In der Anstalt
Er musste ja zu früh kommen. Wenn eine deutsche Behörde nach einem benannt wurde, kann man ja schließlich nicht zu spät erscheinen. Aber gleich fünf Minuten vor der Zeit?!

Joachim Gauck im Roten Salon der Akademie
So saß Joachim Gauck mit Teetasse in der Hand im Roten Salon der Akademie: “Soll ich etwa allein trinken?” Aber das sagt er nicht amtsdeutsch, sondern mit einem unglaublich warmen, fast bubenhaften Grinsen. Überhaupt kam der 69-Jährige sehr sympathisch rüber, gar nicht wie ein ehemaliger Bundesbeautragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes.
Joachim Gauck ist auffallend interessiert, fragt nach Redaktionen und dem Akademiebetrieb, nach Auswahlverfahren und dann plötzlich: “Wer sind eigentlich diese alten Herrschaften dort hinten?” Team 5 lacht, das Eis ist gebrochen. Gemeint war die Akademieleitung, die sich beim Studium Generale gerne im Hintergrund hält.
Dann beginnt Gauck mit seinem Vortrag über das Leben in vordemokratischen Gesellschaften am Beispiel der ehemaligen DDR. Klingt wie eine nie enden wollende Hausarbeit eines Politologie-Studenten, entpuppt sich aber nach wenigen Sätzen als intimer Einblick in Gaucks ereignisreiches Leben.
“Schon mit elf Jahren wusste ich, dass Sozialismus verlogen ist. Nicht, weil ich besonders schlau war. Doch als ich elf war, wurde mein Vater von Sowjetsoldaten verhaftet und nach Sibirien verschleppt – grundlos.” Die Familie erfuhr erst zweieinhalb Jahre später, wo sich der Vater befand: in einem sowjetischen Arbeitslager.
So war das in der DDR: “Man war noch Kind, aber musste schon politisch sein.” Doch wie konnte so ein System funktionieren? Menschen, die grundlos festgenommen wurden – wieso hat sich niemand dagegen gewehrt? Gauck, der gerade an einem autobiografischen Buch über das Leben in der Diktatur und den Übergang zur Demokratie schreibt, erklärt das angepasste Verhalten der Menschen in der DDR mit Ohnmacht: “Wir waren keine Bürger – wir waren Insassen. Bürger haben Rechte. Doch die gab es in der DDR nicht oder nur sehr begrenzt. Wir waren eigentlich Insassen, denn Bewohner besitzen die Schlüssel ihres Hauses, können kommen und gehen, Anstaltsbewohner können dies nicht. Diese Freiheit hatten die ins Land eingesperrten Bewohner nicht, sie waren fremdbestimmt und politisch ohnmächtig.”
Die Stasi – Gauck nennt sie “Geheimpolizei”, sie selbst nannte sich “Schild und Schwert der Partei” – und ihre ca. 90.000 Mitarbeiter sowie etwa 120.000 inoffiziellen Mitarbeiter waren die Verstärker dieser Ohnmacht. Die allgegenwärtige Einheitspartei SED, die Alibifunktion der anderen Parteien, die fehlende Gewaltenteilung und die Missachtung von Menschenrechten vervollständigten das Ensemble der Kräfte, die das Leben der Menschen in der DDR bestimmt und zum ständigen Gehorsam gezwungen haben.
Doch wieso ergeben Umfragen, dass sich bis zu 20 Prozent der Deutschen die Mauer zurückwünschen? Wieso gibt es den Ostalgietrend, wenn es in der DDR doch so vielen schlecht ging? “Die Menschen in der DDR litten nicht nur unter dem System, sondern auch am Angst-Anpassungssyndrom: Aus Angst vor den Folgen, vor gesellschaftlichen Benachteiligungen oder gar Inhaftierung, haben sie sich mit dem System arrangiert, sich zurückgezogen, geschwiegen und bewusst gebeugt. Und das gibt niemand gerne zu. Niemand erinnert sich gerne an seine Fehler. Deshalb bevorzugen viele ein Erinnern, das ohne Scham, ohne Schmerz und Trauer auskommt, deshalb ist Nostalgie ihre Form der Erinnerung.” Dagegen kämpfen Gauck und sein Verein “Gegen Vergessen – Für Demokratie”.
“Haben Sie jemals überlegt, zu fliehen?” Spannung baut sich auf. Gauck legt den Kopf schräg und holt tief Luft. “Nein, das kam für mich nie in Frage. Ich wollte von innen heraus etwas bewegen und ändern.” Sogar als 1987 seine beiden Söhne nach Hamburg ausreisen durften und seiner Frau das Mutterherz blutete, ließ er sich nicht davon abbringen. “Ich hatte als Pfarrer immer das Gefühl, gebraucht zu werden. Da konnte ich nicht einfach abhauen und meine Gemeinde zurück lassen.”
Der Liedermacher Wolf Biermann treffe sein damaliges Gefühl sehr gut, sagt Gauck: “Ich möchte am liebsten weg sein und bliebe am liebsten hier.” Ein Song, der die ambivalente Einstellung vieler Menschen in der DDR zum sozialistischen Staat deutlich machte.
Julia Finger
Autor: student Kategorie: A bis Z, Ausbildung, Gäste der Akademie | 1 Kommentar »
Tags: DDR, Demokratie, Joachim Gauck, Menschenrecht, SED, Staatssicherheit, Stasi, Studium generale, Team 5, Wolf Biermann
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Am 27. März 2009 um 16:06 Uhr
Wir hatten schon viele interessante Menschen zu Gast im Studium generale, aber die Begegnung mit Joachim Gauck hat mich berührt. Beeindruckend und bewundernswert, dass man nach einem Leben voller Ungerechtigkeit und emotionaler Tiefen lächelnd, nicht gebrochen durchs Leben gehen kann. Und nicht aufgibt.