo, um es auf eine kurze Formel zu bringen.
Die ein oder andere hübsche kleine Idee haben wir auf unserer Tour natürlich trotzdem entdeckt, und vielleicht wird sie demnächst ja beim Hamburger Abendblatt in einer hanseatischen Variante neu geboren. Für die Akademie gilt schon seit ihrer Gründung, was uns Betsy Morgan von der HuffPo als Rat für den Nachwuchs mitgegeben hat: “Jeder Journalist muss lernen, dass eine Geschichte nicht fertig ist, wenn sie veröffentlicht wurde, sondern dass sie dann erst richtig beginnt.”
Bevor wir uns auf den Heimweg machen, steht noch ein Termin aus: Wir sind im Googleplex im Sillicon Valley verabredet, keine 100 Kilometer von San Francisco entfernt. Jenny Johnson empfängt uns am Amphitheatre Parkway in Mountain View.
Die weitläufige Zentrale des Suchmaschinengiganten wirkt wie ein Abenteuerspielplatz für große Kinder. Überall Tischtennisplatten, Billardtische, bunte Stühlchen, Cafés, Massageräume undsoweiterundsofort.
Das Gespräch mit dem jungen Mann aus der Kommunikationsabteilung – sehr klug, sehr eloquent und über die Medienbranche besser im Bilde als so mancher Gesprächspartner zuvor – ist dann weniger locker. Ein fensterloser Raum, alles unter drei. Auf jede mögliche Kritik, jeden denkbaren Vorwurf eine eingängige Erklärung, bevor überhaupt eine Frage gestellt ist. Hey man, we came as friends!
Ich gehöre nicht zu den Menschen, deren Miene sich gleich verdunkelt, wenn von Google die Rede ist, beispielsweise weil der Konzern mit dem geistigen Eigentum anderer Geld verdient. Google vereinfacht privat mein Leben – und führt uns gleichzeitig etwa über “Google News” beruflich Nutzer zu, die wir selbst nie erreicht hätten, und ermöglicht uns damit zusätzlichen Gewinn.
Aber als wir das Gebäude verlassen, schaut sich BamS-Korrespondent Michael Remke kurz um fragt leise, als könnte uns jemand belauschen: “Hattet ihr auch das Gefühl, bei Scientology gewesen zu sein?” Ja, genau dieses komische Gefühl hatte ich.
Auf dem Weg zum Flughafen machen wir noch kurz Halt in einer Sportsbar, dem St. Stephens Green in der Castro Street. Für ein Bier, einen Burger und Lipstick Sarah. Das TV-Duell zwischen Sarah Palin und Joe Biden wollen wir uns nicht entgehen lassen. Wir schalten einen der zahllosen Fernseher von Baseball auf Polit-Boxen um und sind überrascht, wie gut sich Palin schlägt.
Um 21.30 Uhr Ortszeit ist unsere Stippvisite in den USA dann beendet: Mission erfüllt, Abflug von San Francisco. Ankunft in Berlin um 20.30 Uhr am nächsten Abend. Es ist geschafft. In 84 Stunden. Geht doch.
The End
Autor: jep Kategorie: A bis Z, Zukunft des Journalismus | 4 Kommentare »
Tags: Google, San Francisco Chronicle
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