9.2.2009

“Mein System ist ich” – F. J. Wagner bei Team 5

“Bitte legen Sie die Jacke hier auf das Band. Das funktioniert wie auf dem Flughafen.” Franz Josef Wagner guckt erstaunt. Er muss sich abtasten lassen. Es piept, Wagner zeigt seine Gürtelschnalle. Das Personal am Eingang des Axel-Springer-Hauses ist unnachgiebig. Man kennt ihn nicht. Der Star-Kolumnist der “Bild”-Zeitung, der Ex-Chefredakteur von “Bunte”, “Super-Zeitung” und “B.Z.” ist hier fremd. Fremd im eigenen Verlagshaus. Seine “Post von Wagner” schreibt er in seiner Wilmersdorfer Wohnung und telefoniert sie durch an die Sekretärin. Fünfmal die Woche. Im Axel-Springer-Haus ist er nie. Fast nie, für Team 5 der Akademie hat er eine Ausnahme gemacht.


Franz Josef Wagner gut gelaunt an der Akademie. Bald soll man ihn auch als Video-Blogger sehen.

“Grippe im Anmarsch. Ein Teil von mir friert, ein anderer schwitzt”, sagt Wagner zur Begrüßung. Er streicht sich durch das lange Haar und wischt sich mit dem Stofftaschentuch übers Gesicht. Trotz der Krankheit wirkt Franz Josef  Wagner entspannt. Er trinkt Wasser, er raucht nicht. “Ich wollte nie Journalist werden. Ich wollte Dichter werden”, erzählt er. Oder Musiker. Jeden Tag vier Stunden habe er geübt, aber ohne durchschlagenden Erfolg. “Ich hätte es höchstens zum Bar-Musiker gebracht.” Dann doch lieber zur Zeitung.

Mit seiner Laufbahn ist er zufrieden. Nein, der Wechsel vom Chefredakteur zum Kolumnisten sei kein Abstieg gewesen. Im Gegenteil: “Das ist die Krönung meines Journalistenlebens. Es ist das Allergrößte, täglich meine Meinung schreiben zu dürfen, für Millionen.” Bei manchen Fragen guckt Wagner an die Decke und denkt nach. Seine Augen wandern. Er will die Worte mit Bedacht setzen. Genau wie bei der Kolumne. Auch da braucht er Zeit und jeden Tag eine feste Routine. Um 8.30 Uhr kommt die Haushälterin, bringt Zeitungen und ein Croissant. Presse-Lektüre, Telefonate, Meinungsaustausch. Gucken, was die Leute bewegt. Dann abwarten, was die Chefredaktion wünscht. Nachmittags eineinhalb Stunden konzentriertes Schreiben. Ob er ein bestimmtes System habe? “Das System ist ich”, sagt Wagner. Das System Wagner.

“Herr Wagner, im Gegensatz zu dem, was Sie früher geschrieben haben, dieses Direkte, dieses Aggressive, wirken die Kolumnen heute, nun ja, altersmilde.” Einen Moment sieht es so aus, als würde der Mann explodieren. Die Gruppe möchte die Erwartung bestätigt sehen: den Choleriker, den Impulsiven, den Schreihals. Aber Wagner beruhigt sich. “Die Leute mögen doch auch mal den sanfteren Wagner. Außerdem fehlen ja heute die großen Themen.” Seine Lieblingsadressaten Fischer, Schily, Schröder: alle im Ruhestand. Große Koalition bedeute Langeweile.

Wagner erzählt von früher. In den 60er-Jahren war er mal der “Flipper-Freund” von Andreas Baader. Zusammen haben sie in den Münchner Bars andere Gäste abgezogen. Auch beim Pingpong. Erst kleine Summen, dann immer größere. “Der Baader war damals ja nur so ein Schwabinger Boy. Ein abgebrochener Schüler ohne Ideen. Aber er bekam immer die besseren Mädchen.” Wagner lacht. Alle lachen mit.

Auch für den Ärger um Franziska van Almsick hat der ehemalige B.Z.-Chefredakteur eine Anekdote parat. Er habe Franzi geliebt. Dieses junge, unbeschwerte Berliner Mädchen. “Das war unsere Franzi.” Und sie habe Gold versprochen. “Sie hat damals vor den Spielen in Sydney gesagt: In mir steckt Gold. Das war ein Versprechen. Nur deswegen bekam sie die Werbeverträge, die Kohle, die Millionen.”

