24.7.2009

Manche wollten einfach nicht mehr leben

Jenny De la Torre spricht leise, nicht weinerlich, sondern einfach nur ruhig. Manchmal gar nüchtern. Die Ärztin berichtet im Roten Salon der Akademie über ihren Einsatz für „Menschen, die keine Lobby haben, die zwar sichtbar für uns sind, aber gleichzeitig außerhalb des Systems“, wie sie sagt. Seit 15 Jahren engagiert sich De la Torre für Wohnungslose und Arme ohne Krankenversicherung. Die gebürtige Peruanerin gründete die Jenny De la Torre Stiftung, die 2006 die Eröffnung eines Gesundheitszentrums für Obdachlose in Berlin Mitte möglich machte.

Die Berliner Obdachlosenärztin Jenny De la Torre gibt Team 6 beim Studium Generale Einblicke in ihr Engagement. Foto Lena Obschinsky
Die Berliner Obdachlosenärztin Jenny De la Torre gibt Team 6 beim Studium Generale Einblicke in ihre Arbeit. Foto Lena Obschinsky

Es ist die Art und Weise, wie sie von ihren Patienten erzählt, die auf der Straße, in halb abgerissenen Häusern oder auf dem Friedhof schlafen: Sie berührt uns, ohne auf die Tränendrüse zu drücken. „Manche wollten einfach nicht mehr leben“, erzählt De la Torre über frühere Begegnungen.

Die Beschreibungen extremer Verwahrlosung prägen sich ein. „Es sind Menschen wie Du und ich. Sie haben nur andere Probleme“, sagt die Ärztin. Und genau das ist ihr wichtig – Obdachlosigkeit sei ein komplexes Problem und weit mehr als nur die Tatsache, keine Wohnung und kein Geld zu haben. Hinzu kommen oft schwere gesundheitliche Probleme, Einsamkeit und Schulden. Einige haben nicht einmal einen Ausweis. Jenny De la Torre möchte für das Thema sensibilisieren und die gesamte Problematik verständlich machen. Das gelingt ihr bei uns.

Anders als noch beim ersten Studium Generale mit dem Historiker Professor Michael Stürmer, Chefkorrespondent der WELT und WELT AM SONNTAG, halten wir uns mit Fragen nicht zurück. Warum macht sie diese Arbeit? Wie verkraftet sie die Eindrücke? Gab es einprägsame Erlebnisse und brenzlige Situationen? De la Torre beantwortet alles. Doch wir wollen mehr wissen. Hat sie Vorschläge, was sich in der (Sozial-)Politik ändern muss? An welchen Schrauben muss man drehen, fragen wir. „An allen“, lautet ihre allgemeine Antwort, eine wichtige Maßnahme sei Bürokratieabbau, eine andere Präventionsarbeit, da viele Betroffene ihre Rechte nicht kennen. Deutlicher wird sie nicht. Ihre Kritik übt sie lieber leise und wägt stets alle Positionen ab. Auf politische Beschlüsse warten kann und will De la Torre nicht – „so viel Zeit habe ich nicht“. Die Ärztin handelt lieber.

De la Torres Engagement ist eindrucksvoll. Ihre Erzählungen haben uns nachdenklich gestimmt. Nach dem Studium Generale bleibt die Frage: Dürfen wir uns als Journalisten so von einer Person oder einer Thematik beeindrucken lassen? Der Grundtenor in der anschließenden internen Runde lautet verkürzt: Ja, natürlich – so lange wir uns ein eigenes Bild machen, das Thema von mehreren Seiten betrachten und Distanz wahren.

Melanie Haack

Autor: student Kategorie: A bis Z, Ausbildung, Gäste der Akademie | 4 Kommentare »
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4 Kommentare zu “Manche wollten einfach nicht mehr leben”

  1. n_tre

    Guter Text, wenngleich ich mir etwas mehr Kritik zu de la Torres Haltung gewünscht hätte. Das hätte das Bild noch etwas runder gemacht.

  2. cru

    Das habe ich aus diesem Studium mitgenommen: Wie schnell ich mich von einem – durchaus beeindruckenden – Lebenslauf bzw. von einer Arbeit blenden lasse. Frau de la Torre ist absolut bemerkenswert, trotzdem sollte man Distanz wahren.

  3. mlü

    Ich find nich, dass Jenny de la Torre eine Meinung dazu haben muss, wo welche Schraube wie weit gedreht werden muss, damit das Problem Obdachlosigkeit kleiner wird. Darüber sinnieren, wie das Problem zu lösen wäre oder präventiv angegangen werden kann, tun ja genug. Sie dagegen macht einfach was. Ich such da nich das Haar in der Suppe und gebe ihr dafür ganz unkritisch meine Bewunderung.

  4. mnü

    Da stimme ich dir voll und ganz zu!

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