Award der Woche für die Wurfsendung
Wie jeden Morgen nach dem Aufstehen ging Herr Behrlich zum Kleiderschrank, um ein frisches Hemd vom Bügel zu nehmen. “Nanu, wieso tropft denn da Wasser aus dem Schrank? – Potzblitz!“

Wenn Herr Behrlich gleich seinen Schrank öffnet, führt darin ein kleines, bärtiges Männchen eine Seeschlacht gegen Piraten. Überlegen Sie sich, wie Sie morgens um kurz nach sechs auf sowas reagieren würden, und hören Sie dann, wie der liebenswerte Herr Behrlich die Krise in seinem Kleiderschrank bewältigt. Es dauert nur 45 Sekunden.
(c) Deutschlandradio Kultur
Herr Behrlich ist einer der absurden Helden der Wurfsendung auf Deutschlandradio Kultur. Die Wurfsendungen sind kleine Hörspielstücke, die zufällig irgendwo im Programm auftauchen. Seit 2004 produziert Deutschlandradio Kultur sie. Weit mehr als 1.000 kleine Stücke sind schon versendet worden, im Frühjahr wurde die erste CD der preisgekrönten Serie veröffentlicht. Von uns gibt es für so viel Abwechslung und Überraschung heute den Award der Woche.
Die meisten Wurfsendungen sind abwegig und witzig, oft sind sie unvorhersehbar komisch. Und es geht immer ganz schnell. Die schwedische Großmutter braucht 26 Sekunden, um herauszufinden ob K. etwas darunter trug. Senftenberg gibt dem Hörer 38 Sekunden, um zu überlegen, ob man wirklich mit ihm verbunden werden will. Und was passiert, wenn man die Zirbeldrüse nicht dübelt, zeigen die zwei unglückseligen Miniroboter Nano und Mü in 49 Sekunden.
Das Archiv auf der Homepage von Deutschlandradio Kultur ist gigantisch und es ist wie mit den meisten Dingen im Internet: Die Suchtgefahr ist enorm. Die Wurfsendungen sind Süßigkeiten fürs Ohr. Sie können Belohnung sein und Bedrohung. Aus 40 Sekunden werden 40 Minuten und man könnte immer weiternaschen.
Die wenigsten sind Vollmilch, viele sind bezaubernd und fremd wie Chilischokolade. Hans-Peter Hallwachs spricht Haikus, kurze Naturgedichte nach japanischem Vorbild. Die Paardialoge sind so echt, dass aus dem Lachen ein Stoßgebet wird. Und reden wir lieber nicht weiter über den Rotschopf, der gar nichts hatte.
Vor vielen, vielen Jahren war es mal modern, in Büropausen Moorhühner abzuknallen. So ein blödsinniges Spiel. Lassen Sie sich lieber von anderen etwas vorspielen. Mit den Hörspielen der Wurfsendung. Wenn Sie wollen, auch in der U-Bahn.
Jan Friedrich Esser
Autor: student Kategorie: A bis Z, Zukunft des Journalismus | Keine Kommentare »
Tags: Award, Deutschlandradio, Kultur, Radio
Verwandte Artikel

