GASTBLOG: Den Deutschen ihr Internet.
Ich habe eine kleine Reise gemacht. Letzte Woche habe ich meinen Redaktionsschreibtisch verlassen, mein Notebook eingepackt und bin viele Kilometer durch die Republik gefahren. Ich liebe diese Gelegenheiten, um neue Ideen zu sammeln und zu erfahren, worüber die Medien-Köpfe und -Branchen gerade nachdenken. Seit meiner Rückkehr mache ich mir aber viele Sorgen: Die Deutschen verstehen das Internet immer noch nicht.
Ich will nicht über die Radiomanager schreiben, die auf dem Medientreffpunkt Mitteldeutschland in Leipzig ganz offen sagten “Wir wissen nicht, wie unsere Zukunft aussieht”. Ich verschweige auch die Printjournalisten, die neidisch auf die explodierenden Online-Reichweiten blicken, aber immer noch kalte Füße bei den klaffenden Einnahmelücken bekommen. Über die jüngste skandalöse Entwicklung auf dem TV-Werbemarkt (Wer hat Schuld? Das Internet, das Internet!) brauche ich auch erst gar nicht kommentieren.
Lieber schreibe ich kurz über einen Ministerpräsidenten, einen Sascha Lobo und einen Bundesminister.
Stanislaw Tillich. Mit den Worten “Ich freue mich, dass Sie mich auf meiner Homepage besuchen.”, begrüßt Sachsens Ministerpräsident mich auf seiner Homepage. Ich gehe mal davon aus, dass dieser Text von ihm, oder von seinem Assistenten geschrieben wurde. Auf dem Medientreffpunkt beklagte sich der Politiker aber über die Anonymität im Internet. Da wisse ja niemand, wer der Verfasser sei. Da seien ihm Zeitungen lieber. Da stehe hinter den Texten ein Kürzel des Autors, das sich leicht klären ließe. Wie soll man da dem Internet vertrauen, wenn jeder schreiben kann, was er will? Auf seiner Startseite habe ich weder Kürzel noch Unterschrift gefunden.
Sascha Lobo. Ich brauche den jungen Herrn aus Berlin-Mitte nicht näher vorstellen, er wird gerade ohnehin überall herumgereicht. Nicht nur das. Man schmückt sich gar mit ihm. Auf besagtem Medienkongress meinte ein Angestellter eines großen Kommunikationskonzerns – sinngemäß: “Unser Micropaymentsystem ist spitze! Sascha Lobo würde sagen: Das ist die Zukunft des Internets!” Zwei Tage später erfuhr ich von einer Agentur aus Süddeutschland, die zu einer Party lud. “Sascha Lobo wird auch kommen!”, flüsterten die Agenturler aufgeregt untereinander. Mir ist weder bekannt, dass Sascha Lobo für den Kommunikationskonzern wirbt, noch war er tatsächlich auf der Party. Meine These: Viele sind so verzweifelt, das Internet nicht verstanden zu haben, dass sie Sascha Lobo für die Personifizierung des Webs halten. Wenn sie ihn einladen -denken sie- haben sie das Internet verstanden.
Karl Theodor Maria Georg Achaz Eberhardt Josef Freiherr von und zu Guttenberg (Wikipedia, Stand: 11. Mai um 22:27). Der Wirtschaftsminister äußerte sich in der Tagesschau (s. Spreeblick) zu einer Online-Petition gegen Internetsperren und machte sich dabei bei sehr vielen Menschen im Internet unbeliebt. Er sagte: ”Es macht mich schon sehr betroffen, wenn pauschal der Eindruck entstehen sollte, dass es Menschen gibt, die sich gegen die Sperrung von kinderpornographischen Inhalten sträuben. Das ist nun wirklich eines der wichtigsten Vorhaben in vielerlei Hinsicht.”
