16.3.2009

Herzlichen Glückwunsch, Günter Wallraff! (Linksverkehr 15)

“Das ‘Zeit-Magazin’ hat Günter Wallraff ausgegraben,” schreibt Wolfgang Michal heute bei “Carta”. “Spricht das für die Zeit oder gegen sie?
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Die “Zeit” vom 5. März
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Es spricht nicht gegen die Zeit. Es gibt viele junge Journalisten, die “für etwas stehen, etwas riskieren, ein Thema durchsetzen” und gute “Sozialreportagen” schreiben, auch wenn das Michal in seinem Beitrag bezweifelt. Unter den Bewerbern für den “Axel-Springer Preis für junge Journalisten” beispielsweise sind einige davon.

Aber es spricht gegen die “Zeit”. Weil sie Wallraff mit der Auferstehung ihres “Zeit-Magazins” im Mai 2007 gleich mit aus der Mottenkiste* holte und mit ihrer ersten Titelgeschichte zum “großen Reporter” stilisierte, als wäre nichts gewesen. Nicht der kleinste Hinweis auf die Tatsache, dass der Mann, den man zum Chefaufklärer befördert, höchstwahrscheinlich in Diensten der Stasi stand.

Ich will die Recherchen der “Welt” zu Wallraff und diversen anderen Stasi-Fällen (übrigens die Arbeit junger investigativer Reporter, die auch die unrühmliche Vergangenheit eines Chefredakteurs aus dem eigenen Hause aufdeckten) nicht weiter ausbreiten, das kann man alles nachlesen, zum Beispiel hier.

Wallraff klagte damals beim Hanseatischen Oberlandesgericht (bei Stasi-Verdächtigen sehr beliebt) und bekam Recht, weil ihm nicht nachgewiesen werden konnte, dass er “wissentlich und willentlich” mit der Stasi zusammengearbeitet hat (dazu hätte es etwa einer Verpflichtungserklärung bedurft, die bei West-Agenten aber nicht üblich war). Doch auch nach dem Urteil ist Wallraff “stark verdächtig,” so “Spiegel-Online”, “die Stasi mit Informationen aus dem Westen beliefert zu haben”.

Taugt so einer als Vorbild? Als Ikone der Aufklärung?

Dass Wallraff seine Rolle interpretiert wie er sie interpretieren möchte – geschenkt. “Ich arbeite als Dramaturg, Regisseur und Schauspieler in einer Person”, erklärt er seine Arbeitsmethode im aktuellen “Medium-Magazin”. Und man kann ihn beglückwünschen, dass er mit seinen Darstellungen auch in eigener Sache so erfolgreich ist.

Aber warum macht die “Zeit” Wallraff ohne jede kritische Distanz zur “Symbolfigur des kämpferischen Enthüllungsjournalismus” (“Medium-Magazin”)? Vor ein paar Tagen hat es Wallraff dort wieder auf den Titel geschafft, der Autorenname groß wie eine Schlagzeile. Wie die Zeit vergeht.

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* Es ist still geworden um… heißt es in solchen Fällen immer. 33 Bücher veröffentlichte Günter Wallraff zu Zeiten der DDR. In den Jahren danach war es nur eines: “Ich – der andere. Reportagen aus vier Jahrzehnten”. Ein Sammelband.


aus: “Die Welt”, 2003

Autor: jep Kategorie: A bis Z, Blattkritik, Zukunft des Journalismus | 15 Kommentare »
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15 Kommentare zu “Herzlichen Glückwunsch, Günter Wallraff! (Linksverkehr 15)”

  1. Langstrumpf

    Vielleicht sollte sich die ZEIT in PIPPI umbenennen?!

