Darf es Journalisten mit Parteibuch geben?
Stefan Niggemeier hat Roland Koch zum Fall Nikolaus Brender interviewt und schreibt darüber in seinem Blog. Das Interview ist interessant, und die Diskussion im Blog ist es auch. Sollte man die Besetzung von Chefredakteursposten nach Parteibuch entscheiden? Nein! Sollte man sein eigenes Interview gleich auch noch kommentieren, wie in der „FAZ“ geschehen? Nein!
Noch interessanter ist aber eine andere, grundsätzliche Frage (neben der Frage, warum sich Journalisten diese so selten stellen):
Kann und darf es überhaupt Journalisten mit Parteibuch geben?
Ich halte es für eine zwingende Voraussetzung unseres Berufes, größtmögliche Unabhängigkeit zu wahren. Journalisten brauchen Haltung und Grundüberzeugungen, aber keine Mitgliedschaft in Initiativen und Verbänden oder die Nähe zu institutionalisierten Interessen. Im Gegenteil: Journalismus und Parteien – das kann nur nach dem Ausschlussprinzip funktionieren.
Vielleicht bin ich hoffnungslos naiv, wenn man die geübte Praxis als Maßstab nimmt. Aber immerhin bin ich nicht allein mit dieser Auffassung. Die „New York Times“ legt in ihrer „Company Policy on Ethics in Journalism“ in 139 Regeln für ihre Mitarbeiter verbindlich fest, wie Journalismus zu verstehen ist. Zum Beispiel so, Regel 89:
„Journalists do not take part in politics.“
Ganz einfach, ganz klar. Und sehr weitgehend. Mitgliedschaft in einer Partei? Undenkbar, logisch. Aber auch: „A bumper sticker on the family car“, wie es in Regel 100 heißt, „may be misread as the journalist’s, no manner who in the household actually placed it” – und sollte deshalb vermieden werden.
Auch bei Axel Springer gibt es „Leitlinien zur Sicherung der journalistischen Unabhängigkeit“, die Teil der Arbeitsverträge sind: „Die Journalisten bei Axel Springer stimmen sich grundsätzlich mit ihrem Vorgesetzten ab, falls durch Mitgliedschaft, Bekleidung eines Amtes oder durch ein Mandat in Vereinen, Parteien, Verbänden und sonstigen Institutionen… der Anschein erweckt werden könnte, dass dadurch die Neutralität ihrer Berichterstattung …. beeinträchtigt würde.“
Sehr gut gefällt mir der Leitspruch des legendären Hanns-Joachim Friedrichs, der kurz und bündig erklärte: “Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht einer guten Sache.”
Autor: jep Kategorie: A bis Z, Blattkritik, Zukunft des Journalismus | 19 Kommentare »
Tags: Brender, Ethik, FAZ, Koch, Leitlinien, New York Times, Niggemeier, Parteien, Unabhängigkeit, ZDF
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Am 25. Februar 2009 um 14:29 Uhr
[...] der Besetzung wichtiger Positionen meist auf das richtige “Ticket” an. Will heissen: das richtige Parteibuch. Doch bei Europas größtem Fernsehsender, dem ZDF, wollen Politiker nun Chefredakteur Nikolaus [...]
Am 25. Februar 2009 um 17:11 Uhr
Dafür beziehen die US-Medien ganz offiziell in den Wahlkämpfen Stellung. Sind die mit ihren schein-objektiven Leitlinien dann nicht einfach nur verlogener als die deutschen Medien?
Am 25. Februar 2009 um 17:33 Uhr
@ skeptiker
Ich empfinde diese Leitlinien nicht als „schein-objektiv“, sondern als vorbildlich. Ein “endorsement”, eine explizite Wahlempfehlung ist in jedem Fall aufrichtiger als eine indirekte, wie sie hierzulande üblich ist (nur die „FTD“ hat eine Ausnahme gemacht und 2002 die CDU und 2006 die FDP empfohlen).
Es ist ja ein fundamentaler Unterschied, ob eine Zeitung als Ganzes in ihrem Meinungsteil offen und transparent Stellung bezieht, nachdem alle Pro- und Contra-Argumente abgewogen sind. Oder ob einzelne Reporter und Redakteure, die der nachrichtlichen Berichterstattung verpflichtet sind, Partei ergreifen.