Viele betroffene Unterzeichner ärgerten sich öffentlich darüber, mit Kindepornofans populistisch auf eine Stufe gestellt zu werden. Ich habe mir die Freiheit genommen, und habe den Text zur Online-Petition gelesen: “Wir halten das geplante Vorgehen, Internetseiten vom BKA indizieren & von den Providern sperren zu lassen, für undurchsichtig & unkontrollierbar, da die ‘Sperrlisten’ weder einsehbar sind noch genau festgelegt ist, nach welchen Kriterien Webseiten auf die Liste gesetzt werden. (…) Das vornehmliche Ziel – Kinder zu schützen und sowohl ihren Mißbrauch, als auch die Verbreitung von Kinderpornografie, zu verhindern stellen wir dabei absolut nicht in Frage.” Warum die über 70.000 Unterzeichner in Wirklichkeit keine Kinderporno-Fans sind, erklärt Thomas Knüwer in seinem Blog.
Drei Geschichten, die bei mir heftiges Kopfschütteln ausgelöst haben.
Sollte ich im kommenden Jahr diesen Ausflug wieder machen, sind wir zwar viele Wahlen weiter, aber trotzdem werde ich bestimmt sagen: Die Deutschen verstehen ihr Internet immer noch nicht. Ist halt noch eine lange Reise.
Daniel Fiene
Autor: Gastblogger Kategorie: A bis Z, Ausbildung, Zukunft des Journalismus | 9 Kommentare »
Tags: Daniel Fiene, Gastblog, Guttenberg, Medientreffpunkt, Sascha Lobo, Thomas Knüwer, Wikipedia, Zeitungen
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Am 13. Mai 2009 um 21:42 Uhr
Ich hatte heute eine Telefonkonferenz mit Sascha Lobo, und ich würde sagen, ich habe die Zukunft der Telefonkonferenzen gesehen. In dem Fall also gehört.
Aber im Ernst: Natürlich könnte man durchaus ein bisschen die Stirn runzeln über die Leute, denen Du begegnet bist, die diesen etwas undifferenzierten Sascha-Kult betreiben. Aber man kann ihm nicht vorwerfen, dass er es wie kein anderer in Deutschland versteht, diesen Kult, der bei ihm nicht aus Zuerst-Bekanntheit durch Funk, Fernsehen oder Politik entstanden ist, zu befeuern. Ich ziehe davor meinen Hut. Eine Follower-Party während der re:publica kann jeder machen. Aber bei mir würden 25 Leute kommen.
Finde es ausserdem etwas tendenziös, im ersten und dritten Absatz Tillich und Guttenberg zu Recht an den Pranger zu stellen, und im Absatz dazwischen die Sascha-Fans, diesen zweiten aber so zu konstruieren, dass die Reihe nun Tillich – Lobo – Guttenberg lautet.
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Am 14. Mai 2009 um 13:29 Uhr
Hey Peter,
mit Sascha hast du recht – ich kritisiere ihn ja auch überhaupt nicht. Auch nicht seine Fans, sondern nur die, die den Hype um ihn ausnutzen.
Tendenziös finde ich meine Reihenfolge aber gar nicht. Die ist einfach chronologisch. In der Folge sind mir die Themen Tillich, Lobo und Guttenberg vergangene Woche begegnet.
Gruß, Daniel
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Am 17. Mai 2009 um 11:31 Uhr
Lobo ist nur ein Symptom. Es gibt ja ne ganze Reihe solcher Stars, die sich als Internetspezialisten feiern lassen. Lobo gehört eben zur digitalen Boheme, heißt, er versteht es, Geld zu verdienen, nur durch seine Anwesenheit.
Am 24. Mai 2009 um 23:33 Uhr
[...] 6. Die Deutschen und ihr Internet (jepblog.de, Daniel Fiene) Daniel Fiene ist durch Internet-Deutschland gereist. Er berichtet über Sachsens Ministerpräsident und sein Verhältnis zu Anonymität im Internet, über Sascha Lobo, der mittlerweile als Verkaufsargument für Micropaymentsysteme und Personifizierung des Internets wahrgenommen werde, sowie über Wirtschaftsminister zu Guttenberg, der bei ihm “heftiges Kopfschütteln” auslöse. Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier von Montag bis Freitag handverlesene Links zu Online-Storys aus alten und neuen Medien. Link-Tipps gerne bis 8 Uhr an tipps.medienlese bei blogwerk punkt com. Ronnie Grob ist bis 23. Mai im Urlaub und wird in dieser Zeit von Moritz Adler vertreten. ANZEIGE Werben Sie auf medienlese.com [...]