    2 x 3 macht 4
    Widdewiddewitt und Drei macht Neune!
    Ich mach’ mir die Welt
    Widdewidde wie sie mir gefällt

  2. Dottore

    wallraff, wallraff,….war das nicht der, der die üblen machenschaften des springerkonzerns aufgedeckt hat? der über die miesen praktiken der blöd-zeitung berichtet hat? dass ihr auf dem jetzt so rumhackt…

  3. oma

    Dottore hat ja den totalen Durchblick. Jede Anti-Bild-Aktion ist bei den Kollegen eben so irre beliebt, dass man dem halbseidenen Wallraff den Ruf als große Ikone der Investigativrecherche, quasi fleischgewordenem Pulitzer Preis, auch 30 Jahre später gerne noch hinterher trägt. Wenn kann da schon das bisschen Stasi-Vergangenheit stören, fällt ja dagegen kaum ins Gewicht. PEINLICH für die Zeit – denen hätte man wirklich mehr Differenziertheit zugetraut. Dieser Billig-Populismus diskreditiert die total.

    Das bizarre: Wallraff glaubt wohl mittlerweile selbst dran, dass er die Stimme der Gerechtigkeit und puren Wahrheit ist. Robin Hood. St. Martin. Statt einfach billiger Stasi-Spitzel.

  4. Leipzsch

    Korrekt, Dottore! Der Mann, der bei Bild Hans Esser war. Der gleiche unerschrockene Kämpfer für das Gute in der Welt, der zu Zeiten des kalten Krieges hinterm Eisernen Vorhang in Stasi-kontrollierten Archiven ein und aus ging als wärs die Kölner Stadtbibliothek. Der gleiche aufrechte Kämpfer gegen das Unrecht in der Welt, der sich im Ausland unter konspirativen Umständen mit einem Geheimdienst-Schergen zum Kaffeekränzchen getroffen hat.

  5. moviestar

    Allein dass sich jemand als “Dramaturg, Regisseur und Schauspieler” bezeichnet ist doch für einen Journalisten schon höchst bedenklich und sagt alles. Ein Heldenepos mit Hauptdarsteller Wallraff, so sieht er die Welt.

  6. jep

    @ Leipzsch

    “ging in Stasi-kontrollierten Archiven ein und aus als wär’s die Kölner Stadtbibliothek gewesen”:

    Hab vorhin ein paar Unterlagen durchgeblättert, dabei ist mir die Anweisung des DDR-Ministeriums für Kultur von 1987 in die Hände gefallen. Die Order ging an “den Arbeitsbereich Paßkontrolle” und betraf die Ein- und Ausreise Günter Wallraffs.

    Die “geforderten Maßnahmen” des Büros des Ministers:

    “- Befreiung von verbindlichem Mindestumtausch / Straßennutzungsgebühren;
    - Abfertigung ohne Zollkontrolle der Person / des Transportmittels / des Gepäcks;
    - Besonders bevorzugte, höfliche Abfertigung”

    Für manche war der Eiserne Vorhang tatsächlich ein offenes Tor.

  7. avb

    andererseits ist die bild durch die wallraff-geschichte sicherlich sehr viel besser geworden, muss man auch mal dankbar sein dem lieben gott äh wallraff.

  8. Gerhard

    http://www.welt.de/politik/article1923717/Der_spaete_Triumph_der_Stasi_Taeter.html

    “Die Verfolgung der Verbrechen der DDR-Geheimpolizei hat die deutsche Justiz gründlich überfordert. Laut einer Erhebung der Berliner Humboldt-Universität wurden nach 1989 im Zusammenhang mit dem Stasi-Unrecht lediglich 234 Anklagen erhoben und nur 79 Beschuldigte verurteilt. Ins Gefängnis schickten die Richter einen einzigen Täter – einen West-Berliner, der im Auftrag des Ostberliner Repressionsapparates einen Giftmordanschlag auf eine dreiköpfige Familie verübt hatte.”

