12.12.2008

Award der Woche für Literaturdöner

Sie passen ungefähr so gut zueinander wie Tiefkühlhackfleisch und Edelsalami: Der deutsche Urdichter Goethe und der Döner. Der eine schrieb Dramen und sagte Sätze wie: “Wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt, der lasse sich begraben.” Der andere trieft, stinkt nach Zwiebeln und schmeckt besonders gut mit scharfer Sauce. Nach dem einen sind Festspiele und Gymnasien benannt. Den anderen gibt’s mit extra Pommes.

Der Reclam-Verlag hat sie nun vereint – Goethe und den Döner.

Auf der Seite literaturdoener.de. Dort sind sie aufgespießt: Der Dichterfürst und seine Kumpanen. An einem virtuellen Spieß drehen sich die berühmten Zitate von Schiller, Voltaire und Homer. Jedes einzelne können die Besucher herauspicken. Sogleich erfahren sie, aus welchem Werk es stammt. Ein Fenster poppt auf, darin gibt’s Schillers Jungfrau von Orleans – zusammengefasst in acht Sätzen. Und wer das ganze Drama um die französische Nationalheldin erleben möchte, klickt sich zum Bestellformular auf der Seite vom Reclam Verlag vor.

Mitte des 19. Jahrhunderts gründete Anton Philipp Reclam seine Universalbibliothek. Die Klassiker der Weltliteratur gab’s für Jedermann für schlappe zwei Silbergroschen. Bis heute nutzt der Verlag die Nachdruckrechte von Werken, deren Autor mindestens dreißig Jahre tot ist.

Auch Nietzsches “Jenseits von Gut und Böse“ gibt es frisch vom virtuellen Spieß. Shakespeares Komödie liegt direkt unter den Erzählungen der Brüder Grimm. Wie in Berlin-Kreuzberg können die Besucher auch in Reclams digitaler Dönerbude die Zutaten für ihren Kebab selbst wählen. “Mein Döner” ist schnell zusammengesellt, ausgedruckt oder per Email an Freunde verschickt.

Wer davon nicht satt wird, bekommt ganze Kollektionen serviert – mit allem und schön scharf. Ein “Döner voller Liebe”, ein “Döner voller Gott”, ein “Döner voller Tod”, vollgestopft mit Zitaten der großen Literaten.

Mit dem Literaturdöner möchte der Verlag Schülern und Studenten “schwere Kost in leicht verdaulichen Häppchen“ servieren. Die YouTube-Generation soll Hunger auf die kleinen gelben Heftchen bekommen. Ohne Frage: Der Dönerspieß ist eine witzige Idee, multimedial designt von der Agentur Jung von Matt. Es ist eine nette PR für Reclam. Es ist aber auch nicht mehr.

Wer an Döner denkt, stellt sich im günstigen Fall eine leckere Alternative zum Big Mac vor. Im schlimmsten Fall denkt er an Gammelfleisch. Hunger auf Literatur macht die Seite sicher nicht. Das Bürgertum sucht krampfhaft Nähe zur Jugend, die nicht Schiller liest, sondern Playstation daddelt. Der aufgespießte Friedrich Hölderlin würde wohl antworten: “Die Ungeduld, mit der man seinem Ziele zueilt, ist die Klippe, an der gerade oft die besten Menschen scheitern.”

Christian Unger

Autor: student Kategorie: A bis Z, Ausbildung, Zukunft des Journalismus | Keine Kommentare »
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