GASTBLOG: Der Fall JAKO
Und wieder hat es einen erwischt: Trainer Baade, Blogger aus Leidenschaft, und so lesen sich auch seine Beiträge. Er schreibt was er denkt (und meint), und das sollte eigentlich kein Problem sein.
Für den Sportartikelhersteller JAKO und seine Anwaltskanzlei wohl schon. Denen gefiel es nicht, dass Baade sie als “Aldi und Lidl” unter den Sportartikelherstellern bezeichnete und das neue Logo “Scheiße” fand. Nun mag man die Ausdrucksweise mögen oder nicht, klar aber dürfte doch wohl sein, dass diese eine Meinungsäußerung ist und keineswegs eine Tatsachenbehauptung (was schon durch die blaue Farbwahl widerlegt sein dürfte).
Was folgte, waren Unterlassungs- und Verpflichtungserklärungen, Streitwerte, Anwaltsschreiben und ein sichtlich eingeschüchterter Blogger, der brav unterschrieb. Erst als man ihn auch noch dafür verantwortlich machen wollte, dass dieser Text auch auf anderen Webseiten (Aggregatoren) veröffentlicht wurde, ging er an die Öffentlichkeit. Blogger und Online-Nachrichtenportale brachten die Geschichte, JAKO meldete sich erst mit Verspätung und entschuldigte sich schließlich.
Der Fall zeigt gleich mehrere Probleme auf, die wir heute dank Internet haben: Blogger haben keine Rechtsabteilung und sind daher den unseligen Abmahnversuchen von Anwälten eher ausgeliefert als Zeitungskonzerne. Das Mittel der Gegendarstellung wird gar nicht mehr angewandt, denn schon Abmahnkosten von 2.000 Euro können einen Blogger mundtot machen. Zeitungen leben (noch) in der komfortablen Situation, dass sie die so genannte vierte Macht im Lande sind und deshalb weniger Angriffen ausgesetzt oder diese Angriffe besser abwehren können.
Dabei geht es ausdrücklich nicht um die Qualität der beanstandeten Artikel. Wenn JAKO den Artikel als Schmähkritik bezeichnet, ist das deren gutes Recht. Ob dem aber wirklich so ist, sollte ein Gericht entscheiden. Tatsächlich geschieht das aber nicht mehr. Der öffentliche Diskurs scheint seine Grenzen in der Profitgier von Anwälten und der Unfähigkeit von Öffentlichkeitsabteilungen zu finden (und in der Unfähiglkeit, schlicht erst einmal mit den Bloggern zu reden).
Ja, Firmen sind heute dank Internet vermehrter Kritik ausgesetzt (und das ist gut so, man kann es auch Verbraucherpartizipation nennen), und ja, bisweilen schießen Beiträge deutlich übers Ziel hinaus. Sollte deswegen aber der Diskurs darunter leiden und es schließlich eine Frage des Geldes sein, ob man seine Meinung äußern darf?
Es ist aber vor allem der Sache selbst nicht dienlich. Wer einen Blogger der Rufschädigung schimpft, muss heute mit einer erhöhten Aufmerksamkeit in der (Internet)-Öffentlichkeit rechnen. Und dieser Schuss geht meist nach hinten los, schon wegen der David-gegen-Goliath-Problematik.
Zeitungsleute wissen das, und können oft eine Eskalation schon damit abwiegeln, dass man sagt “Gut, dann bringen wir eine Geschichte über dieses Thema morgen auf Seite 1, wenn sie das unbedingt wollen”. Klingt nach Erpressung, ist aber schlicht eine realistische Einschätzung. Und nochmal: Im Zweifel sollen das bitteschön Gerichte entscheiden. Rechtsprechung darf aber kein Kostenfaktor sein. Es kann nicht angehen, dass wir auf unsere Rechte de facto verzichten, weil wir es uns nicht leisten können, sie einzuklagen.
Zunehmen versuchen Unternehmen (bisweilen sogar Politiker, Frau von der Leyen hat da gerade Schlagzeilen gemacht) die Berichterstattung zu ihren Gunsten zu beeinflussen, sei es durch Berichterstattungsverbote (beliebt bei Musikbands), durch Einschränkungen in Bildrechten (gerne gesehen bei Filmverleihern) oder eben durch anwaltliche Hilfe. Sie untergraben dadurch die notwendige öffentliche Diskussion. Davon lebt eine Demokratie, das ist quasi das Salz in der Suppe.
Schreibt im übrigen jemand, der in einem Land lebt, in dem eben dieser Diskurs nicht erlaubt ist.
Thomas Wanhoff
Autor: Gastblogger Kategorie: A bis Z, Zukunft des Journalismus | 1 Kommentar »
Tags: Aldi, Baade, Berichterstattung, Gastblog, Jako, Lidl, Thomas Wanhoff
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Am 10. September 2009 um 11:52 Uhr
Lieber Thomas Wanhoff,
wie schön, dass Sie sich dieser Thematik hier im Blog angenommen haben. Ich hatte es auch ein paar lang Tage geplant, die Entschuldigung Jakos dann aber als Schlusspunkt unter diese unsägliche Geschichte betrachtet und meinen Text in der Schublade liegenlassen.
Ich teile ihre Ansicht in vielen Punkten, allerdings zeigt dieses Beispiel für mich überdeutlich, wie dicht die Bloggosphäre mittlerweile miteinander verwoben ist. Kai Pahl verfasste auf allesaussersport.de einen episch langen Artikel, sämtliche Sportblogs in Deutschland sprangen auf den Zug auf. Soll heißen: Auch hier formiert sich eine Meinungsmacht, die für Unternehmen, Verbände oder Politiker nicht zu unterschätzen ist. Wie der Fall Weinreich./.Zwanziger zeigt, wird untereinander fleißig kommuniziert, gespendet, agitiert – und am Ende in Rechtsstreitigkeiten triumphiert. Gleichzeitig verbrüdern sich alle mit Oliver Fritschs “Hartplatzhelden” und deren Kampf gegen das Land Baden-Württemberg (war doch Baden-Württemberg, oder?). Natürlich fehlt (noch) die finanzielle Basis, um aus einer ähnlichen gefestigten Position heraus handeln zu können wie Zeitungen (noch). Trotzdem waren die Fälle Weinreich und der von Frank Baade wichtige Nadelstiche im Kampf um die Meinungsfreiheit im Internet.