Award der Woche für niiu
Sie ist Deutschlands erste personalisierte Tageszeitung. Ein Blatt deren Inhaltsfolge man täglich selbst bestimmt. Der Leser bleibt nicht passiv: die niiu erhebt ihn zum Blattmacher seiner Zeitung – wenn er will täglich aufs Neue. Wählt ein Abonnent vor 14 Uhr Zeitungsseiten und Blogs sowie deren Platzierung auf den täglich 24 Seiten im niiu-Internetportal aus, holt er tags darauf sein individuell zusammengestelltes Druckerzeugnis aus dem Briefkasten. Eine gute Sache, doch das innovative Produkt legte einen holprigen Marktstart hin.

Seit einer Woche versucht die kleine Berliner Firma Interti mit der niiu eine Zeitung für das Internetzeitalter zu machen.
“Jede Niiu ist dabei ein Unikat”, verkündet niiu-Geschäftsführer Wanja Oberhof. Mit der Individualität, die jede persönliche Ausgabe mit sich bringt, sollen vor allem junge Leser gewonnen werden. Die, die sich sowieso Nachrichten in der Regel täglich individuell aus dem Netz fischen. Die niiu soll dieses Verhalten auch gedruckt ermöglichen. Aber auch die, die im Zeitungsmarkt einfach nicht ihre passende Tagezeitung finden. Rund tausend Abonnenten in Berlin bekommen das innovative Blatt nun täglich in Berlin zugestellt.
Vor zweieinhalb Jahren hatte der damalige Student Oberhof zusammen mit einem Komilitonen die Idee zur der Zeitung. Sie machten sich daran Ihre Vision einer modernen Zeitung umzusetzen. Neu im Markt ist auch das Bezahl-System. Die niiu ist “Deutschlands erste Prepaid-Tageszeitung”. Der Kunde kauft Punkte. Für jede Ausgabe zieht das Unternehmen zwölf Punkte vom aufgeladenen Konto ab. Rein rechnerisch ergibt sich ein Preis von 1,20 € pro Ausgabe. Laut den Geschäftsführern von niiu erklärt sich dieses System aus dem Fakt, dass es bei jungen Interessierten eine gewisse Bindungsangst gäbe. Flexible Menschen wollten sich einfach nicht an ein Abonnent binden. Die niiu ist da anders: Aufladen, Inhalte wählen und loslesen – und jederzeit einfach wieder aussteigen.
Doch die ersten Ausgaben kamen entweder erst gar nicht beim Leser an oder hatten falsche Inhalte. Schuld waren zum einen Austräger, die noch keine Schlüssel zu Briefkästen hatten und zum anderen ein Softwarefehler, der die Inhalte jeder persönlichen niiu nochmals individueller machte: Oft fehlten bestellte Teile oder die Sortierung war durcheinander. Stattdessen fanden viele Leser für fehlende Inhalte, mehr Seiten einer anderen verlangten Zeitung. Die erstangekommen niiu des Autors bestand fast ausschließlich aus dem Hamburger Abendblatt, obwohl nur Titelseite und Lokalteil gewünscht waren. Doch der Fehler wurde gleich mit der Nächsten weitgehend behoben. Doch auch in den Tagen danach, tat sich die niiu schwer richtig sortiert aufzutreten. Kurioses Beispiel: In der Samstags-Ausgabe rutschen zwischen drei aktuelle Wochenend-Seiten der taz, zwei alte Freitagsseiten. Ärgerlich, wenn man die Titelgeschichte nicht fertig lesen kann, weil die Fortsetzungsseite von gestern ist. Innerhalb der letzten Woche schaffte es die niiu solche Probleme jedoch weitgehend zu beseitigen. Das junge Unternehmen verlängerte zudem die kostenlose Probephase von einem auf mindestens sechs Tage und versprach zudem jedem Abonnent die niiu weiterhin kostenfrei zu erhalten – solange bis alles mit dem Produkt in Ordnung ist. Dieses Versprechen scheint die junge Firma zu halten. Inzwischen stimmt meist auch alles. niiu zu lesen macht nun Spaß: In welcher Zeitung findet man beispielsweise die Titelseite des Hamburger Abendblatts und die der New York Times nebeneinander. Dann folgt die Washington Post – später der Sportteil der Bild, Frankfurter Rundschau und zum Schluss Lokalseiten der Berliner Morgenpost und Hamburger Abendblatt. Wohlgemerkt, nur ein Beispiel. Jede niiu ist anders. Auch Inhalte aus Blogs, die das Blatt umschließen, sind nicht unnötig. Richtig gewählt, liest man dort Inhalte, die es sonst in keiner anderen Zeitung zu finden sind und auf die man bisher im Netz nicht gestoßen war.
