6.3.2009

Award der Woche für theselby.com

Geplante Umzüge und Tapetenwechsel sind Rechtfertigung genug, sich öffentlich zum Wohnungsvoyeurismus zu bekennen: Auf theselby.com zeigt Fotograf Todd Selby Prominente aus Kunst und Kultur in ihren eigenen vier Wänden.

Das von Frederic Beigbeder ist grau, das von Michael Stipe ist alt und hat Lehnen aus braunem Leder und Peaches Geldof hat gar kein Sofa. Sie liegt lieber im Hochbett.

Model Erin Wasson parkt ihr Fahrrad im Wohnzimmer, offenbar aus Angst vor Dieben. Zuckerfreies Schokoladeneis, Gesichtscreme und Cola-Light-Dosen füllen den Kühlschrank von Schauspielerin Isabelle McNally. Die Schuhsammlung von Partyfotograf Mark “The Cobrasnake“ Hunter ist größer als die der Schauspielerin Ingrid Sophie Schramm. Und Tom Wolfe scheint narzisstisch veranlagt: Unzählige Porträts des Schriftstellers zieren die hohen Wände seines Apartments.

Erst seit knapp einem Jahr ist theselby.com online, ein Projekt des Fotografen Todd Selby. Es scheint, als mache der US-amerikanische Fotograf Selby seither nichts anderes mehr, als durch die Welt zu reisen und interessante Menschen in ihren Wohnungen zu fotografieren. William Eadon, ein Schmuckdesigner aus New York, war der erste. Statt eines Sofas findet man in seinem Wohnzimmer Berge frisch gewaschener Kleidung. Über 90 Wohnungen später gilt das simple Fotoprojekt als süchtig machendes Voyeuristenparadies. Das öffentliche Leben der Promis ist von den Boulevards und Stränden Hollywoods in gemütliche Stadtwohnungen gezogen. Und trotzdem fühlt sich der Besucher von theselby.com nicht wie ein penetranter Paparazzo.

Nachdem er über sieben Jahre Landschaften und Mode fotografiert hat, wechselte Todd Selby das Motiv: “Nach langer Zeit als Porträt- und Landschaftsfotograf für Zeitschriften wie Vogue, Dazed & Confused oder Glamour gibt mir theselby.com nun die Möglichkeit, das zu fotografieren, was ich will, und die Fotos sofort mit der Welt zu teilen.” theselby.com wird damit schnell zum neuen besten Internet-Freund. Jeder, der das erste Mal auf die Seite stößt, hat das Gefühl, soeben einen Schatz gefunden zu haben. Durch die wunderbar klare Optik und Selbys puristische Ästhetik werden die Wohnungen ganz normaler Menschen plötzlich interessant. Schließlich sind die Abgelichteten nicht immer so bekannt wie R.E.M.-Sänger Michael Stipe.

Doch auch Stipe verwandelt sich vor Selbys Linse vom Inventar der internationalen Musikbranche zum anonymen Sammler. Denn Kunst schmückt jede Ecke der New Yorker Wohnung, die er mit seinem Lebensgefährten Thomas Dozol teilt. Was auf Selbys Fotos statt der mehr oder minder bekannten Apartmentbewohner heraussticht, sind die unkonventionellen Einrichtungen abseits des IKEA-Diktats. Stattdessen schmücken Flohmarkt-Fundstücke und Familienschätze die Wohnungen der Porträtierten. Und in jeder Ecke findet der Zuschauer etwas Neues, das er sich so in seinen eigenen vier Wänden auch wünschen würde. Diese Authentizität unterscheidet Selbys Projekt von aufwändig produzierten Homestorys hochglänzender Personality- und Modemagazine.

Selbys Interiorblog ist ähnlich einflussreich wie die bekannten modischen Gegenstücke The Sartorialist, Face Hunter oder der Münchner Modeblogger Styleclicker. Genau wie diese Fashionblogs verrät Todd Selby nicht nur denen Stylingideen, die an ihre kreativen Grenzen gekommen sind. Der Fotograf gewährt mit dem Blick in die Wohnungen auch einen Blick in die Seelen der Bewohner.

Alle Fotos werden an einem Tag geschossen, ein Shooting dauert maximal zwei Stunden. “Ich will unbedingt die Wohnungen von David Hasselhoff, The GZA, Prince, Hedi Slimane, Kanye West, Rick Rubin und Chloë Sevigny fotografieren”, wünscht sich Todd Selby für die Zukunft. Eine Einschränkung allerdings gibt es: Seine eigene Wohnung wird der Mittdreißiger nie öffentlich zeigen.

Das ist bei der deutschen Alternative zu theselby.com, dem Kölner Blogger Kai Müller, im Netz bekannt als Stylespion, anders. Seine 15 + 1 Fragen porträtieren ebenfalls mal bekannte, mal unbekannte Menschen in deren Wohnungen. Und bei ihm gab es bereits einen virtuellen Hausbesuch. Kai Müllers Sofa ist weiß und steht auf braunen Holzfüßen.

Julia Finger

Autor: student Kategorie: A bis Z, Zukunft des Journalismus | 1 Kommentar »
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Ein Kommentar zu “Award der Woche für theselby.com”

  1. otto lekno

    Interessanter Award.
    Interessante Fotos auf der Seite.
    Und jede Menge Trost: Auch andere Menschen leben unaufgeräumt.

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