GASTBLOG: Video-Overkill
Wenn man sich neuerdings umhört und ein wenig insbesondere bei Zeitungsmanagern nachfragt, wie sie eigentlich der kleinen Krise Herr werden wollen, hört man momentan gerne ein Schlagwort: Videos. Bewegtes Bild soll’s richten, weil es erstens neu und zweitens chic und drittens irgendwie angesagt ist.
So ganz von der Hand zu weisen ist das ja auch nicht, weil unzählige Studien und Statistiken zu dem Ergebnis kommen, dass User Video meistens ziemlich toll finden. Alles auf Video also, man kann das ja irgendwie nebenher mitmachen…
Sieht man davon ab, dass man ein gutes Video eben nicht so nebenher mitmacht und die Vermarktung von Videos immer noch eine eher ungewisse Sache ist – eine Zahl gibt es jetzt, die auch aus journalistischer Sicht die Videoeuphorie etwas bremst: Die Seite tubemogul.com hat ein bisschen genauer hingesehen bei den großen Videoportalen. Denn was die an Videoaufrufen so melden, würde den Schluss zulassen, dass der medienkonsumierende Durchschnittsmensch eigentlich fast nicht anderes mehr tut als Videos zu schauen. Doch tatsächlich lohnt sich der genauere Blick: Demnach nämlich zappen sich die User in einer Vehemenz durch Videos, dass die alltägliche Fernsehzapperei wie gemütliches Schauen wirkt. Fast 90 Prozent der Videos werden demnach gerade mal weniger als 10 Sekunden geschaut, danach geht’s sofort weiter zum Nächsten. Umgekehrt bringen es nicht einmal 10 Prozent der Videos auf eine Verweildauer von über 5 Minuten.
Man kann sich das, was im ersten Moment eher deprimierend klingt, aber ganz gut erklären. Erstens: Online-User verfahren viel mehr als konventionelle Mediennutzer nach dem Prinzip “trial and error”. Die Bereitschaft, sich mal schnell in irgendwas reinzuschauen, ist enorm hoch – die Bereitschaft, schnell wieder abzuspringen, aber mindestens genauso. Was sich wiederum daraus erklärt, dass man ja über viel weniger Erfahrungswerte und ein deutlich umfangreicheres “Programmangebot” verfügt als im normalen TV. Man schaut also viel eher mal schnell und unverbindlich rein ins Video – kostet ja nichts, außer ein paar Sekunden Zeit. Und zweitens: Web ist anarchisch und lebt ganz prima ohne Programmzeitschrift. Dinge zu entdecken, für sich selbst auszuprobieren, das ist die Kultur, die ganz wesentlich den Unterschied des Netzes zu den analogen Medien ausmacht.
Man kann daraus natürlich Rückschlüsse ziehen. Den – zum einen – dass es mit der nackten Zahl der Videoabrufe ein wenig so ist wie mit der PI-Klotzerei: Wenn man ins Zahlen-Souflée hineinsticht, sackt es ganz schnell zusammen. Dass man aber – zum anderen – als Journalist trotzdem gute Chancen haben kann, sich in diesem Video-Overkill zu behaupten. Wer dauerhaft gute und sehenswerte Stücke abliefert, wird schnell bei denen landen, die vom Videoboom profitieren. Das 837. Wackelvideo hintereinander hingegen, das braucht kein Mensch mehr.
Christian Jakubetz
Autor: Gastblogger Kategorie: A bis Z, Zukunft des Journalismus | Keine Kommentare »
Tags: Blog, Christian Jakubetz, Gastblog, tubemogul, Video
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