Für Kolumnisten und Kommentatoren gelten dann auch bei der „New York Times“ andere Regeln: „Op-Ed columnists and editorial writers enjoy more leeway than others… , because their business is expressing opinions.”
Am 25. Februar 2009 um 17:40 Uhr
Ich bin der Überzeugung, dass es viele Journalist/-innen gibt, die noch nie in einem Verein oder gar in einer Partei engagiert waren. Zumindest könnte man das aus Fragen und Artikeln so herauslesen, die einfach oft an der Sache vorbeigehen. Recherche ersetzt eben keine eigene Erfahrung. Deshalb sollten Journalisten m.E. nach sich ebenso am gesellschaftlichen Leben beteiligen, wie andere Menschen auch. Vom Bumper-Sticker bis zur Parteimitgliedschaft. Die allereinzige Voraussetzung die erfüllt sein muss, ist die der Transparenz.
Am 25. Februar 2009 um 19:04 Uhr
@ Bastian Dietz
Ich wünsche mir auch Journalisten, die nicht nur im warmen Büro hinterm Monitor hocken, sondern mitten im Leben stehen. Aber dafür muss man – das sehe ich ganz anders als Sie – weder in einem Verein noch Parteimitglied sein.
Leser, Zuhörer und Zuschauer erwarten von Journalisten Glaubwürdigkeit und Objektivität, und das völlig zu Recht.
Objektivität bedeutet für den Arbeitsalltag: so weit wie irgend möglich vorurteilsfrei an die Dinge herangehen, unvoreingenommen und unparteilich sein. Und wie kann man das, wenn man einer Interessenvereinigung angehört?
Ein Beispiel: Laut Satzung der CDU gilt es als parteischädigendes Verhalten, das mit Parteiausschluss bedroht ist, wenn man „vertrauliche Parteivorgänge veröffentlicht“ oder „in Versammlungen politischer Gegner, in deren Rundfunksendungen, Fernsehsendungen oder Presseorganen gegen die erklärte Politik der Union Stellung nimmt“. Hält man als Journalist dann die Klappe?
Oder anders gefragt: Möchten Sie, dass der große Report über Querelen in der Union von einem CDU-Mitglied geschrieben wird? Hielten Sie diesen Text dann für glaubwürdig? Und wäre es nicht genauso wenig Vertrauen erweckend, wenn der Artikel von einem Anhänger der SPD geschrieben würde?
Parteilichkeit hat im Journalismus nichts zu suchen (solange es nicht um Meinungsartikel geht).
Am 25. Februar 2009 um 21:38 Uhr
@ jep
Ich verstehe in der Argumentation zwei Dinge nicht so ganz.
Als erstes stellt sich natürlich die Frage, ob die Veröffentlichung von CDU-Internas nicht auch durch einen anderen Journalisten erfolgen kann, der kein CDU-Parteibuch hat. Vielleicht ein SPD-Parteibuch. Vielleicht auch gar keines.
Die Frage der Glaubwürdigkeit stelle ich mir natürlich. Aber um parteinahe zu sein, brauche ich eben kein Parteibuch. Darum sind derartige Regeln und Selbstverpflichtungen mehr Feigenblatt als echte Hilfe für die Leser/-innen. Ich würde mir an der Stelle generell etwas mehr Transparanz wünschen, schließlich ist ja nicht jeder Journalist ein H.M.Broder.
Als zweites ist es natürlich nicht so, dass man Transparenz und Glaubwürdigkeit schafft, wenn Journalisten nicht mehr einer Partei angehören dürfen. Parteilichkeit bezieht sich ja sicherlich nicht nur auf Parteien, sondern auf Interessensgruppen jeder Art. Der logisch-konsequente nächste Schritt ist also – wie im Artikel beschrieben – dass Journalisten völlig unabhängig von allen Interessensgruppen agieren. Dies würde bedeuten, dass sie nicht im Träger-eV eines Kindergarten Mitglied sein dürfen, nicht Mitglied einer Wohnungsbaugenossenschaft, nicht Mitglied einer Religionsgemeinschaft, nicht Mitglied eines Hochschul-Alumni-Vereins, nicht Mitglied einer Gewerkschaft oder einer anderen Lobbygruppe wie dem DJV. Und hier wird es eben langsam absurd.
