24.3.2009

GASTBLOG: Lange und kurze Schwänze

Seitdem Twitter und Facebook medial durchstarten, fehlt kein Tag, an dem nicht auf einen neuen Twitteraccount eines Mediums verwiesen wird, an dem nicht eine Zeitung eine Facebookgruppe gründet oder irgendwo gebloggt wird, wieviel Follower man hat.

Überall, aber gerade in Deutschland ist der Schwanzvergleich äußerst beliebt: Wieviele Follower hat FOCUS bei Twitter, wieviele Freunde die Zeitung X auf Facebook? Nun sind diese Zahlen an sich schon mal deswegen nicht aussagekräftig, weil man sich zum einen mit Tricks Follower besorgen kann, zum anderen aber ist damit nicht gesagt, dass diese neuen Freunde auch tatsächlich Leser oder Kunden sind.

Die Spitzenreiter der Twittercharts nennen altbekannte Blogger, die um die 6.000 Follower haben. Mit einer solchen Auflage sollte sich ein Printmedium mal an den Markt wagen.

Letztlich ist es aber egal, wieviel PIs, User, Follower, Unique Visitors, Friends und Freunde man je Network hat. Was viele gerade in Deutschland nicht verstehen, ist, dass die Summe der einzelnen Maßnahmen den Erfolg macht.

Und das bedeutet:

Richte ich als Zeitung einen Twitteraccount ein, dann sollte ich überlegen, wofür? Für Eilmeldungen? Gute Idee! Als weiteren RSS-Feed für Headlines? Laaaangweilig. Als Leserbindungstool? Wunderbar, wenn denn die Zeit dafür vorhanden ist.

Diskussionen und Blogs? Ja, aber nur wenn die Redaktion auch mit dem Leser diskutiert und nicht nur Leser (und Trolle) untereinander.

Video auf Onlinesites sind auch nicht mehr das was es mal war, oder? Von wegen. Video boomt, wenn man es richtig macht. Wer aber die gleichen Berichte, die Reuters auch der Tagesschau liefert, bringt, darf sich nicht wundern, dass das schiefgeht. Und: Video bringt nur dann Geld, wen es die Anzeigenabteilung auch verkaufen kann. Ich halte Video nach wie vor für einen wunderbaren Werbeträger, wenn denn Inhalte besonders sind. Und im übrigen ist es bei Video unerlässlich, sowohl die Möglichkeit zum Einbinden in anderen Webseiten als auch Downloads anzubieten. Bei Videos geht es um Verbreitung.

Podcasts sind tot. Nein, ganz im Gegenteil. Sie sind nur da, wo sie hingehören, bei den Hörern. Auch hier gilt: Podcasts sind keine Massenware, aber wer zielgruppenspezifisch produziert, kann sehr wohl Erfolg haben. Ein guter Podcast kann der Markenpflege durchaus dienlich sein. Nach wie vor zieren sich die meisten Medien, ihre ohnehin geführten Interviews als Audiodatei zur Verfügung zu stellen. Das ist schlicht Faulheit.

Facebookgruppen: Wir haben ein Leserforum, da brauchen wir nicht auch noch Facebook schwafeln. Mag sein, Problem dabei: Im Leserforum sind die Leser, die Euch sowieso schon lesen. Auf Facebook sind die, die kaum noch wissen, was eine Zeitung ist und wie sie heißt.

Nun bringt eine Facebookgruppe (oder eine Facebook-Applikation) nur dann was, wenn man vorher genau überlegt, wen man wie ansprechen will und was man überhaupt vermitteln will.

Was hat das nun mit langen und kurzen Schwänzen zu tun?

Während Twitter-, Blog und andere Charts nur ein Vergleich in einer kurzen Momentaufnahmen sind, werden sich Aktivitäten in mehreren Diensten über einen längeren Zeitraum viel erfolgreicher darstellen. Das nennt man dann auch den “Long Tail”. Wer nur auf die neueste Technik setzt und dabei Bewährtes außer acht läst, wird immer wieder Enttäuschungen erleben müssen.

Tatsächlich muss man, wie abgedroschen das auch klingen mag, die komplette Klaviatur der neuen Medien spielen und vor allem auch ernst nehmen. Wer ausprobiert um des Probierens willen, scheitert zwangsläufig. Es gilt, in allen Bereichen Kompetenzen aufzubauen, und das dauert nun mal.

Fischen wo die Fische sind ist angesagt: Wer neue Leser finden will, muss dorthin gehen wo sie sind und sie so ansprechen, wie sie es gewohnt sind.

Ich frage mich, warum ich und andere das seit Jahren herunterbeten und es Medien doch so schwer fällt, das einfach umzusetzen.

