Award der Woche für “Eyewitness News”
Über den Erfolg oder Misserfolg eines Online-Angebotes entscheidet ganz erheblich: seine Optik. Das klingt wie eine Binsenweisheit, ist aber keine: Und so verwundert es – bei aller Coolness im Auftritt – wie das südafrikanische Nachrichtenportal “Eyewitness News” es geschafft hat, praktisch aus dem Stand in eine Liga mit den großen Online-Ausgaben der führenden nationalen Zeitungen Südafrikas – etwa Mail&Guardian Online oder The Times – aufzuschließen.

Ohne das Renommee eines anerkannten Blattes im Rücken, einzig durch eine wegweisende Gestaltung – und durch die zukunftsweisende Verknüpfung crossmedialer Inhalte, die es in dieser Form unter den Nachrichtenangeboten Südafrikas so noch nicht gab. Ein interessanter Impuls auch für deutsche Online-Angebote. Damit hat sich “EWN” den Award der Woche verdient.
Was der Seite zum Erfolg verhilft, offenbart sich auf den ersten Blick: Es sind die Teaser als Schlüssel zu den Geschichten, eingebettet in ein aufgeräumtes Grundgerüst. Während Nachrichtenportale wie SPIEGEL online oder WELT online darauf setzen, die aktuellste und wichtigste Meldung nach oben, “an die Eins” zu stellen, zeigt EWN in einem Fenster mehrere, einander abwechselnde “Top Stories” inklusive Teaserbild. Das klingt sinnvoll, wäre aber natürlich weiter noch keinen Award wert. Der Clou an der Sache also: Zugleich wird dem User angezeigt, ob ein Text, Fotos, ein Videoclip oder Audiobeitrag zu dem Thema bereitstehen. Die Grenzen zwischen den Gattungen hat EWN einfach aufgelöst.
Während – gewohnheitsgemäß – meist doch die Nachricht in Schriftform dem User den Einstieg ebnet in das Abgrasen des bereitgestellten crossmedialen Potpourries, setzt rechts eine Leiste zusätzlich komplett auf Bild und Ton. Die aktuellsten Audio- und Videonews sind nach Aktualität wohlgeordnet abrufbar und lassen sich sogar mit einem Button ins Facebook-Profil des Nutzers einbinden.
EWN’s Affinität zum gesprochenen Wort kommt nicht von Ungefähr: “Eyewitness News” ist die Tochter der südafrikanische Primedia-Gruppe, die mehrere Radiosender betreibt (94.7 Highveld Stereo in Johannesburg/Gauteng und 94.5 KFM in Kapstadt/Western Cape, zudem 702 Talk Radio und 567 CapeTalk) – und dort zunächst seine Radionachrichten aller vier Sender unter der Dachmarke “Eyewitness News” zusammenfasste. Die Vorstufe zur Geburt des Onlineportals.
Ganz fies könnte man sagen: EWN.co.za verwurstet schlichtweg die Abfallprodukte und Ausschussware, die entstehen, wenn rührige Radiojournalisten O-Töne einholen und Geschichten nachgehen. Positiv gesprochen und aus dem Munde von Ryan Till, COO von Primedia Broadcasting, klingt das so: “Eyewitness News hat auf unseren Radiostationen bereits drei Millionen Konsumenten. Wir hatten [durch die Recherche für unsere Radionachrichten] immer viel Content – erheblich mehr als wir je on air verwenden könnten.” Warum also dann nicht die eingeführte Marke Eyewitness News im Internet aufbauen und fortentwickeln? Ein logischer Schritt.
Für die EWN-Journalisten bringt der – selbstredend – zusätzliche Arbeit mit sich. Seit Dezember 2008, dem Launch der Seite, reicht ihnen ein Aufnahmegerät für ihre Arbeit nicht mehr aus. Nun gilt es, auch noch zumindest eine Handykamera mitzunehmen beim Einholen des “Cross-platform content”, wie Ryan Till das Konzept nennt. Zusätzliche Arbeit, aber: “Es ermöglicht den Journalisten, zu reifen und sich zu entwickeln.” Man wächst mit seinen Aufgaben.