Zu dieser Zeit also war Wagner bei seinem Lieblings-Italiener in Charlottenburg. Franzi kommt rein mit großem Gefolge. Sie isst erst Pasta, dann Nachtisch: Tiramisu. Die Gold-Hoffnung haut sich den Teller voll. Wagner hält es nicht aus, vom Nachbartisch brüllt er herüber: “Hör auf zu fressen. In Dir steckt doch Gold!” Dann die Schlagzeile: “Franzi van Speck. Als Molch holt man kein Gold”.

Wenn er schreibt, sei er ehrlich. Immer. Auch heute noch, auch wenn es weh tue. “Bloß die zehn Gebote dürfen nicht gebrochen werden”, sagt der bekennende Katholik. “Na ja, Sünder sind natürlich auch gern gesehen.” Das System Wagner ist nicht perfekt. Der Autor freut sich, wenn einmal in der Woche eine richtig gute Kolumne dabei ist: sprachlich top, mit mindestens drei verschiedenen Gedanken.

Ob der Print-Dinosaurier die neuen Medien überhaupt noch verstünde, wird Wagner gefragt. Ob er heute noch Chefredakteur sein könne. Na ja, das Internet kenne er natürlich schon. Finde er auch toll, vor allem zum Recherchieren. Trotzdem sei Print noch lang nicht am Ende. “Die Oper ist ja auch nicht ausgestorben, bloß weil die CD erfunden wurde.” In Zukunft will sich Franz Josef Wagner als Video-Blogger versuchen. “Das wurde eigentlich schon beschlossen. Jetzt muss es nur noch gemacht werden.” Ein Blog von Wagner.

Thore Schröder


Autor: student Kategorie: A bis Z, Medienmacher zu Besuch, Zukunft des Journalismus | 6 Kommentare »
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6 Kommentare zu ““Mein System ist ich” – F. J. Wagner bei Team 5”

  1. 6 vor 9: Zoomer, Schawinski, Wagner » medienlese.com

    [...] 4. “Mein System ist ich” (axel-springer-akademie.de/blog, Thore Schröder) Bild-Kolumnist Franz Josef Wagner arbeitet so: “Seine ‘Post von Wagner’ schreibt er in seiner Wilmersdorfer Wohnung und telefoniert sie durch an die Sekretärin. Fünfmal die Woche.” – Was nicht heisst, dass er das Internet nicht kennt: “Na ja, das Internet kenne er natürlich schon. Finde er auch toll, vor allem zum Recherchieren.” [...]

  2. Björn Sievers

    “Die Oper ist ja auch nicht ausgestorben, bloß weil die CD erfunden wurde”, sagt Wagner. Stimmt. Nur ohne Subventionen wäre die Oper schon lange tot. Also Staatshilfe für Print? Sarkozy zeigt ja bereits, wie das geht.

  3. jep

    Der Vergleich Oper/CD hinkt auch aus einem anderen, entscheidenden Grund: Das Internet ist kein x-beliebiges neues Medium, sondern fügt alle klassischen Medien zu einem neuen Super-Medium zusammen. Es ist die Kombination von Print, Funk und Fernsehen. Und es ist sogar noch mehr. Denn anders als Zeitung, Radio und Fernsehen erlaubt uns das Internet Interaktion und direkte und unmittelbare Kommunikation miteinander.

  4. Fiete Stegers

    In der “Welt” beschrieb Wagner selbst 2002 seine Baader-Bekanntschaft allerdings etwas weniger intim als hier:

    “Ich hab Andreas Baader drei, vier Mal gesehen, vielleicht auch mit ihm gesprochen. Wir sind der gleiche Jahrgang, ’43, und damals in den 60ern in München-Schwabing mochten eine Menge Jungs das Gleiche …”

  5. Martin

    Wagner hat mit der Meinhof im Februar ´68 (kurz vor ihrer politischen Radikalisierung) in Berlin – Tiergarten rumgeknutscht. Das hätte gepasst, wenn dieser Dutschke nicht erschossen worden wäre.

  6. jepblog » Blog Archive » Linksverkehr (14): Von testosterongeladenen Jungs-Bomben

    [...] Hajo Schumacher jetzt auf Franz-Josef Wagner oder hat da irgendein Wilhelm die Homepage von “V.i.S.d.P.” [...]

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