3.9.2009

Clever & smart

Michel Friedman genießt es zu streiten. Sehr sogar. Das stellte Deutschlands vielleicht umstrittenster Journalist und Talkmaster beim Hintergrundgespräch mit uns, Team 6 der Axel Springer Akademie, unter Beweis. Wir haben erfahren, was knallharte Interviewführung ist. Friedman machte jedenfalls gleich am Anfang klar, wer der Chef im Ring ist.

friedman
Friedman und der Respekt – Christin Ilgner und Jens Nagler von Team 6 haken nach.

Unsere erste Frage, ob er seinen Gesprächspartnern immer Respekt entgegenbringe, beantwortet er blitzschnell mit einer Gegenfrage.

“Was ist für Sie Respekt?” – damit setzt er den vermeintlichen Angreifer schachmatt. Doch erwartet man etwas anderes von Michel Friedman? Das Team scheint noch unentschlossen zu sein, wie weit es gehen kann, ohne vorgeführt zu werden.

Doch der Schock ist schnell überwunden, und es entsteht eine lebhafte Diskussion über Journalismus im Allgemeinen und Interviewführung im Speziellen, auch über Friedmans Methoden. Auf die Frage: “Was ist ihre Achillesferse?” antwortet Friedman: “Meine Achillesferse bin ich selbst.” Und als die Interviewerin weiter fragen will, ruft er: “Ich habe Ihnen hier so eine Vorlage gegeben! Gehen Sie doch darauf ein!” So demonstriert er am lebenden Objekt, wie man Interviews führt – und wie nicht. “Vergessen Sie, was Sie sagen wollten, werfen Sie Ihre Karteikarten weg, hören Sie zu und steigen Sie ein.”

Erst nach über einer Stunde kommt die Sprache auf den Koks-Skandal aus dem Jahr 2003. Friedman selbst spricht seine wohl dunkelste Stunde an, scheint sogar einen Drang zu haben, darüber zu reden. Richtig brenzlig wird es für den studierten Juristen jedoch nicht. Er nimmt den Interviewern den Wind aus den Segeln, indem er einräumt, wie sehr er alles verurteile und ehrlich bereue. Wie er an diesen Tiefpunkt gekommen ist, will er aber nicht preisgeben.
Heute sei er jedenfalls glücklich. Er bringe seinen Sohn so oft wie möglich in den Kindergarten, erzählt er mit leichtem Stolz in der Stimme, wirft den Kopf in den Nacken und ruft “I love it!”

Friedman ist clever: Privates erzählt er gut dosiert, wenn es ihm zu intim wird, wiegelt er mit Handzeichen ab. “Wieso sollte ich Ihnen das erzählen? Das beleidigt doch meine engsten Freunde, mit denen ich diese Sachen teile! Privat ist privat und das schützte ich.”

Nach zwei intensiven Stunden Diskussion, in der wir noch offensiver hätten auftreten können,  verabschiedet sich Friedman. Wir haben gelernt, was ein guter Interviewer und vor allem brillanter Rhetoriker ist.  Doch ist er auch ein guter Journalist? War er authentisch? Darüber sind wir uns nicht einig. Den einen war er zu arrogant, die anderen bezeichnen sich jetzt sogar als Fans. Übrig bleibt Friedmans Erkenntnis: “Es ist verdammt schwere Arbeit zu interviewen.” Das haben wir gemerkt.

Carolin Wilewski

Autor: student Kategorie: A bis Z, Ausbildung, Gäste der Akademie, Medienmacher zu Besuch | 4 Kommentare »
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4 Kommentare zu “Clever & smart”

  1. n_tre

    Ein sehr lehrreicher Abend!!! Vor allem die Haltung Friedmans, Frau Merkel Frau Merkel zu nennen und nicht Frau Bundeskanzlerin. Keine Angst vor Ämtern! Und dran denken, dass die andere Seite UNS Rechenschaft schuldig ist und wir uns nicht für unsere Fragen entschuldigen müssen!

  2. mbd

    @n_tre Auf jeden Fall! Dennoch hat uns Friedman auch gezeigt, dass wir auch mit vielen Lesern im Rücken wissen müssen, was wir fragen.

    Mein Favorit im Gespräch: dass es für einen Journalisten nicht viel Wichtigeres als die Freiheit im Geiste gibt.

    Mochte Friedman vorher nicht. Jetzt bin ich zwar kein Fan, aber begeistert.

  3. lobschi

    Bei dem Foto könnte man glatt denken, dass WIR die chefs im ring waren ;-)

  4. marco

    hat den kerl mal jemand gefragt, warum er so arrogant ist?

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