25.2.2009

Schwarzfahren auf dem Lerchenberg

Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk kommt es bei der Besetzung wichtiger Positionen meist auf das richtige “Ticket” an. Will heissen: das richtige Parteibuch. Doch bei Europas größtem Fernsehsender, dem ZDF, wollen Politiker nun Chefredakteur Nikolaus Brender die Weiterfahrt verweigern, obwohl er eigentlich das richtige Ticket hat.

Im Grunde genommen ist Brender politisch unzurechnungsfähig. Einer bestimmten Partei kann man den 60-jährigen nicht eindeutig zuordnen. Aber er gilt vielen als SPD-nah. Und das ist sein Problem. Denn der von der Union dominierte Verwaltungsrat des ZDF sieht für die anstehende Vertragsverlängerung des “roten” Brender schwarz. Und das, obwohl es bei dem Mainzer Sender traditionell Usus ist, dass der Posten des Chefredakteurs mit einem Sozialdemokraten besetzt wird, während auf dem Stuhl des Programmdirektors ein Konservativer Platz nimmt.

Dort sitzt derzeit der promovierte Politikwissenschaftler Thomas Bellut. Auch um seinen Posten gab es vor sieben Jahren heftiges Gerangel, weil damals eigentlich Fernsehspieldirektor Hans Janke für die Stelle vorgesehen war. Da dieser aber der SPD zugerechnet wird, bekam Unions-Mann Bellut den Vorzug. In der komplizierten ZDF-Logik spräche also alles dafür, dass Brender, dessen Vertrag im nächsten Jahr ausläuft, Chefredakteur bleibt. Das will auch Intendant Markus Schächter. Und das wollen die Hauptredaktionsleiter des ZDF, die in einem offenen Brief die Verlängerung von Brenders Vertrag forderten. Nur der Verwaltungsrat will es wohl nicht.

Dort entscheiden u. a. fünf Ministerpräsidenten und ein Vertreter der Bundesregierung über das personelle Tableau des ZDF. Hessens Ministerpräsident Roland Koch, Mitglied des Gremiums, nennt heute in der “FAZ” den offiziellen Grund für das Veto. “Man muss diese Diskussion mit ein paar Fakten beginnen, und die sind sehr bitter. ‘Heute’ hat seit 2002 26 Prozent seiner Zuschauer verloren. 2008 wurden wir erstmals von ‘RTL aktuell’ überholt, liegen also hinter ‘Tagesschau’ und der RTL-Sendung nur noch auf Platz 3.”

Dass Brenders vermutete politische Gesinnung Grund für die Nicht-Verlängerung seines Vertrags ist, bestreitet Koch. “Wenn es schon einmal eine politische Nomenklatur beim ZDF gibt, in der der Chefredakteur eher der sozialdemokratischen Seite zugeordnet wird, steht jedenfalls fest: Kein Mitglied des Verwaltungsrates, kein Christdemokrat in diesem Gremium, will diese Grundstruktur verändern. Es kann und wird nicht um parteipolitische Fragen gehen. Es geht um eine positive Entwicklung des ZDF.”

Was auch immer die Gründe für die Ablehnung Brenders sein mögen, die Chancen auf Weiterbeschäftigung stehen für ihn nicht gut. Und da stellt sich die Frage: “Wer dann?”

Der Name Peter Frey fällt dieser Tage häufig, wenn Journalisten über die Nachfolge spekulieren. Doch der derzeitige Chef des Hauptstadtstudios soll sich nicht besonderes gut mit Verwaltungsrats-Chef Kurt Beck verstehen. Aber es muss ja keine ZDF-interne Lösung sein. Auch Brender kam im Jahr 2000 von außen, vom WDR in Köln, einem als SPD-nah geltenden ARD-Sender.

Dort ist derzeit Jörg Schönenborn Fernseh-Chefredakteur. Sein Vorgänger dort: Nikolaus Brender. Denkbar ist, dass Schönenborn auch in Mainz Brenders Nachfolger wird.

Ebenfalls vom WDR kommt Ulrich Deppendorf, aktuell Leiter des ARD-Hauptstadtstudios. Auch er würde vom Profil auf den Chefredakteurs-Sessel auf dem Mainzer Lerchenberg passen.

Und weil Spekulationen im Mediengeschäft so schön sind: Wie wäre es mal mit einer Frau als oberster ZDF-Journalistin? Claudia Nothelle, seit 2006 Fernsehchefredakteurin beim Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) hätte zumindest die fachliche Qualifikation.

Nikolaus Brender jedenfalls hat ein Jahr vor Ablauf seines Vertrags das Recht  zu erfahren, wie es mit ihm weitergeht. Am 1. April ist es soweit. Dann wird sich zeigen, was beim ZDF wichtiger ist, Kompetenz oder Parteibuch.

Pablo Silhalahi

Autor: student Kategorie: A bis Z, Zukunft des Journalismus | 3 Kommentare »
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3 Kommentare zu “Schwarzfahren auf dem Lerchenberg”

  1. jep

    “Wie Koch das ZDF schlechtmacht” (Der Spiegel)

  2. jep

    “Roland Koch hat Recht” (Die Welt)

  3. jep

    “Der ZDF-Verleger und die Systemlinge” (Süddeutsche Zeitung)

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