Ich glaube, eine Abkopplung von Journalisten von der Gesellschaft kann in der Realität nicht funktionieren.
Die vorgestellten Richtlinien sind aber sicherlich eine Orientierung für Journalisten. Für Leser/-innen sind sie aber – weil ihre Einhaltung nicht nachvollzogen werden kann – völlig nutzlos. Hier hilft eben nur Transparenz.
Am 26. Februar 2009 um 08:20 Uhr
In der “Welt” kommentiert heute Eckhard Fuhr und schreibt, in dem Streit um die Vertragsverlängerung Brenders “stehen sich nicht machtgeile Politiker und um ihre Unabhängigkeit tapfer kämpfende Journalisten gegenüber. Das ist ein Märchen, das auf den Medienseiten der Zeitungen erzählt wird, aber eigentlich in die Augsburger Puppenkiste gehört. Dieser Streit offenbart mehr über die Hybris der Journalisten als über die der Politiker.”
Kurt Kister sieht es in der “Süddeutschen Zeitung” anders. Er meint, die “Affäre Brender ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, mit welcher Inbrunst und gelegentlichen Heuchelei die Kochs aus Union und SPD in den Rundfunkräten ihre Schlachten um die Privilegien der Vergangenheit führen.”
Am 26. Februar 2009 um 08:55 Uhr
[...] 2. “Darf es Journalisten mit Parteibuch geben?” (axel-springer-akademie.de/blog, Jan-Eric Peters) “Ich halte es für eine zwingende Voraussetzung unseres Berufes, größtmögliche Unabhängigkeit zu wahren. Journalisten brauchen Haltung und Grundüberzeugungen, aber keine Mitgliedschaft in Initiativen und Verbänden oder die Nähe zu institutionalisierten Interessen. Im Gegenteil: Journalismus und Parteien – das kann nur nach dem Ausschlussprinzip funktionieren.” [...]
Am 26. Februar 2009 um 09:11 Uhr
Journalisten sind in der Regel deshalb NICHT in einer Partei, DAMIT sie sich mit bestimmten politischen Interessen leichter gemein machen können. Siehe zum Beispiel einen Hintergrund-Informations-Stadl wie das ‘Borchardts’ in Berlin, wo die mediale Korruption auch ohne Parteibuch bestens funktioniert. Siehe aber auch all die omnipräsenten redaktionellen Neoliberallala-Bejubler ganz ohne Parteibuch in den letzten Jahren vor dem großen Crash – als die duftende Finanzblase noch verführerisch und anlegerfreundlichst in allen Medien schillerte.
Am 26. Februar 2009 um 09:13 Uhr
@ Bastian Dietz
Natürlich haben Sie Recht, wenn Sie sagen, dass man kein Parteibuch braucht, um parteinah zu sein. Man wird mit solchen Regeln auch nicht alle denkbaren Probleme lösen können – aber sie schärfen das Bewusstsein, dass es hier überhaupt Probleme gibt. Sie wären wahrscheinlich überrascht, wie viele Journalisten an dieser Stelle völlig unbesorgt sind.
Ich könnte Ihnen für jedes Ihrer Beispiele leicht einen Fall vorführen, in dem die Mitgliedschaft in einer Interessengruppe eine unabhängige Berichterstattung gefährdet. Aber klar, es ist lebensfern, die Mitgliedschaft in einem Trägerverein des örtlichen Kindergartens ausschließen zu wollen.
Darum heißt es in den Leitlinien bei Axel Springer, dass man sich mit seinem Ressortleiter oder Chefredakteur abstimmen muss, „falls durch Mitgliedschaft, Bekleidung eines Amtes oder durch ein Mandat in Vereinen, Parteien, Verbänden und sonstigen Institutionen… der Anschein erweckt werden könnte, dass dadurch die Neutralität ihrer Berichterstattung …. beeinträchtigt würde.“
Diese innerredaktionelle Transparenz macht Fehlverhalten unwahrscheinlicher. Verhaltensregeln geben Orientierung und helfen, einen inneren Kompass zu entwickeln.
Die Leitlinien sind dann auch viel mehr als ein Feigenblatt, sie sind Teil der Arbeitsverträge. Verstöße können ernste Konsequenzen haben (als „Welt“-Chefredakteur habe ich mich von zwei Redakteuren getrennt, die es mit unabhängiger Berichterstattung nicht ganz so ernst genommen hatten).
