GASTBLOG: Kampf der Unübersichtlichkeit im Medien-Dschungel
Wie stellen wir uns eigentlich die Nachrichtenseite der Zukunft vor? Diese Frage ist schwer zu beantworten und schnell kann man behaupten: Medien-Websites können ganz anders aussehen als das, was derzeit im Netz zu sehen ist.
Ich gehe in diesem Blogbeitrag mal der Frage nach, welchen Leitgedanken die zukünftige Entwicklung folgen könnte. Meiner Ansicht nach sollten sich Medien-Websites grundsätzlich an ihrem Wesenskern orientieren: Den Bedürfnissen der Nutzer.
Ich starte mal bei den klassischen, schnellen Nachrichten. Über die wichtigsten Ereignisse des Tages möchte ich als Nutzer im Internet einen Überblick erhalten – schließlich ist Internet der schnellste aller Kommunikationskanäle.
Deshalb stelle ich mir vor, dass die wichtigsten Nachrichten das Tages, nicht mehr als 30 bis 40, übersichtlich an einer Stelle gesammelt werden. Dazu bräuchte es lediglich die Überschriften mit Links zu mehr oder weniger nachrichtlichen Artikeln, nicht mehr. Eben etwas für den schnellen Überblick.
Daneben könnte ich mir vorstellen, pro Tag eine geringe Anzahl an Themen deutlich intensiver als bislang zu konsumieren. Ich hätte dann gerne ein Video, Bildergalerien, Grafiken und Tabellen, Hintergrundinfos, weitere Links ins Web, Verweise zu Blogs und Reaktionen auf Twitter. Eben alles, was dazu publizierenswert ist.
Darüber hinaus fände ich es äußerst wünschenswert, eine Netz-Rundschau zu wertvollen Artikeln, Videos, Blogbeiträgen und Links an anderen Orten im Web zu erhalten. Jeden Tag aktuell und übersichtlich angeordnet.
Diese drei Punkte ergeben zwar noch keine Nachrichten-Website, könnten aber eine gute Gliederung sein. Wieso aber eigentlich eine Neusortierung? Derzeit wird man auf Medien-Websites geradezu mit Informationen überflutet. Es wird viel mehr publiziert, als sich überhaupt konsumieren lässt, die Übersicht über das Nachrichtengeschehen bleibt dabei auf der Strecke.
Um ein paar Beispiele zu nennen – die hier nur exemplarisch genannt werden sollen: So findet sich zwar bei Spiegel Online ein prominent angeordnetes Navigationselement “Themen”. Doch statt eine Auswahl der wichtigsten Dinge des Tages findet sich zuoberst eine Navigation “Themen von A – Z” und darunter eine geradezu wahllose Auswahl. Eine Übersicht? Von wegen.
Bei Sueddeutsche.de gibt es zwar einen Menüpunkt “Der Tag in Kürze”, doch dort finden sich bereits am Nachmittag mehr als 40 völlig wahllos gesammelte Artikel mit jeweils weiteren angehängten Texten. Auch hier fehlt von einer echten Nachrichtenübersicht fehlt jede Spur.
Selbst die in diesem Sommer neugestaltete FTD.de schafft keine Übersichtlichkeit, obwohl die Startseite eine eigene Version “für Schnellleser” bereithält. Dort finden sich jeden Tag mehr als 80 Artikel. Wer soll denn das “schnell lesen” können? Und natürlich, bei alle anderen sieht es nicht besser aus.
So eine Unübersichtlichkeit stresst, nervt und führt nur dazu, dass man am liebsten wieder zur Tagesschau schalten möchte. Dort bekommt man das Wichtigste des Tages übersichtlich in 15 Minuten präsentiert. Doch informiert fühlt man sich danach nicht. Internet könnte das wesentlich besser, schnell und umfangreich.
Peter Schink
Autor: Gastblogger Kategorie: A bis Z, Zukunft des Journalismus | 3 Kommentare »
Tags: Blogs, FTD, Gastblog, Navigation, Peter Schink, Spiegel, sueddeutsche.de
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Am 7. Oktober 2009 um 22:33 Uhr
Die Idee, sich auf wenige Schwerpunktgeschichten plus Links zu anderen guten Beiträgen zu konzenrieren, finde ich gut.
Das Problem ist bloß: Das setzt eine Kooperation der Verlage untereinander und Link-Karma voraus. Die Websites müssten, statt voneinander abzuschreiben bzw. alle die gleichen Agenturmeldungen zu bringen, auf die jeweils besten originären Beiträge untereinander verlinken – egal, ob diese auf der eigenen oder auf fremden Domains stehen.
Die meisten Verlage gehen bei ihren Websites aber noch immer von einem geozentrischen Weltbild aus – sprich, vom Portaldenken der späten 90er Jahre: Sie sind der Fixstern im Web, um den die Nutzer kreisen. Natürlich wäre jeder Provinzverlag mit seiner Website gerne die Startseite im Browser, von welcher der Nutzer sich für Ausflüge zu Ebay, Amazon und Spiegel Online entfernen, dann aber brav zurückkehren, um sich die Nachrichtenlage in Agenturbereichten servieren zu lassen.
So lange Internetwerbung nach Visits, PIs und Clicks bezahlt wird, wird sich daran auch so schnell nichts ändern. Erst wenn z.B. Verweise zu einer Währung werden (je mehr Traffic ich Dir schicke, desto mehr bekomme ich von Deinen Werbeeeinnahmen ab), würden Webportalbetreiber wohlgrundlegend umdenken.
Aber die Denkweise in den Verlagschefetagen geht ja momentan absurderweise in die entgegengesetzte Richtung: Mit einer Leistungsschutzabgabe würden eingehende Verlinkungen sogar noch abgestraft.
Am 7. Oktober 2009 um 22:34 Uhr
[...] http://www.axel-springer-akademie.de/blog/2009/10/06/gastblog-kampf-der-unubersichtlichkeit-im-medi... a few seconds ago from web [...]
Am 9. Oktober 2009 um 23:26 Uhr
Geht m.E. in die richtige Richtung. Ich würde aber noch weiter gehen:
1. Der Wettlauf um die Zeit geht zu Lasten der Qualität. Daher würde ich versuchen, statt des Hase-Igel-Spiels diesen Konflikt gleich aufzulösen: Nachrichten der Agenturen (bei Zweifeln ggf. mit einem kleinen Kommentar) durchreichen und als Agenturmeldung kenntlich machen. So entstehen zwei Schichten von Nachrichten unterschiedlicher Absender mit unterschiedlicher Verlässlichkeit.
2. Keine der Nachrichtensites passt sich meinem Leseverhalten an. Im Gegenteil: durch stetiges Ändern wird ein Nutzungsverhalten erzwungen, dass ich ständig wiederkehren muss. Das steigert Traffic, ist aber nicht leserfreundlich und wird, da in jedem Markt der Kunde zählt, der Branche irgendwann in die Hacken fahren. Es wäre technisch und konzeptionell ohne weiteres möglich, dass mir eine Website die Differenz zur Nachrichtenlage seit meinem letzten Besuch zeigt.
Es gäbe so viele Möglichkeiten, doch die Verlagsbranche scheint mir Relaunches vor allem unter dem Gesichtspunkt von Optik und Usability zu betrachten. Unter Retailern ist beides längst eine ständige Produktverbesserung, über die man nicht halb so viele Worte verschwendet.