Der Nord-Berliner
Der 7. Februar 1984. Im jugoslawischen Sarajewo laufen die XIV. Olympischen Winterspiele, die UdSSR wird mit dem legendären Wladislaw Tretjak im Tor zum 6. Mal Gold im Eishockey gewinnen, im Fernsehen läuft wie jeden Dienstag “Hart aber herzlich”. Und ich schreibe beim “Nord-Berliner” am Oraniendamm 48 meinen ersten journalistischen Text.

Der SPD-Fraktionschef setzte sich durch, die Straße wurde umbenannt
In den 25 Jahren seither hat sich viel verändert, unser Beruf und die Medien, ja, die ganze Welt ist eine andere. Aber nicht der gute alte “Nord-Berliner”. Das Papier ist ein bisschen dünner geworden, der Preis von 50 Pf auf 50 Cent gestiegen, aber im Prinzip ist alles wie immer: eine Wochenzeitung für den Norden Berlins, Lokalgeschichten vom 75. Geburtstag des Kleintierzüchtervereins über Amateursport in unteren Ligen bis zur Berichterstattung über die Bezirksverordnetenversammlung. Selbst die Optik des Blatts aus der Mediengruppe Möller (“Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme”) ist fast gleich geblieben.

Damals und heute: Der Titel 1984 und die aktuelle Ausgabe 2009
Die Redaktion sitzt immer noch am Oraniendamm und ist sogar gewachsen. Damals gab’s Frau Bethke, die Chefin, einen Redakteur und mich, alle gemeinsam in einem Zimmer vor klapprigen Schreibmaschinen. Heute sind fünf Mitarbeiter im Impressum verzeichnet.
Ich habe ein gutes Jahr beim “Nord-Berliner” gearbeitet. Eigentlich wollte ich nur sechs Wochen bleiben. Ich war 18, kam frisch von der Schulbank und hatte vor, in Dortmund Journalismus zu studieren. Aber Frau Bethke bot mir ein Volontariat an, und ich schlug sofort ein. Ich war fasziniert vom Reporterleben. Raus, recherchieren, meine Yashica im Anschlag. Geschichten ausgraben! Sauereien aufdecken! Die Welt verbessern! Schreiben und dabei um jedes Wort ringen. Und dann sehen, was man mit seinen Texten bewirkt.
Diese Faszination ist bis heute geblieben. Sie ist genau das, was unseren Beruf ausmacht, bei einer liebenswert altmodischen Heimatzeitung ebenso wie im hochgerüsteten Crossmedia-Newsroom einer großen Redaktion. Das wird sich hoffentlich nie ändern.

Crossmedia anno 1984: Praktikum in der ARD/ZDF-Videotext-Redaktion beim SFB
Ende 1984, meine Zeit als rasender Lokalreporter war nun fast vorbei, habe ich mich in München an der Deutschen Journalisten-Schule (damals mit Bindestrich) beworben. Die gewünschte Reportage über einen Tag im Großmarkt ist später noch erschienen – natürlich im “Nord-Berliner”:

Keine Wortspiele mit Namen! Aber damals fand ich meine Zeile toll.
Autor: jep Kategorie: A bis Z, Blattkritik, Zukunft des Journalismus | 20 Kommentare »
Tags: ARD, Mediengruppe Möller, Nord-Berliner, SFB, Videotext, ZDF
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Am 7. Februar 2009 um 12:41 Uhr
Naaa jaaa, ein bisschen was hat sich – abgesehen von den Frisurentrends – schon verändert. Stichwort „20 Jahre Mauerfall“. Der Nordberliner ist jetzt die Wochenzeitung für den Norden Berlins UND das nördliche Umland. Allerdings wissen die Leute da, was wirklich gut ist und lesen weiterhin lieber die Märkische Allgemeine Zeitung.
Am 7. Februar 2009 um 14:05 Uhr
Geil (wenn ich das mal so sagen darf)! Die russische Hymne ist genial.
Am 7. Februar 2009 um 14:46 Uhr
@ Arne
Da kann nur noch eine mithalten. Wie kommt es, dass Diktaturen so schöne Nationalhymnen haben? Mit Ausnahmen natürlich.
Am 7. Februar 2009 um 14:57 Uhr
@ S.B.
Apropos Frisurentrend, ich bin froh, dass 1984 die Phase mit den schulterlangen Haaren schon beendet war.