  9. jep

    Lieber Wolfgang Michal,

    Sie haben heute bei “Carta” an mich geschrieben:

    Lieber Jan-Eric Peters,

    In Reaktion auf meinen Beitrag „Keine Rente für Wallraff!“ decken Sie noch einmal ‚die dunkle Vergangenheit’ von Wallraff auf. Gab es da nicht mal was mit der Stasi!? Sie verweisen in diesem Zusammenhang auf folgenden Punkt und unterstreichen ihre Beobachtung auch noch mit einer Zeitleiste:

    „33 Bücher veröffentlichte Günter Wallraff zu Zeiten der DDR. In den Jahren danach war es nur eins: “Ich – der andere. Reportagen aus vier Jahrzehnten”. Ein Sammelband.“

    Ich meine, wir sollten daraufhin die Veröffentlichungspraxis anderer Autoren noch einmal kritisch durchleuchten. Hat nicht Hans-Magnus Enzensberger die meisten seiner Bücher zu Zeiten der nordkoreanischen Diktatur veröffentlicht? Und hat Albert Camus die meisten seiner Schriften nicht zu Stalins Zeiten publiziert?

    Da wird noch manches ans Tageslicht kommen! Aber der Clinch zwischen Springer und Wallraff ist unter rationalen Gesichtspunkten wohl nicht zu begreifen.

    Herzlichen Gruß
    Wolfgang Michal

    Ich habe versucht, Ihnen bei „Carta“ zu antworten. Leider erscheint mein Kommentar nicht, wenn ich ihn sende (vielleicht muss er erst freigegeben werden), und einen Mail-Kontakt zu Ihnen finde ich im Blog auch nicht. Deshalb antworte ich Ihnen gern auch hier, obwohl sich dann einiges doppelt.

    Lieber Wolfgang Michal,

    ich decke die dunkle Vergangenheit von Günter Wallraff keineswegs noch einmal auf, die liegt ja offen, man muss nur hinsehen wollen. Aber ich wundere mich, ja ich ärgere mich auch, dass die größte Wochenzeitung des Landes Wallraff völlig distanzlos zu ihrem Chefaufklärer befördert, obwohl sie um dessen Vergangenheit weiß. Die „Zeit“ selbst hat vor ein paar Jahren sehr vernünftig darüber geschrieben.

    Sie und andere Kritiker machen es sich für meinen Geschmack viel zu einfach, die Auseinandersetzung mit Wallraff immer nur unter dem Gesichtspunkt einer Auseinandersetzung zwischen Springer und Wallraff zu sehen. Dieser „Clinch“, wie Sie es nennen, ist mir völlig wurscht (und die Enthüllungen zu meiner Zeit bei der „Welt“ betrafen längst nicht nur Wallraff, sondern auch andere, beispielsweise einen Chefredakteur des eigenen Verlages). Mir geht es um Grundsätzliches.

    Ich habe „Ganz unten“ verschlungen, als ich 20 war, die Erstausgabe steht bei mir im Regal. Das Buch hat mich begeistert und in meinem Wunsch bestärkt, ich war damals Journalistenschüler, als Reporter zu arbeiten. Aber soll ich deshalb beide Augen zudrücken, wenn sich der Autor ins Zwielicht begibt? Man kann Recht und Unrecht nicht gegeneinander aufwiegen. Wer sein Gewissen zum Maßstab erhebt und sich erlaubt, andere an den Pranger zu stellen, für den dürfen sogar besonders strenge Maßstäbe gelten, meine ich.

    Stellen Sie sich einfach mal vor, da hätte ein Journalist eines demokratischen Landes aus freien Stücken mit dem Geheimdienst einer Diktatur zusammengearbeitet, der Oppositionelle unterdrückt, gefoltert und umgebracht hat. Und bei Wallraff ist es höchstwahrscheinlich genau so gewesen. Wie ließe sich das rechtfertigen?

    Taugt so jemand als Ikone der Aufklärung? Was meinen Sie?

    Beste Grüße,
    jep

    P.S. Ihre Bemerkungen zur Grafik sind ganz lustig, aber gehen doch an der Sache vorbei. Oder wurde Camus von Stalins Geheimdienst als Spitzel geführt?

