Ring frei, Frau Ministerin
Landwirtschaftsminister Ilse Aigner tanzt 90 Minuten um brisante Themen herum und hat es im Gespräch mit uns mit nicht viel mehr als Sparringspartnern zu tun.

Die Bundes-Agrarministerin zu Gast im Roten Salon. (Foto: Matthias Knoll)
Ein guter Trick von Journalisten bei der Gesprächsführung geht so: Man stellt eine anregende Frage und lässt nach der Antwort eine, zwei, drei Sekunden wortlos verstreichen. Meist legt das Gegenüber dann von der Stille unangenehm berührt doch noch Interessantes nach.
Ein sehr guter Trick von Ilse Aigner geht aber leider so ähnlich. Zwar antwortet die Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz bei unserem dritten Studium Generale schnell und wortreich. Anschließend fällt sie aber aus dem Frage-Antwort-Schema und wirft Fragen zurück in die Runde. Und erntet von uns zunächst eine, zwei, drei Sekunden voller Schweigen.
Aigner übernimmt, wir staunen still
Aigner spricht darüber, wie eine Kampagne für eine bildhafte Kennzeichnung von Lebensmitteln angestoßen werden könnte. “Vielleicht könnte ich Sie in den Medien dazu gut gebrauchen?” Sie rätselt, ob bereits heute eine Frau anstatt eines Mannes an der Spitze des Bundeswirtschaftsministeriums stehen könnte: “Ich würde, was die gesellschaftliche Akzeptanz in manchen Köpfen angeht, derzeit noch ein Fragezeichen machen.” Und dann noch zum Kompetenzgerangel zwischen Europa-, Bundes- und Landesebene bei Schummelkäse, Genmais und Milchquoten: “Schwierig, oder?” “Kompliziert, oder?” fragt die Ministerin zurück in die unkritische Stille.
Wäre dieses Interview ein Boxkampf, wir hätten bereits mehrmals zu Boden gehen müssen.
Wer allerdings immer wieder schnell antwortet, fragt und damit nachhakt, sind die beiden Moderatoren aus unserem Team. Sie kleben nicht an ihrem Fahrplan. Doch der Rest rappelt sich nur langsam auf und schlüpft in die notwendige Rolle als in der Form höfliches, jedoch bohrendes Gegenüber.
Wer nachbohrt, bekommt auch Antworten
Doch so lässt Aigner nach einiger Zeit hier und da durchblicken, wo sie mit ihrer politischen Meinung auch in den eigenen Reihen aneckt. Zum Beispiel seien die Bauern “über viele Jahre an die Regulierung der Preise gewöhnt – und jetzt fürchten viele den Markt”. Auf die Frage, wie die Unionsparteien in Zeiten steigender Staatsschulden mit Steuersenkungen glaubwürdig in den Wahlkampf ziehen könnten, antwortet sie mit einer Bedingung: “Für Steuerentlastungen bin ich nur dann, wenn die Wirtschaft wieder wächst.”
Aigner geht dann noch ein bisschen tiefer und erzählt vom Menschen in der CSU-Ministerin. Dass der Glaube eine wichtige, aber nicht die entscheidende Rolle für sie spiele. “Der Glaube und vor allem das christliche Menschenbild sind meine Grundrichtschnur.” Sie sagt, dass ihre Familie und Freunde keine Veränderung bei ihr seit dem Amtsamtritt im vergangenen Jahr bemerkt hätten. Sie sagt über sich: “Nein, das hat man mir noch nicht bescheinigt.”
Insgesamt zeichnet sich Aigner über die 90 Minuten als Demütige und Unbekümmerte, die eher unverhofft in das Ministeramt gerutscht ist. Als Politikerin, die noch immer viel mehr Lernende als zielsichere Taktikerin ist. Und was machen wir, der Journalistennachwuchs? Wir hören zu und haben das bis zum Schluss alles noch gar nicht so mitbekommen: dass wir unser wichtiges Gut, die Gesprächsführung, schon lange aus der Hand gegeben haben.
Ein technischer K.o.-Sieg für die Ministerin.
Manuel Bewarder
Autor: student Kategorie: A bis Z, Ausbildung, Gäste der Akademie | 7 Kommentare »
Tags: CSU, Europa, Ilse Aigner, Studium generale, Wahlkampf
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einen zusätzlichen punkt sollte man ihr übrigens unbedingt noch für das outfit geben!
(auch wenn sie den politischen hintergrund abgestritten hatte)
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Was soll man da noch sagen? Außer beim nächsten Mal wird alles besser!
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Am 28. Juli 2009 um 14:42 Uhr
Gut geschriebener Blog-Beitrag, keine Frage. Aber ehrlich gesagt stelle ich verwundert fest, wie schlecht das Team bei diesem Studium Generale tatsächlich gewesen sein soll. Scheine allerdings in der Tat der Einzige zu sein, den das irritiert…
Am 29. Juli 2009 um 10:20 Uhr
Ich sehe das genauso. Es ist noch kein Journalist als Michel Friedman oder Frank Plasberg auf die Welt gekommen…
Am 29. Juli 2009 um 21:06 Uhr
Ob wir zu den beiden wollen, ist aber doch auch noch eine andere Frage. Aber viel wichtiger: Ja, wir sind ja Schüler zum Lernen. Da sind noch ein paar Generale-Termine übrig.
Am 30. Juli 2009 um 17:07 Uhr
Ich denke, die Beißhemmung ist am Anfang einfach ganz natürlich. Schließlich haben wir noch nicht jeden Tag mit einer Bundesministerin zu tun. Wir sind ja hier, um etwas zu lernen!