Am 7. Februar 2009 um 19:59 Uhr
@ jep
Ja, der Ruinenwalzer fetzt nach wie vor – was man von schulterlangen Haaren bei Männern nun wirklich nicht behaupten kann. Insofern ist die Freude ganz meinerseits.
p.s. Der Nord-Berliner hat vor sechs Monaten auch die magische Macht von Crossmedia entdeckt. Zwar ist die Online-Verlosung längst abgelaufen und die Ausflugstipps feiern bald ihr Einjähriges, aber solange die Anzeigen brandaktuell sind…
Am 7. Februar 2009 um 22:43 Uhr
Danke fuer die charmante samstagmorgen-unterhaltung.
Alle Gags ueber ihre Frisur sind mindestens angedeutet.
Mein heutiger twitter-Beitrag:
bei Ikea in duesseldorf hat heut Bayer gegen commando cannstatt gespielt. Von 6 Toren hab ich nur 3 gesehen und es gab Zoff an den Ticket-Haeuschen. Außerdem wusste ich nicht, ob ich auf nem roten, grauen, gelben oder gruenen oder gelben Stuhl sitzen soll. Also irgendwie…
Am 8. Februar 2009 um 11:07 Uhr
@jep
Das liegt bestimmt daran, dass die Leute in Diktaturen sonst nicht viel zu Lachen haben, da muss wenigstens die Nationalhymne Spaß machen.
Eine andere Frage: Ich will sehr gerne Journalist werden, und oben steht, dass Sie damals Journalismus studieren wollten. Würden Sie mir das empfehlen? Oder wasist der beste Weg?
Am 8. Februar 2009 um 15:31 Uhr
Das erinnert mich an die wunderbare ZDF-Serie “Ich heirate eine Familie”: Die Achtziger, Peter Weck, West-Berlin – ja, das passt. Doch eine Frage bleibt: Warum stirbt das Seidentuch bei Kultur-Redakteuren nicht aus? Nun gut, Lacoste-Shirts sind ja auch wieder in.
Am 8. Februar 2009 um 17:03 Uhr
@ hagen
Alles falsch. Im Stadion gibt es nur eine Wahl: Blau und Weiß, die Farben des Erfolges.
Am 8. Februar 2009 um 17:26 Uhr
@ Arne
Einen Königsweg in den Journalismus gibt es nicht. Heißt es immer. Aber es gibt einen Weg, der fast sicher zum Erfolg führt: der Besuch einer guten Journalistenschule, kombiniert mit möglichst viel Praxis (die bei der Axel Springer Akademie schon zur Ausbildung gehört).
Allerdings ist es nicht leicht, an eine der guten Schulen zu kommen. Bei uns beispielsweise bewerben sich weit mehr als 1.000 junge Leute pro Jahr für die 40 Plätze.
Ein Studium ist eine gute Grundlage für journalistische Arbeit. Aber studieren Sie nicht “irgendwas mit Medien”, lieber etwas, das Ihnen eine zusätzliche Qualifikation bringt. BWL, Jura oder Politik beispeilsweise, Germanistik oder Geschichte, Medizin oder Physik oder… Am wichtigsten ist, dass Sie das Fach wirklich interessiert und Ihnen das Studium Spaß macht, denn nur dann werden Sie es mit Erfolg zu Ende bringen.
Nebenbei sollten Sie unbedingt über Praktika oder eine freie Mitarbeit journalistische Erfahrung sammeln. Das erhöht Ihre Chance später im Auswahlverfahren der Journalistenschulen oder bei der Bewerbung für ein Volontariat. Weil Sie dann handwerklich mehr können und außerdem echtes Interesse für den Beruf bewiesen haben. Oder Sie finden so gleich den Einstieg in den Job.
Am 8. Februar 2009 um 17:46 Uhr
@ driedel
Ja, die 80er, das Jahrzehnt des schlechten Geschmacks, sind total unterschätzt!
P.S. Das Krokodil (geb. 1927) von Lacoste konnte ich mir als Volontär nicht leisten, bei mir kroch bloß eine Schildkröte übers Polo.
Am 8. Februar 2009 um 18:20 Uhr
@jep: Ja, es ist sogar zu beweisen:
http://www.youtube.com/watch?v=jy9bqgS-zDE
Es muss sich damals wirklich um eine bessere Welt gehandelt haben!
