GASTBLOG: Noch einmal eintauchen in die irren Stunden
Als die Mauer vor 20 Jahren fiel, saß ich gerade in den USA, genauer gesagt auf einer Rinderfarm in Iowa, am Essenstisch und genoss eine wie immer eine gutbürgerliche “homegrown” Mahlzeit. Plötzlich klingelte das Telefon.
Meine Eltern waren dran. Eigentlich hatten wir abgemacht, dass sie während meines Austauschjahres nicht anrufen sollten, damit ich kein Heimweh bekam. Nun taten sie es jedoch – und kurz darauf stand ich jubelnd in der Küche.
In den darauffolgenden Tagen war ich DER Renner für die Lokalzeitungen der Gegend. Die Amerikaner waren ja der Meinung, dass SIE den Kommunismus besiegt und die deutsch-deutsche Grenze gesprengt hatten. Ich kam ihnen da gerade recht als eine der glücklichen Deutschen, die nun davon profitieren und in der Zeitung ausgiebig Freudentränen lassen konnten. Besonders beliebt war damals die Frage: “Are you from East or West Germany?” Tja, wenn ich aus dem Osten gewesen wäre, wäre ich nie als Austauschschülerin in die USA gekommen. Aber in der Hinsicht hatten die Amerikaner noch ein bisschen Nachholbedarf.
20 Jahre danach sitze ich in dem Gebäude am Berliner Alexanderplatz, in dem auch schon zu DDR-Zeiten Zeitung gemacht wurde (vermutlich nicht mehr lange), wohne im Ostteil der Stadt und freue mich darüber, dass das alles geht. Was das alles mit Medien zu tun hat? Einiges.
Denn diese Freude über das, was vor 20 Jahren möglich wurde, ist auch vorherrschend in der derzeitigen Berichterstattung. Für einen Moment dürfen wir mal alles an Schwierigem und Belastendem vergessen, was mit der Wiedervereinigung dann doch auch auf uns einströmte. Wir dürfen noch einmal eintauchen in diese irren Stunden und Tage nach dem Mauerfall, mit dem wir niemals gerechnet hätten.
Und diese Freude ist nicht einmal auf Deutschland begrenzt. Ich fühle mich an meine US-Zeit erinnert, wenn ich das große “Autum of Change”-Spezial bei CNN sehe oder wenn ich bei BBC über all das staune, was die Kollegen über “Europe’s revolution” zusammengetragen haben.
Bei einem Ereignis wie diesem ist das Internet mal wirklich den anderen Medien weit voraus. Videos, Audiofiles, Blogeinträge, Kommentare, Bilderstrecken, interaktive Grafiken … Nicht zu toppen! Spiegel Online hat gar einen “Liveticker vom 9. November 1989″ auf der Seite. Das dehnt zwar ein bisschen die Definition von “live”, ist aber eine durchaus nette Ergänzung des Gesamt-Gedenkprogramms.
In die Freude über 20 Jahre Mauerfall mischt sich bei mir die Wehmut über nicht mehr zu feiernde 10 Jahre Netzeitung. Im kommenden Jahr wäre das gewesen. Schade.
Domenika Ahlrichs
Autor: Gastblogger Kategorie: A bis Z, Zukunft des Journalismus | Keine Kommentare »
Tags: BBC, CNN, DDR, Domenika Ahlrichs, Gastblog, Mauerfall, Spiegel Online
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