17.12.2009

Wenn Beleidigungen zum Beruf gehören

Wenn man Hertha-Trainer Friedhelm Funkel und den langjährigen BILD-Sportchef Alfred Draxler zu Gast hat, fachsimpelt man eigentlich über Fußball. Darüber, warum der teure neue Stürmer nicht trifft. Ob die Bayern wieder Meister werden. Oder wie Friedhelm Funkel die hoffnungslos abgeschlagene Hertha noch vor dem Abstieg retten will.

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Friedhelm Funkel im Newsroom der Akademie: “Ich dachte, dass wir nach Roberts Tod länger innehalten.” (Foto: Matthias Knoll)

Am 10. November aber warf sich der deutsche Nationaltorwart Robert Enke vor einen Zug und nahm sich das Leben. Und so stehen zunächst ganz andere Fragen auf der Agenda, die wir mit unseren Gästen diskutieren: Hat das harte Fußballgeschäft Schuld an Enkes Selbstmord? Und müssen sich nicht auch die Medien, in denen junge Torhüter schon mal zu “Torwart-Trotteln” werden, hinterfragen?

Funkel und Draxler sehen die Ursache für Enkes Selbstmord nicht im Fußball. Der Hertha-Trainer glaubt, dass der Tod von Enkes Tochter Lara 2006 “eine wichtige Rolle” gespielt habe. Dass der Fußball ein hartes Geschäft ist, bestätigen die Experten aber: “Wenn man Schwäche zeigt, ist man Außenseiter”, erklärt Draxler. “Die Spieler müssen sich auch mal negativ titulieren lassen, das gehört dazu”, ergänzt Funkel. An einen Einfluss der Medien auf Enkes Entscheidung, sich das Leben zu nehmen, glaubt Draxler aber nicht: “Robert Enke war nie Zielscheibe von kritischer Berichterstattung. Daher sehe ich keinen Zusammenhang zwischen den Medien und seinem Selbstmord”, sagt er.

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BILD-Vize Alfred Draxler: “Kein Zusammenhang zwischen Medien und Enke-Selbstmord”
(Foto: Matthias Knoll)

Während das für die deutschen Zeitungen, in denen Enke ob seiner guten Leistungen zumeist positiv bewertet wurde, zutrifft, hatte der Torwart während seiner Zeit in Barcelona durchaus mit harten Schlagzeilen zu kämpfen. “Enke hat sein eigenes Grab geschaufelt”, schrieb zum Beispiel die spanische Zeitung “Sport” SPIEGEL ONLINE zufolge nach einem Torwartfehler 2002. Ob ihn das gebrochen hat, ob das dazu beigetragen hat, seine Depression auszulösen? Niemand kann das mehr beantworten.

Als sein damals 19-jähriger Torhüter Sascha Burchert nach einem unglücklichen Auftritt gegen den Hamburger SV zum “Torwart-Trottel” wurde, kümmerte Friedhelm Funkel sich jedenfalls gleich um ihn. “Ich habe ihn zur Seite genommen, ihm die Mechanismen in den Medien erklärt. Der Journalist wollte das halt witzig machen.” Funkel spielt diese Abgeklärtheit nicht. Er, der bei seiner letzten Station in Frankfurt selbst oft kritisiert wurde, versteht polarisierende Schlagzeilen und aggressiv schimpfende Fans in den Kurven als Teil des Berufs. Dass auch Enkes Tod nichts daran ändert, zeigt das Beispiel Stuttgart. Dort blockierten Anhänger des Klubs vor dem Spiel gegen Bochum den Mannschaftsbus, beschimpften und bedrohten die Spieler. “Ich dachte, dass wir nach Roberts Tod länger innehalten”, sagt Funkel. Wirklich daran geglaubt hat er wohl nicht.

Im Laufe der Zeit sprechen wir dann mehr über den Sport als über das Geschäft und seine Schattenseiten. Die gute Nachricht für die Hertha-Fans: Funkel glaubt an den Klassenerhalt und erklärt, wie er ihn erreichen will. “Drei bis vier Neuzugänge” bräuchte er, dann hätte die Mannschaft das Potential, um in der Rückrunde “26, 27, 28 Punkte” zu holen. Das soll dann für den Relegationsplatz 16 reichen, der zu zwei Spielen um einen Platz in der Bundesliga gegen den Zweitliga-Dritten berechtigt. Er spricht lauter und schneller, als er davon berichtet, wie er die Hertha retten will. Kurz ist er nicht mehr der abgeklärte Profi, sondern wird leidenschaftlich. Und das ist irgendwie ansteckend. Man wird das Gefühl nicht los, dass der Klassenerhalt noch erreichbar ist und 26, 27 oder 28 Punkte gar nicht so viel sind. Schön wäre es für die Fußballstadt Berlin. Und doch irgendwie so nichtig, wenn man an die tragische Geschichte von Robert Enke denkt.

Marc Lüttgemann

Autor: student Kategorie: A bis Z, Ausbildung, Gäste der Akademie, Medienmacher zu Besuch | 9 Kommentare »
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9 Kommentare zu “Wenn Beleidigungen zum Beruf gehören”

  1. luke

    war ein gutes gespräch!
    und by the way, ich sag: hertha steigt nicht ab! wette?

