6.11.2009

Award der Woche für VolksLesen.tv

Martin Scharfe ist auf der Jagd. Seine Beute: Menschen, die für ihn lesen. Jede Woche zieht Scharfe mit Camcorder und Ansteckmikro durch die Straßen Berlins und filmt vier Menschen einer bestimmten Gruppe mit deren Lieblingslektüre. So lesen Steuerflüchtlinge ebenso wie Kripobeamte aus Büchern vor, die ihnen wichtig sind.

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VolksLesen.tv ist eine virtuelle Bibliothek, die seit 2008 existiert. Klickt man sich durch das Angebot der Anfangstage, ist die Filmqualität oft schlecht. Das ist aber nicht sonderlich schlimm, denn in den Videos geht es nicht um Perfektion, sondern um Authentizität. Der Charme der Seite liegt darin, dass lesende Menschen gezeigt werden, wie sie sind – auch wenn sie gebrochen Deutsch sprechen, einen Dialekt haben oder lispeln.

Die Rezipienten von VolksLesen.tv werden nicht nur auf neue Bücher aufmerksam, sondern kommen auch über die Geschichten der Vorleser ins Grübeln. Dem 39-Jährigen Filmemacher geht es darum, dass Menschen sich Dichterworte leihen, um so ein Stück ihrer eigenen Identität zu verraten.

Die Auslese der Vorleser? Ob Jesuiten, Rhönrad-Turnerinnen oder polnische Unternehmerinnen, sie alle dürfen für VolksLesen.tv vor die Kamera. Zu den Filmen gibt es neben einer Kurzbeschreibung des Buches auch eine Einordnung in das Thema. Wenn “Sachsen lesen”, erfährt man, was sächseln mit Operngesang zu tun hat und erhält zudem eine Einführung: “Unterkiefer langsam fallen lassen, Unterlippe nach vorn schieben und nu de Worde eefach aus dr Gusche rausgullern lassn.”


Martin Scharfe, der Macher von VolksLesen.tv

Sagen, was einem zu den Filmen in den Sinn kommt, kann man bei VolksLesen im Forum. Wer hier Kritik übt, weil ihm die Seite nicht professionell genug erscheint, dem sei zehnSeiten.de – Literaturlesungen im Internet empfohlen. Auf der virtuellen Lesebühne in puristischem schwarz-weiß geht es schlicht darum, dass Autoren genau zehn Seiten aus ihren Werken vorlesen und so zum selbständigen Weiterlesen auf der elften Seite verführen.

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Ob Volkslesen.tv oder Zehnseiten.de, beide Ideen zeigen, dass “digitale Literatur” auch mit dem guten alten Hardcover funktioniert. “Kindle killed the Book-Star”, von wegen. Lang lebe das gedruckte Wort!

Ricarda Landgrebe

Autor: student Kategorie: A bis Z, Ausbildung, Zukunft des Journalismus | Keine Kommentare »
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