PS: Und ich dachte immer “Schildkröt” wäre nur die Marke meiner Tischtennisschläger und 3-Sterne-Bälle. Auch so’n Eighties-Ding…Rundlauf bis der Nachbar schrie…!
Am 8. Februar 2009 um 22:34 Uhr
@ driedel
Ja, da war die Welt weltweit besser!
Nicht nur bei Jennifer Hart in Bel Air, sondern auch in den Blue Ridge Mountains in Virginia bei den Waltons. John-Boy Walton ist, nachdem er Walton’s Mountain verlassen hatte, übrigens Journalist geworden. Wie Jennifer Hart.
Good night everybody!
Am 8. Februar 2009 um 23:14 Uhr
Nichtsdestotrotz: Für diesen Reportage-Einstieg hätte Ihnen Peter Linden die Ohren langgezogen…
Am 9. Februar 2009 um 07:53 Uhr
Hallo! Wussten Sie immer genau, dass Sie in die Medien wollten? Ich bin jetzt fast 20, studiere KW und bin mir leider nicht richtig sicher. Ich habe ehrlich gesagt große Sorgen, dann nach der Uni keinen Arbeitsplatz zu finden. In den Zeitungen liest man so oft von Entlassungen, Krise usw. Was meinen Sie? Vielen Dank für Ihre Auskunft.
Am 9. Februar 2009 um 12:21 Uhr
@ Atze
Nobody is perfect – auch Peter Linden nicht.
Am 9. Februar 2009 um 12:50 Uhr
@ alisa1989
Wenn Ihre Sorge um einen festen Job der einzige Grund für Ihre Zweifel ist, dann sollten Sie sich auf keinen Fall von Ihrem Berufswunsch abbringen lassen! Die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist momentan nicht rosig. Aber wer weiß denn, wie das in zwei, drei Jahren aussieht, wenn Sie mit Ihrem Studium fertig sind? Lassen Sie sich besser nicht von kurzfristigen Trends leiten, schließlich wählen Sie Ihren Beruf für lange Zeit. Viel wichtiger ist, dass Sie Ihr Ziel mit Leidenschaft und Hartnäckigkeit verfolgen, denn ohne echte Begeisterung für die Aufgabe würden Sie nicht weit kommen.
Ich wollte ursprünglich gar nicht Journalist werden, sondern Strafverteidiger. Aber noch bevor ich 14 war, habe ich Zeitungen für mich entdeckt und mir jeden Morgen mit meinem Vater einen Wettlauf zum Briefkasten geliefert, wer die „Berliner Morgenpost“ als erstes bekommt. Als das meinem Vater lästig wurde, hat er zusätzlich den „Tagesspiegel“ abonniert (und fortan musste immer ich die Zeitungen in Haus holen). Jedenfalls war ich infiziert und nachrichtensüchtig und wollte Journalist werden. Rechtsanwalt wäre wahrscheinlich auch nicht schlecht gewesen – aber als Journalist kann man ja sogar Ankläger, Verteidiger und Richter in einer Person sein
Am 9. Februar 2009 um 16:00 Uhr
Hagen – es ist wirklich ein Verlust für die Weltliteratur, dass Du nicht öfter twitterst!
Bloß bup bup bup hat gefehlt…
Am 10. Februar 2009 um 00:03 Uhr
Ganz besonders die BU gefällt mir (in der Reportage). Wenn das mts sieht…
Am 12. August 2011 um 16:15 Uhr
Es ist schon witzig hier die alten Fotos zu sehen. Man kann jetzt über die tatsächliche Relevanz von Pfarrfesten und Unterliga-Fußballspielen debattieren. Tatsache ist, daß es so eine gemütliche kleine Zeitung ist, die die Bewohner einer Stadt zusammenschweißt und inmitten der turbulenten Weltstadt Berlin ein Dorf-Gefühl erzeugt. Und wenn ich mir den Artikel hier ansehe, hat sie sich seitdem auch nicht groß verändert.
Ach doch, eins: Anscheinend ist nicht nur die Mauer gefallen, sondern der Nord-Berliner hat sich jetzt eine Web-Präsenz gebastelt (www.nord-berliner.de). Sieht allerdings alles noch recht provisorisch aus, als wäre da der aktuelle Praktikant drangesetzt worden. Weiß jemand was darüber?