22.12.2009

Von Ossi-Verstehern, Gegenfragen und der Vorfreude auf die Weihnachtsfeier

Das letzte Studium Generale, bevor sich Team 6 in Richtung Welt kompakt verabschiedet. Keine seichte Nummer, sondern mit einer Gesprächspartnerin, deren Name schon eine Menge sagt: Marianne Birthler, die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, die seit 2000 die so genannte “Birthler-Behörde” führt und auch zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer sagt: “Vor der Versöhnung muss die Wahrheit kommen.”

birthler
Marianne Birthler im Roten Salon der Akademie – links neben ihr: Lena Obschinsky
von Team 6 (Foto: Alexandra Kilian)

Mit Stasi-Unterlagen hatten bislang nur wenige von uns einen Berührungspunkt. Zeit also, im Studium Generale nach Ernährungswissenschaft, Sportberichterstattung und Obdachlosenhilfe die knapp 160 Aktenkilometer zu thematisieren, die die Stasi seit 1950 mit tausenden Spitzeln produzierte.

Marianne Birthler – blond gesträhnte Haare, roter Lippenstift, Streifenhose – erzählt von ihrem persönlichen Erleben der DDR ( “Ich dachte damals, ich gehöre zu denen, die eigentlich schon gut Bescheid wussten über die DDR.”), über die wieder steigende Zahl der Anträge auf Akteneinsicht (vermutlich werden es in diesem Jahr knapp 100.000) und die “Ossi-Versteher”, die “eine zweite Entmündigung betreiben, wenn sie erwachsenen Menschen nicht zutrauen, sich eine eigene politische Meinung zu bilden.” Ein kleiner Seitenhieb auf Gesine Schwan, die zweimalig gescheiterte Anwärterin für das Amt des Bundespräsidenten, mit der sich Marianne Birthler im Sommer über die Definition der DDR als “Unrechtsstaat” stritt. “Die Aufklärung darüber, dass die DDR ein Unrechtsstaat war, ist manchmal eine Sisyphosarbeit”, sagt Birthler, die immer wieder erlebt hat, dass sich Menschen persönlich angegriffen fühlen, wenn “man das politische System der DDR als das bezeichnet, was es war.”

“Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht”

Im Vergleich zu anderen Ex-Ostblock-Staaten sei man in Deutschland mit der Aufarbeitung sehr weit, meint Birthler. Sie kritisiert die rot-rote Regierungsbildung in Brandenburg (“zu wenig Distanz zu den früheren Stützen der Macht”) und spricht im Zusammenhang mit der Linkspartei klare Worte. (“Das ist immer noch die SED – auch wenn man die Partei zwei Mal umbenennt.”) Dass mehr als die Hälfte der Jugendlichen in Ostdeutschland die DDR nicht als Diktatur sehen – ein Zeichen dafür, dass die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit gescheitert ist? Birthler zögert, wägt ab und: stellt eine Gegenfrage. Für uns ist das nach knapp sechs Monaten Akademie ein sicheres Zeichen für a) eine ungenau gestellte Frage oder b) die zunehmende Verunsicherung unserer Gesprächspartnerin. Auf den zweiten Anlauf, die konkretisierte Frage, antwortet Birthler nicht mit ja, nicht mit nein, sondern zitiert stattdessen ein afrikanisches Stichwort: „Gras wächst nicht schneller, wenn man dran zieht.“

Mit einem Plädoyer für die Erhaltung der Stasi-Unterlagenbehörde als eigenständige Institution schließt Birthler nach neunzig Minuten Diskussion. Rückblickend ein Studium Generale, in dem wir routiniert, sogar ein wenig zu routiniert fragten. Vielleicht, weil die Axel-Springer-Weihnachtsfeier lockte?

Nina Trentmann

Autor: student Kategorie: A bis Z, Ausbildung, Gäste der Akademie | Keine Kommentare »
Tags: , , , , ,

Verwandte Artikel

Einen Kommentar schreiben