  10. pumuckl

    haarsträubend, dass einer wie wolfang michal offenkundig meint, es bedürfe noch weiterer enthüllungen, um wallraffs stasi-vergangenheit aufzudecken. haarsträubend, und leider symptomatisch für den umgang mit w.

  11. KONKRET

    Michal beklagt sich darüber, dass Wallraff immer noch seine großen Sozialdramen schreiben müsse, weil es an Nachwuchs fehle – aber Wallraff schreibt doch gar nicht:

    http://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%BCnter_Wallraff#Diskussion_um_Urheberschaft

    http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument.html?id=13542081&top=SPIEGEL

  12. jepblog » Blog Archive » Linksverkehr (16): “Die große Erzählung vom Amok”

    [...] habe mich diese Woche schon genug geärgert, darüber und über andere Merkwürdigkeiten in der Amok-Berichterstattung und über die Glorifizierung Günter Wallraffs durch die “Zeit”. Heute lacht die Sonne, es wird Frühling. Aber lesen sollten Sie den [...]

  13. jep

    Zur Abrundung. Wolfgang Michal hat mir geantwortet:

    Ich will das eigentliche Thema: “Wo sind die jungen Reporter?” jetzt nicht zum Thema Wallraff machen. Ich bin aber aufgrund des Denkens und Verhaltens von Günter Wallraff (der Heinrich Bölls undogmatischem Denken nahe steht) überzeugt, dass er zumindest nicht wissentlich mit der Stasi zusammengearbeitet hat. Es gab Leute, die die Archive der Diktatur DDR benutzen durften (z.B. für Recherchen über Kriegsverbrecher und Kriegsprofiteure, die nach 1945 unbehelligt im Westen weitermachen konnten). Ob diese Informationsbeschaffung erlaubt ist, darüber könnten wir jetzt lange rechten. Wie hätten Sie wohl als Reporter gehandelt? Eine andere Frage ist, ob es dafür Gegenleistungen gab, und die ist bis jetzt unbeantwortet. Den Rechtsstreit hat Wallraff jedenfalls gewonnen.

    Meine Replik:

    Ja, lassen Sie uns das nicht endlos ausweiten. Nur eine kurze Anmerkungen noch, weil Sie den Rechtsstreit erwähnen. Im Urteil heißt es, dass die vorgelegten Dokumente „den Verdacht stützen, dass der Kläger IM (Inoffizieller Mitarbeiter) des MfS (Ministeriums für Staatssicherheit) war“. Sie erbringen lediglich “keinen Beweis für die subjektive Seite des Geschehens”, weil “nicht zwingend“ folge, dass Wallraff „willentlich und wissentlich” mit der Stasi zusammengearbeitet hat.
    Wir müssen jetzt nicht darüber diskutieren, ob ein investigativer Reporter vom Kaliber Wallraff hätte wissen müssen, mit wem er sich da im SED-Staat einließ. Aber die “Zeit” hätte es bei ihrer Entscheidung berücksichtigen und den Lesern erklären sollen.

    Und jetzt, denke ich, können wir uns wieder neuen Themen zuwenden.

  14. jepblog » Blog Archive » Linksverkehr (17): “Zeit”-Geist

    [...] Nachtrag zum Linksverkehr (15). Heute ist die neue Ausgabe der “Zeit” erschienen. Aufmacher “Mein [...]

  15. Klaus Grosser

    Bitte um Angabe der Kontaktdaten des G. Wallraff wie:
    Telefon, E-Mail, Adresse, etc.
    Recht herzlichen Dank im voraus, Ihr K. Grosser
    MfG, Ihr K. Grosser
    Adresse: ResidencialBalvanera
    km 09, Libre a Celaya; Apdo. Postal 113
    Tel/Fax : 0052-442-225 20 87
    Mobile : 00521-442-186 3263

    C.P. 76900 Corregidora / Qro. e-mail : klamex01@prodigy.net.mx

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