Diplomatie ist Subkultur
Dr. Harald Kindermann – der deutsche Botschafter in Israel – besucht die Axel Springer Akademie. Mit den Journalistenschülern spricht er über deutsche und israelische Tabus und darüber, wie man mit ihnen umgeht.

Er ist ein Freund der klaren Worte – im Roten Salon der Akademie und in der deutschen Botschaft in Tel Aviv. “Moderne Diplomatie bedeutet, die Dinge beim Namen zu nennen. Nur eben hinter verschlossenen Türen”, sagt Dr. Harald Kindermann. Diplomatie ist also Subkultur – es ist diese moderne Diplomatie, die Deutschland und Israel prägt und verbindet.
“Das deutsch-israelische Verhältnis ist und bleibt wegen der Shoah einzigartig und ist gleichzeitig so freundschaftlich wie noch nie”, sagt Kindermann. Ein Indikator für das gewachsene Vertrauen gegenüber Deutschland ist für Kindermann, dass Israel begrüßt und sogar gewünscht hat, dass auch deutsche Soldaten den Seeweg vor dem Libanon sichern. Nur wer offen und ehrlich miteinander rede, bringe das Verhältnis zwischen den beiden Gesellschaften nach vorne. “Darum sagen wir seitens der EU den Israelis, wie wir die gegenwärtige Siedlungspolitik sehen und Israelis fordern uns auf, in der Iranpolitik noch weiter zu gehen.”
Seit März 2006 ist Kindermann deutscher Botschafter in Tel Aviv. Er spürt den rasanten Wandel im deutsch-israelischen Dialog. Damals, als 1965 der erste deutsche Botschafter nach Tel Aviv kam, gab es massive Protestdemonstrationen. Deutsch war die Sprache der Täter.
Im Jahr 2008 stellt sich die Frage nach dem Umgang mit der Vergangenheit für Kindermann auf eine andere Weise. Die Verantwortung Deutschlands für den Holocaust bleibt. “Aber von Schuld redet in Israel niemand mehr. Die Generation der Täter stirbt aus”, sagt Kindermann. “Es geht darum, das entsetzliche Trauma zu überwinden, das noch immer viele Familien belastet.” In vielen israelischen Familien sei der Holocaust zwischen der ersten und der zweiten Generation ein Tabuthema gewesen, das nicht angerührt werden durfte. Erst die Enkel trauten sich, nachzufragen. Die Belastung der Vergangenheit bleibe, und breche in den Familien erst langsam auf.
Kindermann kann diesen Prozess nachvollziehen. Er gehörte zu den 68-ern und wehrte sich gegen die “Spirale des Schweigens”, die sich die Eltern auferlegt hatten. “Wir hatten das Gefühl, wir werden zusammengepresst von all den Dingen, über die man nicht reden darf.”
Die Gestaltung der Erinnerung ist für Kindermann ein Weg, um das Trauma des Holocaust zu überwinden. Dabei sei es wichtig, die Menschen zu berühren und zugleich zu informieren. “Der lokale Ansatz ist wichtig, wenn wir der Schoah gedenken”, sagt Kindermann. Ihn selbst berühre es jedes Mal, wenn er vor seinem Haus in seinem Heimatort in Deutschland stehe und auf ein Nachbargebäude blicke, aus dem Juden im Dritten Reich abtransportiert wurden. Die Verbindung von Empathie und Information ist es, was die Erinnerung an den Holocaust ausmache: “Deshalb wird das Holocaust-Mahnmal in Berlin von den Israelis so sehr geschätzt.”
Karen Merkel und Christian Unger / Hans von der Burchard (Foto)
Autor: student Kategorie: A bis Z, Gäste der Akademie | Keine Kommentare »
Tags: Botschafter, Israel, Journalistenschüler
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