25.8.2009

GASTBLOG: Relaunch-Sommer: Innovation statt Einheitsbrei

Alle Jahre wieder. Es wird gerelauncht. Erst veränderte stern.de Anfang August sein Aussehen, vergangene Woche war dann Spiegel Online dran. Die Spatzen auf den Dächern pfeifen, es könne in der zweiten Jahreshälfte zudem noch weitere Online-Neuanstriche in der Medienlandschaft geben.

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Da sehe ich, der ich hier im Hause für selbiges zuständig bin, gleich zweimal hin. Im Hinterkopf natürlich eine Menge Fragen: Sind die beiden Websites übersichtlicher geworden? Ist das Angebot nun eingängiger für die Nutzer? Werden neue Wege in der Navigation beschritten? Und über allem die übergeordnete Frage: Aus welchen Gründen könnten Nutzer jetzt auf die Idee kommen, zur Konkurrenz zu entschwinden? Gibt es etwa was Neues zu sehen???

Genau darum geht es beim erfolgreichen Relaunch: Die Website nutzerfreundlicher zu machen und innovative Dinge zu präsentieren, die das eigene Angebot einzigartig machen. Gerade in der deutschen Medienlandschaft tut das Not, sind wir doch streng genommen alle fixiert auf die schnelle Nachricht, die wir unseren Nutzern bieten. Wirkliche Alleinstellungsmerkmale gibt es da wenige – und die werden oft gut versteckt? Ich sehe mir also Spiegel Online und Stern.de im neuen Gewand an.

Im Wesentlichen hat die Veränderung nicht auf den Startseiten stattgefunden, sondern auf Ebene der einzelnen Artikel. Beim Stern lassen sich nun beispielsweise über “Reiter” zugehörige Videos und Bildergalerien anklicken. Bei Spiegel Online befinden sich Zusatzangebote jetzt links vom Text, wo sie schneller in den Blick fallen sollen. Die Verbesserung der Artikelnavigation macht Sinn, weil viele Nutzer inzwischen nicht mehr über die Titelseite in das Angebot einsteigen – sondern über über Google, Twitter oder Wikipedia direkt zum Artikel gelangen und sich von dort aus das Angebot erschließen müssen.

stern

stern_de
stern.de alt (oben) und neu (unten)

Aber Innovation? Stern.de will nach eigenen Angaben das “bildstärkste und emotionalste publizistische Nachrichten-Angebot” werden. Und präsentiert sich mit üppigen Optiken, vielen Bilderstrecken und Videos. Bei Spiegel Online setzt man wie bislang auf ein bisschen von allem: Ein paar ausgewählte Autoren, überspitzte Überschriften und etwas mehr Hintergrundfarbe.

spiegel

Die zentrale Frage stelle ich deshalb nochmal: Warum soll der Nutzer  das jeweilige Angebot besuchen? Im Großen und Ganzen bleibt es beim Einheitsbrei, auf deutschen Medienwebsites wird man bombardiert mit der übersehbaren Unübersichtlichkeit des Nachrichtenwesens.

Die eigentliche Innovation fehlt. Als gäbe es da draußen kein Internet. Als gäbe es keine Blogs, kein Wikipedia, keine Google APIs, kein User Genereated Content, keine Ajax-Usability und kein Twitter. Deutsche Medienwebsites sehen immer noch ein wenig so aus, als hättees all diese Entwicklungen nicht gegeben. Dabei gibt es konkrete Beispiele, wie sich Informationen anders präsentieren lassen: Rivva oder Wikio zeigen beispielsweise, dass Nachrichten heute auch in Blogs und Tweets stattfinden. Die New York Times experimentiert etwa mit Skimmer, der Nachrichten übersichtlich darstellt und ein völlig neues Lesegefühl vermittelt. Und selbst die alterwürdige BBC zeigt seit geraumer Zeit mit ihrer Startseite, dass Websites anders aussehen können.

Vielleicht adaptieren deutsche Medien ähnliches ja irgendwann für den deutschen Markt? Ich freue mich über jegliche Innovation. Und weniger Einheitsbrei.

Peter Schink

Autor: Gastblogger Kategorie: A bis Z, Zukunft des Journalismus | 5 Kommentare »
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5 Kommentare zu “GASTBLOG: Relaunch-Sommer: Innovation statt Einheitsbrei”

  1. AM

    Killer-Argument dagegen ist natürlich: Usability tötet die Innovation. Alle fundamentalen Eingriffe ins Webdesign (Markus Hofmann präsentierte an dieser Stelle auch schon schöne Beispiele) widersprechen dem Gewohnten und Erlernten und werden deshalb nicht geklickt.

    Und jetzt sag schnell, dass das nicht wahr ist! ;-)

  2. MB

    Aber Herr Schink. Sie sind im Hause Springer für Innovationen zuständig und beschweren sich über den Einheitsbrei von Nachrichtenwebsites. Da drängt sich bei mir eine ganz einfache Frage auf: Wann wagt WELT ONLINE denn den von Ihnen gewünschten Neuanfang?

  3. Peter Schink

    @MB: Verdammt, ich wusste, dass das kommt :) Nein ernsthaft, mir ist natürlich bewusst, dass die tägliche Praxis dazu führt, das so manche Innovation gar nicht erst online geht – weil das Geld fehlt, die Techniker nicht schnell genug umsetzen, Entscheidungen nicht mutig genug gefällt werden und ähnliches. Deshalb ist es gut, Innovation umso öfter anzumahnen. Das gilt auch für unser Team.

    @AM: Das ist in der Praxis tatsächlich manchmal ein Problem. Aber zum einen lässt sich Innovation in Usability auch behutsam einführen (haben wir auch schon erfolgreich gemacht), zum anderen ist das ja kein Gegenargument zu allen anderen Formen von Innovation (Produkte, Eindung Social Media, API-sierung etc.)

  4. AM

    Stimmt, es lenkt sogar eher davon ab, andere Baustellen überhaupt zu definieren. Und die Wette würde ich eingehen: In den Strategiesitzungen ab Mitte 2010 wird API das neue Twitter.

  5. AM

    Nachtrag: Jetzt also auch die FTD. Und irgendwie erinnern die ersten Screenshots sehr an den neuen Auftritt von stern.de (beide G+J).

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