24 Stunden, rund um die Uhr, aktualisieren die Reporter laut Eigenwerbung EWN. Ihr Nutzen: Was in den Radio-News, die vor allem in den schrillen Breakfast-Shows der Adult Contemporary-Sender Highveld Stereo und KFM ohnehin eine Nebenrolle spielen, keinen Platz findet, bekommt online eine Nutzerschaft. Andersrum soll die Seite helfen, den Radio-Nachrichten zu mehr Gewicht zu verhelfen – ein Prozess der gegenseitigen Befruchtung.
Ryan Till erhofft sich noch einen weiteren Effekt. “Unsere Hörer sind es gewohnt, über die interaktiven Formate unserer Radiostationen viel mit uns zu kommunizieren. Einer der Katalysatoren beim Aufbau unserer Marke ist die Tatsache, dass unsere Hörer bzw. Nutzer etwas beisteuern wollen. Das findet seinen Niederschlag – on air und off air.” Was in diesem Fall dann “on-line” bedeutet. Somit stehe Eyewitness News in der jahrzehntealten Tradition interaktiven Radios – weitergesponnen ins Web 2.0. “Es geht uns darum, Hinweisen nachzugehen, daraus Content zu machen und ihn zu teilen. Dabei können große Geschichten entstehen, die zum Thema in unseren Sendungen werden, dort ein großes Publikum finden und wieder neue Hinweise auslösen, was sich dann wiederum auch online niederschlägt”, so Till.
Für selbstrecherchierte Geschichten von Usern, den Bürgerjournalismus, findet sich deshalb auch die Rubrik, natürlich, “iWitness”. Freilich: Viel findet sich dort noch nicht. Fotos eines brennenden Taxis in Rosebank, gestrandete Wale am Kap der Guten Hoffnung, dazu je zwei Sätze Text. Immerhin aber auch dutzende User-Aufnahmen von Überschwemmungen in der Provinz Gauteng. Ein Konzept ähnlich wie “1414″ von BILD. Auch komplette, von Nutzern produzierte Radio- und Videobeiträge können hier hochgeladen werden und sollten eigentlich schon online stehen. Dass sie das nicht tun, lässt sich mit dem noch jungen Alter der Seite (sie ist schließlich noch keine drei Monate alt) erklären, sicherlich auch mit der Tatsache, dass sich außer der dünnen reichen und zumeist weißen oberen Bevölkerungsschicht Südafrikas viele die notwendigen Geräte schlichtweg nicht leisten können. Aber es deutet auch auf eines hin: EWN ist, bei aller preiswürdigen Usability und Coolness in der Anmutung, ein bisschen erst mal noch Budenzauber. Mehr als schnelle Nachrichten in kleinen Texthappen, oftmals wackeligen Handyvideos und kurzen Podcasts zu verköstigen, will bzw. kann die Seite nämlich (noch) gar nicht.
Immerhin: Prototypisch, sozusagen, bietet EWN bereits einige Features an, auch das in vorbildlicher Weise: Zum Elend der simbabwischen Flüchtlinge, die sich vor der Tyrannei Robert Mugabes ins Zentrum Johannesburgs geflüchtet haben, ist rechts in einer Leiste auf wenigen Zeilen kompakt und schlüssig der Niedergang des Nachbarstaates Südafrikas erklärt, zudem listet EWN die zugehörigen (crossmedialen) Meldungen auf. Die Entwicklung einer Geschichte lässt sich auf diese Weise gut verfolgen, Zusammenhänge besser verstehen. Davon würde man sich mehr wünschen. Wenn Ryan Till vom “Ausbauen” der Seite spricht, meint er wohl besonders diesen Bereich.
Für die großen Geschichten, die Analysen und einordnenden Stücke muss man also vorerst weiterhin die angestammten Seiten der großen Print-Zeitungen besuchen. Was aber könnten die erst mit einem Interface wie dem von EWN erreichen, auch und gerade in Deutschland – nun: mindestens einen JEPBLOG-Award!
Sebastian Geisler (Team 3)
Autor: student Kategorie: A bis Z, Ausbildung, Zukunft des Journalismus | Keine Kommentare »
Tags: Award, Bürgerjournalismus, Crossmedia, Facebook, Guardian, Handyvideo, Spiegel Online, Team 3, Web 2.0, Welt Online
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