“Essen Sie, was Ihnen bekommt.”
Der Ernährungsexperte Udo Pollmer warnt im Studium Generale vor Skandal-Studien und zeigt uns, wie manipulierbar wissenschaftliche Untersuchungen sind.

Udo Pollmer und der “Mythos BMI” (Fotos: Melanie Haack)
Zwei XXL-Kinder mit Burger und Cola. Mächtige Fettpolster an Armen, Wangen und Kinn, und das schon als kleine Jungen. Auf den ersten Blick die Bilderbuch-Illustration zum Thema “Warum unsere Kinder immer dicker werden”.
Deshalb hat Ernährungsexperte Udo Pollmer das Bild der beiden Ringerkinder aus Tiflis ausgewählt: um uns zu zeigen, dass wir Studien und Statistiken zu Fettleibigkeit, Diabetes und anderen Volkskrankheiten nicht glauben dürfen, ohne sie zu hinterfragen. Ein Beispiel: zur Illustration der Geschichte “Generation XXL” druckte der SPIEGEL im Dezember 2000 eine Grafik ab, die zeigte, dass der Anteil von übergewichtigen Mädchen von 12,1 Prozent im Jahr 1975 auf 33 Prozent im Jahr 2000 gestiegen sei:
In der Quelleangabe ist von einer Studie aus Jena und Halle die Rede: “verwendet ist eine in Frankreich übliche Definition.” Welche Definition ist damit gemeint? “Das ist Manipulation”, sagt Pollmer und legt eine Folie mit den Originaldaten aus der Studie auf. Dort ist der Anstieg der übergewichtigen Kinder nicht halb so beeindruckend wie in der Spiegel-Grafik, der höchste Wert liegt bei acht Prozent. Pollmer: “Ohne die phantasievollen 33 Prozent wäre die Titelgeschichte nicht in dieser Form erschienen.”
Schnell wird klar: der 55-Jährige hinterfragt Zahlen grundsätzlich, alle, ohne Ausnahme. Auch der von Journalisten viel zitierte Body Mass-Index sei “Quatsch”, genauso gut könne man bei einer Frau die Körbchengröße mit dem Schädelumfang verrechnen, um den IQ zu bestimmen. “Es gibt beim Menschen keine Norm”, sagt Pollmer, der zahlreiche Bücher über Lebensmittel und Ernährung geschrieben hat, wie zum Beispiel das Anti-Diät-Buch “Esst endlich normal”.

Im Kampf gegen Skandal-Studien redet sich der studierte Lebensmittelchemiker mit den grauen Haaren und der Brille in Fahrt, die melodische Stimme wird laut, die Sätze kürzer, das blaue Hemd fleckig. Pollmer räumt mit weit verbreiteten Ernährungsmythen auf: dass man mit Diäten abnimmt – das tun nur die schmal Gebauten unter uns – Burger und Pommes grundsätzlich fett machen und Obst immer gesund ist. “Wer Angst vorm Essen hat, wird fetter”, sagt er.
Gerade der “Body Mass-Index” ziele darauf ab, die Zahl der Übergewichtigen per Definition zu verdoppeln, um doppelt so viele Diätprodukte und doppelt so viele Schlankheitspillen zu verkaufen – ein grandioses Geschäft, bei dem schlagzeilenverliebte Journalisten unfreiwillig den PR-Berater spielen. “Sie können über Grenzwerte steuern, wie viele Packungen eines Medikaments Sie verkaufen”, erklärt Pollmer. Grenzwerte seien “politische Vereinbarungen” und für den Einzelnen nur wenig aussagekräftig.
Unser Gast redet über Sexualhormone, warum künstliches Licht dick macht und weshalb Männer dazu neigen, nach der Geburt des ersten Kindes einen Bierbauch zu bekommen: “Das ist Mutter Natur. Der Testosteron-Spiegel nimmt ab, sobald das erste Kind geboren wird – da wird der Mann häuslicher und der Fettgehalt steigt.”
Vom Gesamtkörperfettgehalt kommen wir zum Dickdarm der Schimpansen und den Fettmacherviren, die in den USA aus Normalgewichtigen 200-Kilogramm-Bolzen machen. Und nun? Was rät uns der Experte, nachdem er unser Scheinwissen zu Nichtwissen gemacht hat? “Mit der gesunden Ernährung ist das so eine Sache. Essen Sie das, was Ihnen bekommt!”
