29.9.2009

GASTBLOG: Das war nicht ganz so net(t)

Man könnte ein Spiel daraus machen: Ich nenne die Schlagzeilen der Online-Nachrichtenportale vom Abend der Bundestagswahl – und jeder darf raten, auf wessen Titelseite sie prangten. Immerhin haben wir zahlreiche Qualitätszeitungen in Deutschland, die empört aufschreien würden, würde man behaupten, sie seien inhaltlich kaum voneinander zu unterscheiden, ob in der Print- oder Onlineversion. Also wer schrieb kurz nach 18 Uhr am Sonntagabend „Debakel für die SPD – Schwarz-Gelb möglich“? Und bei wem stand „Union stärkste Partei bei Bundestagswahl – SPD verliert dramatisch“ (oh weh, Kollegen, die Union als Partei??) ? Wer nahm das Ergebnis einer Wahl, die noch bevorsteht, voraus, indem er titelte „Merkel bleibt Kanzlerin – Schwerer Absturz der SPD“?

Ich stoppe das Experiment hier, obwohl ich noch ein paar „Desaster für die SPD“ oder „Schwarz-Gelb triumphiert“-Überschriften parat gehabt hätte. Die Auflösung (Zeit.de, Spiegel.de, Welt.de, taz.de, Stern.de) ist keine, denn die einzelnen Schlagzeilen sind austauschbar. Was sagt uns das? Leider auch nicht viel mehr als die Tatsache, dass an einem Bundestagswahlabend niemand zum Kreativsein bereit ist und jeder meint, er müsse DIE Nachricht melden, ob nun Hunderte andere dies auch tun, oder nicht. Nachvollziehbar? Ja. Langweilig? Total.

Welch andere Art der Emotion vermochte da eine cnn.com-Schlagzeile wie diese auslösen: „Germans vote amid terror videos and job fears“. Wie mutig wir doch sind! „In the face of threatening videos from al Qaeda and the Taliban“ sind wir wählen gegangen. Und es ist nichts passiert! (hoffen wir, dass es so bleibt).

Doch bevor mir jetzt Einseitigkeit vorgeworfen werden kann, sei hier erwähnt, dass die bekannten Online-Auftritte natürlich längst im Web-2.0-Zeitalter angekommen sind und ihre Mitglieder der Chefredaktion zur Wahl bloggen lassen, mit interaktiven Grafiken nur so um sich schmeißen und die Microblogger bei Twitter und Facebook miteinbeziehen (leider nicht mehr aktiv bei SpOn).

Allerdings hat die Twitter-Facebook-Einbindung der Berichterstattung bei Spiegel Online nicht wirklich genützt. Sekündlich strömten dort die Kommentare ein, ohne dass der fromme SpOn-Wunsch „Diskutieren Sie über die Ergebnisse live“ hätte erfüllt werden können. Fragte einer etwa, wie viele Sitze denn nun der Bundestag habe, kam die Antwort frühestens zehn Kommentare später: „598 ohne überhangmandate“, ohne dass der Zusammenhang zu erkennen war. Weitaus unschöner allerdings war eine Welle schwulenfeindlicher Bemerkungen, die sich auf Neu-Regierungsmitglied Westerwelle bezogen. Kostprobe:

Thomas Schlüter für westerwelle kann man uns ja auslachen.
Manuel Sollbach wer schwule hasst, ist selbst Rassist.

Da fiel einem eigentlich nur das ein, was auch ein User Matthias Nickel schrieb: „Geht’s noch?“ Und es bleibt die Frage: Welchen Nutzen zieht ein Onlineportal wie Spiegel.de daraus, sich solche Pseudo-Diskussionen zu eigen zu machen, ohne sie sich wirklich zu eigen machen zu können?!

Sicher, es ist zeitgemäß, Facebook und Twitter etc. miteinzubeziehen. Doch dann bitte mit Sinn und Verstand.

Letzterer fehlte mir auch ein bisschen dort, wo die Kreativität in der Wahlberichterstattung doch noch aufblitzte: im Digital-Fernsehkanal zdf.info. Markus Kavka moderiert dort an Wahlabenden eine waschechte Crossmedia-Sendung. Thema: Die Wahl im Netz. Dort konnte man zum Beispiel erfahren, dass die großen Parteien es verpasst hatten, auf ihren Seiten auf die Hochrechnungen zu reagieren (die SPD etwa meldete unter „Aktuelles“ „Wichtige Erfolge in Pittsburgh von zwei Tagen zuvor, die CDU kündigte auch nach dem Wahlsieg noch immer ihren „Endspurt“ an), während die „Kleinen“ rasend schnell ihre Freuden-Artikel posteten: Die Grünen schrieben „Ein historisches Ereignis“, die FDP freute sich „FDP mit Rekordergebnis – Gute Aussichten für Schwarz-Gelb“, und die Linke feierte ihren „großartigen Erfolg“ und lieferte auch gleich Reaktionen.
Net(t)!

Andererseits: Wieso muss dann ein Interview mit der Initiatorin von Wahlgang.de über eine Internetverbindung und per Webcam geführt werden, wenn doch das ZDF über grandiose Technik verfügt und astreine Bewegtbilder hätte liefern können, ohne dass der Ton holpert, dass das Bild ruckt und die Auflösung die Augen schmerzen lässt? Crossmedia heißt nicht, dass man das, was man gut kann, einer aus der Not geborenen Trash-Ästhetik opfern muss. Crossmedia heißt, das Beste aus allen Medienbereichen miteinander zu verknüpfen, um keinen Wunsch offen zu lassen. Bitte, das will ich haben!!

Domenika Ahlrichs

Autor: Gastblogger Kategorie: A bis Z | 3 Kommentare »
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3 Kommentare zu “GASTBLOG: Das war nicht ganz so net(t)”

  1. Zeitung: Taliban haben auch Hannover-Klinik im Visier

    [...] Blogs gefunden: GASTBLOG: Das war nicht ganz so net(t)Man könnte ein Spiel daraus machen: Ich nenne die Schlagzeilen der Online-Nachrichtenportale vom [...]

  2. luke

    “Thomas Schlüter für westerwelle kann man uns ja auslachen.”

    naja, die aussage steht ja wohl spätestens jetzt:
    http://www.youtube.com/watch?v=R4pQlkshzm4

  3. Manuel Sollbach

    Halli hallo,

    da wurde etwas ganz schön missverstanden.

    Mein Kommentar war alles andere als schwulenfeindlich – ganz im Gegenteil. Emotional: ja. Im Affekt: ja. Anti-homo: NEIN!

    So völlig aus dem Zusammenhang gerissen mag er vielleicht krass erscheinen – ich geb’s zu. Hättest Du jedoch den Kontext und die 12312412 Kommentare DAVOR mit radikalen und WIRKLICHEN anti-homo Inhalten gelesen und verstanden, wäre Dir der Zusammenhang sicherlich schnell klar geworden:

    Scheiß Rassisten; doofe Ignoranten; bedepperte, engstirnige Anti-Homos.

    Also hier an dieser Stelle:
    Ich mag homosexuelle. Rein platonisch. In meinem Freundeskreis sind einige homosexuell. Und das ist auch gut so. Und ich habe nichts gegen Guido Westerwelle. Ich mag auch Ihn.

    Schreib’ mir mal ne Mail, ich hab da noch ein paar andere Anligen an Dich.

    Gruß, der Manu

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