Überraschungen gibt es auch noch auf der letzten Seite. Im Impressum erscheint als Herausgeber der eigene Name. Darunter die Erklärung: “Die niiu ist eine nach den individuellen Wünschen und Vorgaben des Abonnenten gestaltete Zeitung. Er allein entscheidet über die publizistischen Richtlinien ’seiner’ Zeitung.” Und, oh Wunder: Im Werbeteil der Zeitung findet der Leser auch individualisierte Werbung. Da spricht einem die Werbung schon mal mit “Hallo” und darauf gleich folgend der eigene Name an. Ein Zeitungs-Werber-Traum könnte mit der niiu wahr werden – persönliche Werbeslogans. Und auch Werbung nach Werbeprofilen, die sich aus der persönlichen Auswahl der Inhalte ergeben. Zudem ist es laut niiu-Geschäftsführung ohne Probleme möglich, unterschiedliche Werbeanzeigen je nach Stadtteil in dem der Leser wohnt zu schalten. So könnten Abonnenten in Berlin Neu-Kölln andere Webung zu sehen bekommen als Leser im wohlhabenderen Charlottenburg.
Für Kritiker wird die niiu aber wohl noch eine Weile einfach eine lose Blattsammlung einiger Zeitungsinhalte bleiben. Zudem wird sich nicht jeder über Werbung nach Persönlichkeitsprofil freuen, selbst wenn dabei laut Unternehmen alle Datenschutzbestimmungen streng eingehalten werden. Doch wenn es den Machern gelingt noch mehr Verlage als Kooperationspartner zu gewinnen, hat die niiu glänzendes Potential eine Erfolgsgeschichte zu werden. Laut Geschäftsführer Wanja Oberhof laufen unter anderem Gespräche mit der Süddeutschen, der Berliner Zeitung und der WELT-Gruppe. Was sich anfänglich bei deutschen Titeln als schwierig herausstellte, sei nun fast zum Selbstläufer geworden: Derzeit klopften die Verlag schon eher bei niiu an, um dabei zu sein, als andersherum, sagt Wanja Oberhof. Team 6 würde es jedenfalls sehr freuen, wenn Seiten der WELT kompakt zusätzlich in der niiu zu finden wären.
Matthias Knoll
Autor: student Kategorie: A bis Z, Ausbildung, Blattkritik, Zukunft des Journalismus | 4 Kommentare »
Tags: Award, niiu
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Am 23. November 2009 um 14:38 Uhr
Ich würde mich auch über eine Niiu mit “Kompakt”-Seiten freuen… aber das dürfte am Format scheitern.
Am 23. November 2009 um 15:07 Uhr
@maTze: Die niiu erscheint im Berliner Format. Das ist sogar ein wenig größer, als die WELT kompakt mit ihrer Tabloid-Größe. Die Kompakt dürfte also wunderbar reinpassen. Jede Seite der niiu ist etwa so groß wie zwei DinA4-Blätter und damit auch noch gut in der U-Bahn handlebar.
Probleme gibt es da eher mit Zeitungen die in einem größeren Format erscheinen als die niiu (z. B. das oft verwendete “Nordische”). Denn dann werden die Seiten für die niiu einfach proportional verkleinert – alle Inhalte werden kleiner dargestellt. Die Lesbarkeit leidet dann natürlich.
Am 24. November 2009 um 12:36 Uhr
Auch wenn der Artikel unter Zeitdruck entstanden sein sollte, auch wenn er von einem Journalistenschüler stammt: Mit diesem Erscheinungsbild bzgl. Interpunktion, Orthographie, Grammatik . . . macht das Lesen keinen Spaß, sondern verärgert. Das reicht von “Ein Blatt deren Inhaltsfolge” statt “Ein Blatt, dessen” über (anzunehmende?) Flüchtigkeitsfehler wie den “Komilitonen” bis hin zu “Berlin Neu-Kölln” statt “Berlin-Neukölln” oder “lose Blattsammlung” statt “Loseblattsammlung”. Viele überflüssige oder fehlende Wörter verstärken den Eindruck eines oft geänderten, aber dann nicht sorgfältig korrekturgelesenen Textes. Damit online zu gehen, halte ich für . . . naja, bedenklich.
Am 27. November 2009 um 08:32 Uhr
[...] zu Niiu: Das Konzept ist anscheinend so toll, dass es sogar den JEPBLOG-Award der Woche erhalten hat (JEP steht übrigens für Jan-Eric Peters, Leiter der Axel Springer [...]