Die Mär der Internetwahl
Neben Sarah Palins Schreibtisch im Oval Office hängen leere Bilderrahmen. “Didn´t graduate“, erläutert sie, wenn man auf einen von ihnen klickt. Klickt man auf das rote Telefon, explodiert das Büro.
Von wem die Flash-Animation von Sarah Palins imaginärer Amtszeit stammt, weiß niemand so genau. Und doch hat diese kleine Spielerei eines anonymen Programmierers zusammen mit vielen anderen kleinen Internet-Gadgets Barack Obama zum Sieg verholfen. Oder etwa doch nicht?
Wäre Obama auch ohne die Hilfe des Internets zum Präsidenten der USA gewählt worden? Mit dieser Frage beschäftigt sich Hannes Richter vom John F. Kennedy Institut in Berlin, der uns zum Studium Generale in der Akademie besuchte.
Bei dieser Wahl konnte man zum ersten Mal einen Einfluss des Internets messen, sagt Richter. “Aber das Fernsehen ist immer noch der King of the Hill.“ 46 Prozent der Amerikaner haben sich über den Wahlkampf und seine Protagonisten ausschließlich im Fernsehen informiert, zitiert Richter das Pew Internet and American Life Project Survey. Und nimmt damit all den Online-Anhängern, die das Internet in den vergangenen Wochen und Monaten zum größten Motor für die Wahlbeeinflussung in den USA hochschrieben, den Wind aus den Segeln. Nichtsdestotrotz weiß Richter um die Strahlkraft des Internets.

(Foto: Carli Underberg)
Gerade Barack Obama habe in einigen Punkten durchaus profitiert: So sammelte er in der Internet-Community im Vergleich zu seinem Kontrahenten John McCain nicht nur viele Freunde bei den üblichen Social Networks, sondern vor allem sehr viele Spendengelder. Aber, so Richter, “Online funktioniert nur mit Offline“. Will heißen: Reines Image genügt nicht – ohne den Hintergrund der teils blamablen und himmelschreiend lustigen Auftritte von Sarah Palin im Fernsehen wäre die Flash-Animation nur halb so unterhaltsam gewesen. Ein reiner Internetkandidat also hätte in diesem Jahr keine Chancen gehabt, die Wahl zu gewinnen.
Bei dieser Wahl war das Internet vor allem als Organisations-Tool unabdingbar. Obamas Team, ganz dem Klischee des jungen, medial begabten Kandidaten folgend, entdeckte die Möglichkeiten des World Wide Web zuerst. McCain musste nachziehen. Beide Teams akquirierten binnen kürzester Zeit zahlreiche Volunteers, ehrenamtliche Wahlhelfer also, die von Tür zu Tür zogen, um unentschlossene potenzielle Wähler an die Urnen zu treiben.
Das System dahinter ist denkbar einfach: Wer grundsätzlich bereit war, seinen Kandidaten zu unterstützen, konnte sich auf der jeweiligen Homepage der Kandidaten registrieren und bekam dann die Adressen Gleichgesinnter in der Nachbarschaft angezeigt. Daraus resultierte jene Gruppendynamik, die jeden Auftritt Obamas zum Volksfest ausarten ließ. Und die mit dafür sorgte, dass die in den USA ohnehin schon obligatorisch zur Schau gestellte Identifikation mit einem Politiker teils absurde Ausmaße annahm: Schon ein halbes Jahr vor der Wahl rannten die Fans in Obama-T-Shirts oder McCain-Unterhosen rum, rüsteten ihre Vorgärten mit Fahnen und anderen Devotionalien auf, klebten sich Slogans an die Rückseite ihrer Fahrzeuge.
Aber, und das betonte Richter gleich mehrfach, all dies war nicht entscheidend für den Ausgang der Wahl. Wenn überhaupt, habe das Internet in diesem Wahlkampf dafür gesorgt, Wähler zu mobilisieren – nicht, sie umzustimmen. Erstaunlich auch, dass im Vergleich zu 2004 die prozentuelle Beteiligung der Jungwähler nicht gestiegen ist.
Ergo: Internet ist für den Wahlkampf prima, kriegsentscheidend ist es aber nicht. Noch nicht.
Verena Töpper und Daniel Müller
Autor: student Kategorie: A bis Z, Ausbildung, Gäste der Akademie | 1 Kommentar »
Tags: Barack Obama, Hannes Richter, John F. Kennedy, John McCain, Kandidaten, Sarah Palin, Studium generale, USA, Wahlkampf
Verwandte Artikel


Am 15. Dezember 2008 um 20:20 Uhr
Ich bezweifle, dass “niemand so genau weiß”, von wem die Seite palinaspresident.us stammt, da man durch eine einfache whois-Abfrage herausfinden kann, dass sie von “Sean Ohlenkamp” ist. Wenn man den Namen googelt, kommt man sofort zu seiner Seite http://www.ohkamp.com. Dort stellt er palinaspresident auch vor (sagt, dass die Seite in 160.000 Blogs und websites erwähnt wird, sie 8 Millionen Views innerhalb von 2 Wochen hatte etc.), deshalb nehme ich auch stark an, dass er kein “anonymer Programmierer” sein will, wenn sie in seinem Portfolio ist!