Nina Trentmann
Autor: student Kategorie: A bis Z, Ausbildung, Gäste der Akademie | 12 Kommentare »
Tags: Body Mass Index, Diät, Essen, Manipulation, Spiegel, Studium generale, Udo Pollmer
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Am 26. August 2009 um 13:58 Uhr
Eine andere Meinung zu haben ist das Eine, auf Fragen partout nicht zu antworten und persönlich zu werden das Andere!
Selten habe ich mich über eine Person so aufgeregt!
Am 26. August 2009 um 14:25 Uhr
Pollmers Ausführungen waren zweifelsfrei interessant. Aber ich glaube auch, dass er sich mit einer weniger polarisierenden Art der Darstellung seiner Ergebnisse, Ansichten und eigenen Person evtl. einen größeren Gefallen tun würde.
Am 26. August 2009 um 17:15 Uhr
Mit einer weniger polarisierenden Art würde ihn nur wohl keiner mehr hören.
Am 27. August 2009 um 09:12 Uhr
Pollmer hat schlicht recht.
Am 27. August 2009 um 10:45 Uhr
Das Problem ist, dass sehr viele Menschen offensichtlich nicht in der Lage oder Willens sind, mit ihrer Ernährung vernünftig umzugehen. Wenn man das dann als Journalist darauf reduziert, zum reduzierten Konsum von Burgern, Pommes, Süßigkeiten aufzurufen, ist das m.E. legitim und richtig.
Wenn jemand bei immer weniger Bewegung seinem Körper immer mehr Kalorien und Fette zuführt ist es sicherlich kaum ohne negativen Einfluss auf das Körpergewicht.
Dass der Body-Mass-Index fehlerhaft ist, ist ebenso klar. Kaum ein muskelbepakter Leistungssportler wird demzufolge nicht übergewichtig sein.
“Essen Sie das, was Ihnen bekommt!”. Was soll der Durchschnittsbürger damit denn anfangen? Dann kann auch Philipp Morris dazu aufrufen “rauchen Sie, soviel wie/was Ihnen bekommt.” Viele sind leider zu Differenzierungen nicht in der Lage. V.a. da es in diesem Kontext immer stärker um fehlernährter Kinder geht, ist ein solcher “Ratschlag” nicht ungefährlich.
Am 27. August 2009 um 11:18 Uhr
Der Durchschnittsbürger, so er denn existiert, kann mit “Essen Sie, was Ihnen bekommt” schon etwas anfangen, wenn ein wenig Wissen im Spiel ist. Was für eine Anmaßung, dem Leser ein mangelndes Differenzierungsvermögen zuzusprechen.
Und selbst wenn – wissentlich Unwahrheiten zu verbreiten, damit die Dummen es begreifen, da man ja nur ihr bestes im Auge hat?
Wenn nun Pollmer Untersuchungen aus den USA vorlegen würde, nach denen Übergewicht schichtspezifisch ist (nachweislich und statistisch relevant ist, daß mit höherer sozialer Schicht in den USA die Anzahl übergewichtiger Menschen – egal nach welcher Definition – abnimmt), könnte er zwar zeigen, daß ein höheres Budget für Ernährung und mehr Bildung dabei helfen, schlank zu bleiben, aber wäre das heute politisch korrekt?
Das Thema ist leider etwas komplexer als “Pommes schlecht, Äpfel gut”. Aber zu sagen: “Lassen Sie als Verbraucher die Finger von den industriell mit Aromen, Geschmacksverstärkern und bizarren Zusatzstoffen sowie versteckten Fetten vollgeknallten Produkten unserer Werbekunden und kochen Sie lieber aus Grundzutaten selbst” hört man in den Mainstream-Medien selten. “Verzichten Sie auf Light-Produkte, die sind meist Schwindel!” ist ein anderes Beispiel. Die bildungsfernsten Leser wird man als Journalist sicher nicht erreichen, aber ein Journalist sollte mehr können, als Halbwissen nachzuplappern. Pollmer ist plakativ aber sachkundig. Und Sachkenntnis hat – außer im Boulevard – noch nie geschadet.
Ernsth
Am 27. August 2009 um 22:46 Uhr
Je nach Textform ist es mitunter vonnöten, als Journalist eine Dechiffrierfunktion zu erfüllen und komplexe Sachverhalte vereinfacht darzustellen. Dass sollte natürlich nicht dazu führen, Fehlerhaftes zu propagieren, wie in diesem Beispiel den BMI.
Aber den Lesern zu sagen: Burger und Cola sind was Schlechtes, wenn man sich bewusst ernähren möchte, ist oftmals eher praktikabel, weil oftmals einfach nicht der Rahmen vorhanden ist, einen Ernährungswochenplan zu publizieren oder auch nur mitzuteilen, dass man beinahe essen kann, was man möchte, solange man in Form von Sport für Kompensation sorgt.