Am 26. Februar 2009 um 12:24 Uhr
@ Chat Atkins
Wer lieber Akteur als Beobachter ist, sollte sich – bitte! – gleich einen anderen Beruf suchen. Politiker zum Beispiel, Lobbyist oder Missionar.
Aber auch für überzeugte Journalisten ist es nicht leicht, auf dem schmalen Grat zwischen notwendiger Nähe und kritischer Distanz die richtige Balance zu finden. Das “Borchardt” gehört zu den Orten, an denen man das Gleichgewicht schnell verlieren kann, vor allem nach dem dritten Bier.
Am 26. Februar 2009 um 12:25 Uhr
[...] vorher ab. (Lassen wir an dieser Stelle die links-/rechts-Wortspiele.) Denn auch im ZDF wird die Diskussion um die Zukunft von Chefredakteur Nikolaus Brender zur Schicksalsfrage [...]
Am 26. Februar 2009 um 13:22 Uhr
@ jep: Diese (notwendige) professionelle Distanz des Journalisten würde ich mir oft wünschen. Die publizierte Realität sieht leider oft anders aus. Sogar immer öfter …
Am 1. März 2009 um 13:20 Uhr
“Wenn Sensibelchen sich verkrampfen”
Am 2. März 2009 um 23:02 Uhr
Die Diskussion hier verstehe ich nicht, es geht bei Journalisten doch nicht um das Parteibuch sondern um das Sparbuch. Politik ist doch ähnlich wie Religion: seit Jahrtausenden werden Kriege angeblich aus religiösen Gründen geführt, aber in Wirklichkeit geht es nur um die Erweiterung von Macht und Besitz.
Bei Journalisten zählt doch auch nur die “Wahrheit”, die am besten von Lobbygruppen bezahlt wird. Ich möchte nur an einen Artikel auf welt-online erinnern, in dem Vergünstigungen zusammengestellt waren, die Hartz4-Leute angeblich problemlos nutzen können. In Wirklichkeit ging es nur wieder darum, auf Arbeitslose bzw. Aufstocker zu hetzen.
Denn eine “neutrale” Berichterstattung zu Rabatten hätte auch aufgezeigt, welche Rabatte es für Presseausweis-Leute gibt. Journalisten bekommen sogar die Abwrackprämie, Hartz4-Aufstocker, die jeden Tag zur schlecht bezahlten Arbeit fahren, aber nicht.
Journalisten sind für mich nichts weiter als “Mediennutten”. Ich wette, nachdem heute zu lesen war, dass Frau Schaeffler und Frau Springer eng befreundet sind, in der “Welt” über den Fall des Autozulieferers in Zukunft nur noch sehr vorsichtig und wohlwollend berichtet wird.
Am 3. März 2009 um 17:01 Uhr
Zitat aus
http://info.kopp-verlag.de/news/hans-meiser-und-die-staatsgeheimnisse-warum-der-bekannte-fernsehmoderator-insolvenz-anmelden-mus.html
“Hans Meiser wollte einige Namen einer Liste von mehr als 100 deutschen Prominenten veröffentlichen, die neben Michel Friedman Kunden eines exklusiven Call-Girl-Rings gewesen waren….unter ihnen 34 Journalisten.
Deutsche Jounalisten waren zu feige gewesen, um einer ganzen Reihe von Prominenten die Maske vom Gesicht zu ziehen.
Die Bild-Zeitung war grundsätzlich bereit, exklusiv am Ausstrahlungstag vorab über die brisanten Fernsehreportagen der geplanten neuen Meiser-Produktion zu berichten.”
Am 21. März 2009 um 09:35 Uhr
“Carta” diskutiert Wahlempfehlungen
Am 13. April 2009 um 12:27 Uhr
Gefährlicher als Journalisten mit Parteibuch sind solche, die so tun als seien sie unabhängig:
http://www.bildblog.de/6836/bild-als-wahlkaempfer-das-beispiel-2002/
Am 30. April 2009 um 20:51 Uhr
[...] die Mitgliedschaft von Journalisten in Parteien etwas, das der Springer-Akademiker Jan-Eric Peters fordert. Dort muss man erst den Chef fragen, um dann trotzdem parteilich zu sein. Direkte Wahlaufrufe wie [...]