Die Grenzen von Twitter (Linksverkehr 13)
Romanus Otte hat heute bei “Twitter” nach der besten “Amok-Strecke” gefragt und “Welt Kompakt” nominiert. Ja, die Kollegen haben das gut gemacht. Aber selbst als ausgewiesener “Kompakt”-Fan halte ich die Berichterstattung der “Bild” heute für besser. Nicht jedes Detail und auch nicht in jeder Beziehung, aber von der Herangehensweise: Weil “Bild” das Thema emotional angeht.
Die “Bild”-Zeitung packt den Leser, weil sie das Grauen dieser Tat spürbar macht. Da wird nicht nur über “Trauer und lähmendes Entsetzen” berichtet, da fühlt man diese Trauer und das lähmende Entsetzen auch. Und so muss es sein – trotz der Einwände, die man gegen eine boulevardeske Umsetzung immer erheben kann, weil sie Grenzbereiche journalistischer Arbeit berührt (und leider nicht fehlerfrei ist).
Um Grenzen geht es auch bei Stefan Niggemeier, um die Grenzen von Twitter. Er schreibt über die Reporter von “Focus Online”, die live aus Winnenden twittern: “Ich finde es falsch, in der Hektik dieser Berichterstattung noch über die Hektik dieser Berichterstattung zu berichten, auch wenn es nur zehn Sekunden dauert. Und ich finde es falsch, die Aufmerksamkeit vom Gegenstand der Berichterstattung auf den Berichterstatter zu lenken.” Ich finde: Da hat er recht.
P.S. In die Diskussion um den Gastbeitrag “Google wird zur Informationsmaschine” von Peter Schink hat sich jetzt auch Google selbst eingeschaltet.
Autor: jep Kategorie: A bis Z, Blattkritik, Zukunft des Journalismus | 16 Kommentare »
Tags: Bild, Niggemeier, Twitter, Welt Kompakt
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Am 12. März 2009 um 17:56 Uhr
Ich finde, es sind zu viele Moral-Apostel im Netz unterwegs, die glauben, es sei ihre Pflicht, den freien Lauf der Kommunikation in ein ethisches Korsett zu pressen. Ich kann mir nicht helfen, aber gerade bei Stefan Niggemeier habe ich den Eindruck, sein eigenes Credo weicht nicht von dem der Focus-Kollegen ab und er will “die Aufmerksamkeit vom Gegenstand der Berichterstattung auf den Berichterstatter lenken”.
Am 12. März 2009 um 18:19 Uhr
Interessant an dem lesenswerten Artikel von Stefan Niggemeier ist auch, dass er zwar erwähnt, dass Zeit Online bei Google Werbung mit dem Suchwort Amoklauf geschaltet hat, dass er aber – wieder einmal – nicht erwähnt, dass FAZ.net die Suchworte Amok und Amoklauf gekauft hat. Schont er da die ehemaligen Kollegen und jetzigen Arbeitgeber?
Am 12. März 2009 um 18:36 Uhr
faz.net und amok – interessant. faz.net, amok und nix bei niggemeier. noch interessanter.
Am 12. März 2009 um 22:30 Uhr
Die aktuelle Diskussion im Überblick von Don Dahlmann
Am 13. März 2009 um 12:43 Uhr
Die gestrige BILD-Aufmachung zum Amoklauf gefällt mir von den Springer-Blättern am besten. Vor allem bin ich immer wieder erstaunt, wie schnell BILD an Informationen kommt – in diesem Fall an Bilder und Daten zu den getöteten Mädchen, noch bevor die Diskussion über einen möglichen “Frauenhass” des Täters entfacht ist.
Inhaltlich hat mir außerdem die SZ sehr gut gefallen, die eine sehr gute Seite drei zu dem Thema gemacht hat. Allerdings wunderte ich mich über die Veröffentlichung des kompletten Täternamens.
Am 13. März 2009 um 12:56 Uhr
Wohl unfreiwillige Zynik, dass die Bild Optik wie auf S. 4 heute total nach Computer-Ballerspiel aussieht. Damit könnte man vielleicht etwas sparsamer umgehen.
Am 13. März 2009 um 13:32 Uhr
In seiner Entgegnung auf Harald Martensteins Glosse
(http://www.zeit.de/2009/12/Martenstein-12?page=all)
schreibt Sascha Lobo unter anderem:(http://saschalobo.com/2009/03/12/eine-etwas-laengliche-entgegnung-auf-harald-martenstein/)
“Die Bedeutung von Twitter ist im Moment auf hohem Niveau völlig egal. Das dahinterliegende Bedürfnis der Menschen nach digitaler Microkommunikation aber nicht.”
Interessant wäre zu wissen, was er mit dem “hohem Niveau” meint. Die Reichweite? Die Relevanz der Information? Den Einfluss auf die Medienlandschaft? Oder eben doch die inhaltliche Qualität?
Noch interessanter: Diese Bedeutung Twitters ist seiner These zufolge ja ohnehin egal, wichtig ist vielmehr das Microkommunikationsbedürfnis, das dahinter steckt.
Das liest sich für mich wie: Kommunikation um der bloßen Kommunikation willen. Und genau da steige ich als Journalistin aus. Nichts gegen den “freien Lauf der Kommunikation”. Aber wenn Twitter eben – primär! – dazu dient, das Mitteilungsbedürfnis und den Selbstdarstellungsdrang seiner User zu befriedigen, hat das nichts mehr mit glaubwürdiger Informationsverbreitung und -beschaffung zu tun.
