18.3.2009

“Die große Erzählung vom Amok” (Linksverkehr 16)

Annette Milz vom „Medium-Magazin“ ist empört, Vera Lengsfeld nennt es ein „unsägliches Stück“, Stefan Niggemeier „hanebüchenen Unsinn“ und „dreiste Verlogenheit“: den Kultur-Aufmacher „Die Unsterblichkeit des Amok-Täters“ von Chefredakteur Thomas Schmid in der „Welt am Sonntag“.


Der Kultur-Titel der “WamS”
(Gesicht hier unkenntlich gemacht)

Der Vorspann: „Tim K. wusste wohl, dass er schon Stunden nach seiner Tat auf immer in die Hall of Fame des Verbrechens eingehen würde. Mit seiner Tat hat er die große Erzählung vom Amok weitergesponnen. Dass er das konnte, ist auch eine Folge von medialer Demokratisierung.“ Dazu ein halbseitiges Foto ohne Bildunterschrift, das einen trauernden Jungen zeigt – den der Leser für den Täter halten muss.

Ich habe mich diese Woche schon genug geärgert, darüber und über weitere Merkwürdigkeiten in der Amok-Berichterstattung und über die Glorifizierung Günter Wallraffs durch die “Zeit”. Heute lacht die Sonne, es wird Frühling. Aber lesen sollten Sie den seltsamen Text und die Diskussion dazu trotzdem mal.

Autor: jep Kategorie: A bis Z, Blattkritik, Zukunft des Journalismus | 10 Kommentare »
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10 Kommentare zu ““Die große Erzählung vom Amok” (Linksverkehr 16)”

  1. wim

    Man gibt Niggemeier ja ungern recht, aber in diesem Fall…Und die Optik erst. katastrophe. Vielleicht sollte sich unter die Blinden in der Welt/WamS Art Direktion mal der ein oder andere Einäugige mischen.

  2. Dottore

    klar, dass die welt bei dieser miesen geschichte offenbar schon vorgestern die kommentare gesperrt hat, damit niemand mehr “bäh” drunter schreibt. hauptsache eine 34-seitige klickstrecke. das ist ein der übelsten medialen entgleisungen der letzten zeit. immerhin: ein leises lob für dieses blog, das hier kritik im eigenen stall übt.

  3. Geisinho

    „Tim K. wusste wohl, dass er schon Stunden nach seiner Tat auf immer in die Hall of Fame des Verbrechens eingehen würde. Mit seiner Tat hat er die große Erzählung vom Amok weitergesponnen.“

    Kann man diesem Satz nicht einfach nur zustimmen? Verhindert man Amokläufe, indem man solche Binsen unausgesprochen lässt? (Und müsste sich also über Schmid moralinsauer empören, der vermeintlich mit seiner banalen Feststellung fahrlässig weiteren Amokläufen Vorschub leistet?)

    Das Problem des Textes ist doch, dass Schmid zwei Dinge miteinander verrührt, die miteinander nix oder nur wenig zu tun haben: „mediale Demokratisierung“. Wollte Tim K., dass ihm irgendwelche Idioten in Onlineforen huldigen? Dass man ihn bei youtube glorifiziert? Nein, er wollte die große, die massenmediale und weltweite Aufmerksamkeit ganz im obigen Sinne. Die hat er bekommen, und auch zukünftige Amokläufer, die es geben wird, werden sie bekommen.

    Für viel problematischer halte ich zum Beispiel die Berichterstattung der Bild, die Tim K. als kampfanzugtragenden, nun ja, geradezu: Einzelkämpfer in Szene gesetzt hat.

    Insofern @jep: Haben Sie sich darüber auch empört?

    Schmid beschreibt – ironischerweise – gerade diese Art, einen Mythos (mit) zu schaffen, sehr treffend. Nur hat das mit Internet und „user generated content“ weniger zu tun.

    Leider ragen Schmids Gedanken in Sachen Amoklauf allzu sehr ins Philosophische, vielleicht spricht auch die Unwissenheit aus ihm in Sachen Internet.

    (Tim K. hat den Amoklauf „per E-Mail“ angekündigt?) Das war der Versuch, in der Analyse eine Drehung zu modern zu sein.

    „Dass Tim K. heute eine populäre, in der ganzen Welt bekannte Gestalt ist, ist auch eine Folge von user generated content.“

    Nun: Wenn so, dann aufgrund der technischen Möglichkeit, „user generated content“ zu beschaffen und über die klassischen Medien (In der Tat zum Beispiel Fernsehen, Spiegel, Bild oder bild.de) zu verbreiten.
    Da arbeiten plötzlich Redaktionen (Grafiker, Layouter, Schreiber) daran, einen vormals Ungehörten, Ohnmächtigen professionell abzubilden und darzustellen als den, zu dem er jäh geworden ist: Jemand, der plötzlich mit der Waffe in der Hand über Leben und Tod entscheidet. Genau das ist gefährlich.

    Wer will und Zugang zu Waffen hat, kann, so erschreckend banal es klingt, seinem Winnenden, Waiblingen, Hintertupfingen innerhalb weniger Stunden zu weltweiter Bekanntheit verhelfen.

    P.S.: Die Optik ist in der Tat ein schwerer Fehler.

  4. Geisinho

    P.S.: Und, ja: Das Thema in der Kultur (!) aufzumachen, ist natürlich problematisch, da bekommt man Bauchschmerzen. Damit ordnet man sich in der Tat der vermeintlichen, kalten Ästhetisierung und Mythologisierung (oder wie immer man es nennen soll) des Amoklaufs unter. Aber: Schmid bildet das ab; er erspinnt es nicht.

  5. em

    dieses bild ist ein absoluter tiefpunkt. geht’s bei der welt so diktatorisch zu, dass kein kollege bei solchen foto-ideen mal korrigierend eingreift? oder pennen da alle?

  6. avb

    Respekt, Geisinho. Die Differenzierung hat hier gefehlt.

  7. pvs

    @geisler: ich finde die differenzierung auch gelungen und habe dem wenig hinzuzufügen.

    bei der optik ist die erklärung wohl banal. haarsträubende fehler geschehen in allen redaktionen, und bei der welt sind mehr zweiäugige und weniger dikatoren beschäftigt, als es den spöttern hier wohl lieb wäre.

  8. sja

    @geishino,avb, pvs

    also bitte, das ist doch nicht euer ernst!!! differenzierung? an dieser stelle?? solche fehler dürfen NIEMALS passieren. der text ist ja schon unter aller… (“hall of fame des verbrechens”, und die these erst), aber das foto ist purer dilettantismus. es handelt sich hier doch nicht um irgendeine xbeliebige briefmarke auf seite 76 des motorteils, sondern um ein riesengroßes foto! auf der aufschlagseite der kultur! zu einem extrem heiklen thema! geschrieben vom chef selbst! wer sucht so ein foto aus? warum wird es gedruckt, wenn die einwände auf der hand liegen und sogar JEDEM berufsanfänger klar sind? liest der chefredakteur seine eigenen seiten nicht? ich bin wirklich entsetzt.

  9. jep

    Schlimmer Fehlgriff der “Welt am Sonntag”

  10. em

    @sja: Danke für die klaren Worte. Hier will offensichtlich keiner was gegen den großen Chef sagen, obwohl der so OFFENSICHTLICH versagt hat.

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