Thomas Wanhoff

Autor: Gastblogger Kategorie: A bis Z, Zukunft des Journalismus | 11 Kommentare »
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11 Kommentare zu “GASTBLOG: Lange und kurze Schwänze”

  1. maTze

    “Nach wie vor zieren sich die meisten Medien, ihre ohnehin geführten Interviews als Audiodatei zur Verfügung zu stellen. Das ist schlicht Faulheit.”

    Kann sein. Kann aber auch sein, dass die gestellten Fragen verkürzt und die gegebenen Antworten in der Printfassung verdichtet worden sind. Dass aus Halbsätzen ganze gemacht wurden, und dass das mitgeschnittene Interview sich deshalb nicht 1:1 als Audiofile zur Verfügung stellen lässt.

  2. claas

    @maTze:
    1:1 wäre sicherlich nicht besonders sinnvoll. gut geschnitten dagegen schon.

  3. zweithirn

    von wegen. gerade das ungeschnittene interview bring autentizität, die eine zeitung gar nicht liefern kann – und erzählt manchmal viel mehr (zögern, versprechen) – als das gedruckte wort. außerdem: gebt doch diem leser die möglichkeit, sich nicht nur über die leistung des interviewten, sondern auch über die leistung des interviewers ein bild zu machen. das führt dann vielleicht auch zu präziserem und konzentrierterem fragestellen.

    allerdings: problematisch wird es dann, wenn das freigegebene interview mit dem geführten nicht mehr viel zu tun hat. auch hier aber vielleicht: der zwang zu mehr selbstkontrolle.

  4. claas

    @zweithirn:
    es wird sich allerdings kaum jemand eine 45-minütige ungeschnittene audiofassung eines interviews anhören wollen. trotz der hoffnung auf peinlich-komisches gebaren des interviewers (oder interviewten).
    zuviel authentizität ist in diesem falle einfach nur langweilig. und leistet dazu noch der faulheit bzw. dem unvermögen vorschub, das schnittprogramm zu bedienen.

  5. Frank Schmiechen

    Einfach immer alles richtig machen. Genau. Gute Idee. Setzen ab sofort um.

  6. k_bruchmueller

    auch eine 45-minütige audiofassung eines iinterviews kann sehr interessant sein. allerdings verfolgen journalisten selten die absicht 45 minuten gute antworten zu haben. vielmehr konzentrieren sich journalisten auf wenige “gute” aussagen.

  7. maTze

    Mir ging’s vor allem darum, dass neben schlichter Faulheit auch noch andere Gründe gegen die Veröffentlichung der Original-Audiodateien sprechen können. Da sind wir uns wohl alle einig, ne?

  8. Atze

    1. denkfehler: achso, das wusste ich nicht, dass auf facebook nur solche leute sind, die keine zeitung kennen. hahaha. lächerlich. genau das ist die falsche denke, die solchen medienverstehern anhängt.

    2. denkfehler: ich brauche keine zeitung auf facebook oder twitter, sondern intelligente kommunikation.

  9. Jan Eggers » Blog Archive » Blogschau, verspätet

    [...] angesichts fröhlich auf einem Stapel Twitter-Follower herumhüpfender Redaktionen schon längst der Kragen geplatzt: “Fischen wo die Fische sind ist angesagt: Wer neue Leser finden will, muss dorthin gehen wo [...]

  10. Thomas Wanhoff

    @claas: Genau das machen Hörer. 2 Stunden lang. Wenns denn interessant ist.
    @Atze: Facebook ist nur ein Beispiel für Social Networks. Tatsächlich gibt es einen Zusammenhang zwischen Alter, der Neigung Zeitungen zu lesen und der Neigung, seine Zeit in Social Networks zu verbringen. Und es geht nicht um eine Zeitung auf Facebook, genau das ist der falsche Weg. Es geht darum, erstmal Facebook zu verstehen. Und dann sich zu überlegen, wie man das nutzen kann.

    @Schmiechen: Hmm, ich kenne ein Verlagshaus, das systematisch alle Video-, Audio- und Social Networkangebote eher zurückfährt.

    @alle: Der Unsinn der Authorisierung von Interviews ist ja bekanntlich ein deutsches Problem, das abgeschaft gehört. Und wer Angst hat, dass diese Audiodateien dann verbreitet werden, dem sei gesagt, dass die Nichtverbreitung noch viel weniger bringt. Also, Werbung rein und raus damit.

  11. claas

    @thomas wanhoff:
    wer hätte das gedacht? wenn’s interssant ist, gucke oder höre ich mir auch alles an. sogar 4 stunden.

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