9.3.2009

Was liest Hellmuth Karasek?

Das Erste, was auffällt, als Hellmuth Karasek den Roten Salon der Akademie betritt, ist seine Körpergröße. Der Kulturkritiker ist kleiner als er im Fernsehen wirkt, sein Haar in Wirklichkeit lockiger und erstaunlich voll für seine 75 Jahre. Karasek nimmt Platz und lächelt fröhlich in die Runde. Alle Fragen sind erlaubt, nur zwei Verbote: Doktor dürfen wir ihn nicht nennen, Professor schon gar nicht.


(Foto: Maria Gerber)

Gefragt nach seinem Verhältnis zu Marcel Reich-Ranicki erzählt er die Geschichte einer langjährigen Freundschaft, die in der Gruppe 47 begann und später auch 13 Jahre und 77 streitlustige Sendungen “Literarisches Quartett“ ohne Schramme überstand. “Anfangs war Literaturkritik im Fernsehen so viel wert wie ein Bordellbesuch”, erzählt Karasek amüsiert. Später sollte die Literatursendung die erfolgreichste ihrer Art werden. Für den Eklat bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises, mit dem Reich-Ranicki letztes Jahr für sein Lebenswerk geehrt werden sollte, zeigt Karasek großes Verständnis. Das stundenlange Sitzen auf den unbequemen Stühlen sei eine Zumutung gewesen: “Das ist so, wie wenn man in einer Holzkiste nach Los Angeles schippert.”

Wir sprechen mit Karasek natürlich über Journalismus. Seine mediale Umtriebigkeit brachte dem Vielschreiber gar einen Streit mit seinem damaligen Arbeitgeber SPIEGEL ein, der ihm daraufhin fast alle außer-Haus-Jobs untersagte. “Ein Journalist sollte aber eine unstillbare Lust am Publizieren haben!” sagt Karasek. Gleichzeitig berichtet der Kolumnist der Berliner Morgenpost und des Hamburger Abendblatts von dem “enormen Erfolgsdruck”, der beim Schreiben auf ihm laste. Er erzählt von schlaflosen Nächten und Versagensängsten. Sein Alptraum ist die Nachbarin in Hamburg, die nicht mehr über seine Kolumne lachen kann. “Blamage ist eine fürchterliche Bedrohung”, sagt Karasek. Deshalb sei Schreiben erst schön, wenn man es hinter sich habe.

Dem Internet, das er “nur im Notfall” nutzt und dann auch nur unter Anleitung seiner Frau, steht er eher skeptisch gegenüber. “Das gedruckte Wort wird zum Anhängsel des Internetauftritts”, befürchtet Karasek. Die Online-Medien lebten von kurzen Beiträgen, in denen ein Gedanke meist nicht zu Ende geführt werden könne. Gleichwohl wisse er, welche essentielle Bedeutung die Neuen Medien für die Zukunft des Journalismus hätten. Für ihn aber gelte: “You can’t teach an old dog new tricks.” Ein Wort des von ihm verehrten Hollywood-Regisseurs Billy Wilder.

Dafür liebt Karasek es nach wie vor, über Bücher zu sprechen. Wir wollen von ihm wissen, wie es derzeit um die deutsche Literatur bestellt sei. „Ganz wunderbar“, antwortet der Kritiker und lobt Uwe Tellkamp, Daniel Kehlmann und Elfriede Jelinek. Und Charlotte Roche? Ihr Roman “Feuchtgebiete” sei die Reaktion auf eine von Hygiene besessenen Gesellschaft, die viele als befreiend empfunden hätte. Und was war das letzte Buch, das er gelesen hat? “Demenz: Abschied von meinem Vater”, in dem Tilman Jens vom geistigen Verfall seines Vaters Walter erzählt und dafür zum Teil heftige Kritik geerntet hat. “Sehr bewegend und lesenswert”, lautet dagegen Karaseks Urteil.

Zum Schluss verrät uns der Schriftsteller (“Das Magazin”, “Betrug”) noch sein aktuelles Literatur-Projekt: Er arbeitet an einem zeitgeschichtlichen Buch über die Beziehung von Männern und Frauen. Karasek selbst offenbart sich als Gentleman alter Schule, als er am Ende aus dem Sessel aufspringt und die Unterlagen aufsammelt, die einer Kollegin aus der Hand gefallen sind. Der kleine Mann verlässt die Akademie und hinterlässt einen großen Eindruck.

Kerstin Bund

Autor: student Kategorie: A bis Z, Ausbildung, Gäste der Akademie | 1 Kommentar »
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Ein Kommentar zu “Was liest Hellmuth Karasek?”

  1. Nah dran

    “Er hat erstaunlich volles Haar”.
    Habt ihr ihn drauf angesprochen? So: “Herr Karasek, Sie zählen mehr als 70 Lenzen und haben dennoch erstaunlich volles Haar. Wie machen Sie das?”

    Erbitte mehr Infos.

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