Wenn die Inhalte vom Journalisten nicht modelliert werden, dann reicht künftig auch Copy+Paste.
Am 28. August 2009 um 12:24 Uhr
Ich kann ihm nur halb zustimmen!
Größter Fehler an der gesamten Ernährungslehre und auch an vielen anderen Wissenschaft ist zum einen die Einzelbetrachtung und zum anderen die Rangehensweise von der falschen Seite. Mal von den Profitinteressen ganz abgesehen.
Zur Erlangung und Erhaltung von Gesundheit ist Ernährung ein starker Faktor, aber nicht der einzige.
Außerdem sollte nicht die Frage gestellt werden, welche Komponenten der Nahrung hinzugefügt werden sollten, um bestimmte positive Effekte zu erhalten, sondern welche Weggelassen werden müssen, damit wir keine Beeinträchtigung erfahren.
Wem sollen Studien nützen, bei denen sinngemäß soetwas herauskommt wie “1-2 Gläser dieses und jenes Getränkes bewirken eine Verbesserung des Reflexes im Mittelfinger”, wobei bereits feststeht, dass selbes Getränke diverse negative Auswirkungen hat?
Auch, wenn es der ein oder andere nicht akzeptieren will, aber unser Organismus samt Verdauungssystem ist älter als der Ackerbau, die Nutzbarmachung des Feuers und die Jagd nach Tieren. Wir Menschen stellen auch nicht die Ausnahme dar, die einzige Lebensform zu sein, die rein körperlich individuelle Nahrungsbedürfnisse hat. Die Natur hat uns so konzipiert, dass wir die in unserer ursprünglichen Umgebung vorfindende Nahrung optimal verwerten können; alles andere wäre nicht von Dauer.
Der Mensch hat es bisher nicht geschafft Nahrungsmittel zu erfinden, die zum Erhalt der Gesundheit besser geeignet sind als die, die die Natur uns ohne weitere Hilfsmittel anbietet. Es geht hier nicht um die “Vorteile”, die Erhitzen, Konservieren etc. mit sich bringen, es geht rein um den gesundheitlichen Aspekt!
Im Prinzip die gesamte Ernährung im Details sehr komplex, aber jedes andere Wesen (solange es der Mensch nicht beeinflusst) ernährt sich optimal, ohne etwas über Ernährung zu wissen, ohne einen “Gedanken” daran zu verschwenden.
Am 29. August 2009 um 14:23 Uhr
Achja, der BMI nur eine Erfindung der Diätindustrie… Ernsthafte Kritik und wichtige Artikel über die Entstehung des BMI gibts hier sehr anschaulich aufbereitet:
http://www.halls.md/bmi/bibliography.htm
Am 1. September 2009 um 11:13 Uhr
[...] Auch der von Journalisten viel zitierte Body Mass-Index sei “Quatsch”, genauso gut könne man bei einer Frau die Körbchengröße mit dem Schädelumfang verrechnen, um den IQ zu bestimmen. “Es gibt beim Menschen keine Norm”, sagt Pollmer, der zahlreiche Bücher über Lebensmittel und Ernährung geschrieben hat, wie zum Beispiel das Anti-Diät-Buch “Esst endlich normal”. Quelle [...]
Am 14. September 2009 um 16:44 Uhr
Hallo,
im richtigen Maß alles essen zu dürfen, ist schon seit langer Zeit ein bewährtes Mittel, um überschüssige Pfunde zu bekämpfen.
Jedoch ist hierbei das Unterschreiten des individuellen Gesamtkalorienverbrauchs, der entscheidende Erfolgsfaktor. Nur wer weniger Kalorien zu sich, als der Körper benötigt (negative Energiebilanz), kann sein Gewicht reduzieren. Darüber gibt es ernährungswissenschaftliche Studien. Wer z.B. täglich nur 300 Kalorien unter seinem persönlichen Energiebedarf bleibt, verliert ganz ohne Diät in einem Jahr ca. 15kg pures Körperfett.
Übergewicht ist also kein Schicksal dem man sich beugen muss. Mit einer individuellen Strategie kann jeder abnehmen.
In diesem Sinne wünsche ich allen ein diätfreies Leben!
Gruß Mario
Am 13. Mai 2010 um 11:38 Uhr
m.E. muss man sich bewegen, dann kann man sich vieles erlauben. Sport Sport und nochmal Sport!