  2. hermann the gerann

    “Und doch irgendwie so nichtig.”

    fraglich, ob das die Leute in der Geschäftsstelle genauso sehen, die bei einem Abstieg um ihren Job bangen müssten…

  3. Kris

    Stimmt, die deutschen Medien haben selten negativ über Enke berichtet (abgesehen von einigen Lokalblättern, die lieber ihren Lokalhelden in der Nationalmannschaft gesehen hätten).

    Aber spielen wir doch mal wieder das gute alte “Was wäre wenn”-Spiel. Was wäre passiert, hätte sich Enke öffentlich zu seinen Depressionen bekannt? Er hätte dann sicherlich die nötige Hilfe von einigen bekommen (ein Therapeut reicht nun mal nicht), die ein depressiver in so einer Situation braucht, aber was hätten die Medien getan? Erinnern wir uns doch einfach mal an den letzten bekannten Fußballspieler, der sich zu Depressionen bekannt hat (und anschließend seine Karriere beendet hat). Wie sind die Medien mit ihm umgegangen? Na? Klingelt es jetzt, warum jemand wie Enke seine Krankheit geheim gehalten hat und nach außen den Starken Fels spielen musste?

    Dieses Gespräch beweist mal wieder: Selbst wenn “Medien” versuchen “selbstkritisch” zu sein kommt nichts raus weil mal wieder unpassende Ereignisse in der eigenen Vergangenheit verdrängt werden.

  4. Horst

    War ja klar. Die Bild haut gerne auf die Kacke, aber Verantwortung – nein danke. Dabei hatte Enke nach Aussagen seiner Frau Verlustängste, die vermutlich durch das Betrachten von anderen Fällen im Fußball verstärkt wurden (Deisler, Burchert). Da ist die BILD dann doch auf einmal mitten drin.

    Medien tragen Verantwortung, ist doch klar. Und wenn jemand wie die BILD übertreibt und lügt und falsch darstellt, richtet sie damit Schaden an. Sich das nicht einzugestehen ist aber vermutlich die einzige Möglichkeit dieses Blatt weiter mit solchem Schund zu füllen. Profitieren auf Kosten der Anderen und das dann auch noch leugnen – widerwärtig.

  5. Kalamitäten-Klaus

    Ich kann meinem Vorredner (bzw. -schreiber)zu 4. nur zustimmen. Scheinheilig nennt man das da, wo ich herkomme. Jeder kann sich wohl ausmalen, was die Springer-Presse aus einer “Enke depressiv! Kann so einer die Nummer 1 im Tor bleiben!?”-Schlagzeile über Wochen für eine Hetzjagt veranstaltet hätte. Also bitte!

  6. Max

    … als ob die permanente Angst, der nächste zu sein, der von der Bildzeitung fertig gemacht wird, nicht ausreichen würde, jemanden in den Tod zu treiben … sich jeden Schritt zu überlegen, ob die Bildzeitung daraus einen Strick drehen kann … jeden Tag zu wissen, daß man keinen Fehler machen darf … (und sei es auch nur der Fehler, Bild keine Vorab-Informationen zu geben, so wie bei Klinsmann) … und jeden Tag bangen, ob nicht irgendwelche Lügen verbreitet werden, weil man nicht “kooperativ” genug war und vielleicht den Interviewunsch, die Homestory, oder was auch immer abgelehnt hat … die Angst davor, erpresst zu werden wie Dutzend andere zuvor: “Sei willig oder wir schreiben …!”

    Die Bildzeitung hat über Robert Enke nie “kritisch” berichtet? Aber über andere.

  7. Alexander

    “Als sein damals 19-jähriger Torhüter Sascha Burchert nach einem unglücklichen Auftritt gegen den Hamburger SV zum “Torwart-Trottel” wurde…”

    Was für ein ekelhafter Euphemismus. Burchert “wurde” nicht zum Trottel, es war die BILd-Zeitung, die ihn so beleidigt hat.

  8. Mario

    Medien stellen in letzter Zeit öfters mal die Frage ob man aus dem Fall Enke “nichts gelernt hätte”.Das fragen sie natürlich nur wenn mal ein Spieler durchdreht oder Manager sich behaken.Sich selbst stellen sie diese Frage nicht.
    Man nehme den investigativen Sportjournalisten Rolf Töpperwien.Der war stolz darauf Lehmann nach dem Spiel gegen Mainz verfolgt zu haben und immer schön mit der Kamera draufgehalten zu haben.Lehmann wirkte auf ihn wie ein “aufgescheuchtes Reh”.Gehetztes Tier hätte es besser getroffen.

  9. Plautzi

    Wie kleingeistig diese Diskussion hier ist. Die Medien sind an allem Schuld: das sich Schwule und Deppressive gesellschaftlich geächtet fühlen… Warum nicht gleich auch schuld an Arbeitslosigkeit und Verbrechen. Die Wahrheit ist eben manchmal hart. Wenn ich im Sportunterricht zweimal ein solches Tor kassiere wie der Burchert, bin ich froh, wenn mich die anderen nur Trottel nennen. Für Euch hätte es wahrscheinlich heißen müssen: “Tapferer Jung-Torwart rettet gegen übermächtigen HSV zweimal in höchster Not und wird doch unglücklich bezwungen”. Aufwachen!

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