Am 13. März 2009 um 13:44 Uhr
@jep
Ich teile Ihre Ansicht nicht, dass die Berichterstattung über den Amoklauf bei der BILD wegen ihrer starken Emotionalisierung am besten funktioniert hat.
Erstens finde ich, dass sich das “Grauen” über diese Geschichte bei einem halbwegs normal sozialisierten Menschen ohnehin aus der Faktenlage ergeben sollte.
Zweitens kann der Qualitätsjournalismus gerade bei so einem Thema seine Stärken ausspielen: Themen sachlich und tiefgründig betrachten. Deshalb halte ich es auch für müßig, darüber zu sinnieren, wer es am besten hinbekommen hat. Auch wenn der Qualitätsjournalismus heute zunehmend boulevardisiert wird: Wir haben es hier doch immer noch mit zwei verschiedenen Arten von Leser zu tun.
Pauschal: Der WELT-Leser will primär Information, der BILD-Leser Emotion. Mir hat die Aufbereitung in der WELT KOMPAKT jedenfalls mehr zugesagt als die in der BILD.
Am 13. März 2009 um 14:28 Uhr
@ Johannes Wiedemann
So tiefgründig war die Berichterstattung in den sogenannten Qualitätsmedien gestern dann nun auch nicht, wenngleich es wirklich gute Stücke gab wie die Seite 3 in der “SZ”.
Am 13. März 2009 um 15:07 Uhr
Stichwort boulevardisierte „Qualitätsmedien“: Ist doch belustigend zu beobachten, wie manche es schaffen wollen, jedes kleinste Winnenden-Detail auszukosten, ohne dabei sensationsgeil zu sein. Die taz zum Beispiel. Ganze S. 3 als „Diskussion“ über Amoklauf als Medienereignis, dabei nochmal schön Trauma, Tränen, Tragödie nacherzählt. Voyeurismus getarn als Diskussion über Voyeurismus. Klassiker!
Am 13. März 2009 um 15:48 Uhr
pflichte johannes bei. Der BILD kann man es nicht abstreiten, dass sie oft schneller ist, als andere, treffender, packender, meinungssärker. als journalistin imponiert mir das oft und setzt maßstäbe. aber wenn neugierde zur sensationsgier wird, gefällt mir das nicht. Was Winnenden angeht, so steht meiner meinung nach noch über der frage “wie?” die sehr ernste frage “warum?”. und das habe ich persönlich lieber umfassend sachlich, als kompakt emotionalisiert analysiert…
Am 13. März 2009 um 16:01 Uhr
@ SoVu: GÄHN! Die sogenannten Anaylsen sind doch an Banalität nicht zu überbieten. Gibt es da eine einzig wirklich klärende? “Aggressive Spiele müssen verschwinden” (faz s. 3) aber “nicht alle Spieler werden Mörder”. “Waffen gehören verboten” aber “Verbote hätten die Tat nicht verhindert”. Statt mit leerem BLABLA die Zeitungen vollzuschreiben wäre der einzig ehrliche Ansatz, wie in Kompakt: Hergang und Hintergrund kann man beschreiben, aber eine Erklärung gibt es nicht.
Am 13. März 2009 um 16:08 Uhr
@Johannes Wiedemann
Woher stammt Ihre Erkenntnis? “Der WELT-Leser will primär Information, der BILD-Leser Emotion.”
@C.Lauer
“Mitteilungsbedürfnis und Selbstdarstellungsdrang”.
Und genau da sind wir bei den Kernaufgaben von Journalisten. Egal, wen Sie vor sich haben, ob Bundeskanzlerin Angela Merkel oder Twitter-Account “Tontaube”: Es gilt, zu verifizieren, zu recherchieren, zu hinterfragen, ggf. zu kombinieren und analysieren, was können wir aus der Fülle aller gesammelten Aussagen und Informationen mit gutem Gewissen publizieren. Danke, dass Sie so eine Selbstverständlichkeit noch einmal auf den Punkt bringen.
Am 13. März 2009 um 16:17 Uhr
@avb
eben: hergang und hintergrund – das sind analysen… ich rede nicht davon, eine universal-erkenntnis oder -strategie herbei zu schreiben (nenne jetzt nur nebenbei die BILD-zeile “so ticken potenzielle killer”). Das steht auf ganz anderen blättern…
Am 13. März 2009 um 19:31 Uhr
@ jep
In diesem bestimmten Fall gehe ich mit Ihnen d’accord. Mein zweiter Punkt bezog sich eher auf mein idealtypisches Verständnis von Qualitätszeitungen.
@ STES
Das ist mein rein persönlicher Eindruck, bewusst ins Extrem polarisiert. Womit ich überhaupt nicht in Frage stelle, dass BILD-Leser gut informiert und WELT-Leser emotional bewegt werden wollen. Nur funktioniert Boulevard *vor allem* deshalb, weil er die Menschen emotional anspricht, während Abozeitungen dies eher auf der kognitiven Ebene tun.
Am 14. März 2009 um 13:29 Uhr
Übrigens: Die SZ schreibt heute auf S.46 relativ ausführlich darüber, warum sie “ausnahmsweise” den vollen Namen des Täters genannt hat.