27.1.2010

“iPhone makes you impotent”

“Einen Ritt durch die Geschichte“ hatte uns Herr Spahl vor unserem ersten Studium generale mit Professor Michael Stürmer versprochen. Der WELT–Chefkorrespondent war der Einladung der Akademieleitung gefolgt, um sich mit uns Neulingen zu einem Gedankenaustausch über die fünf Unternehmensgrundsätze des Axel-Springer-Verlags zu treffen.

Stürmer

Prof. Michael Stürmer diskutiert mit Team 7 der Axel Springer Akademie.

Erste Überraschung: Anstatt auf die historischen Auslöser der fünf „Essentials“ einzugehen, lenkt der Professor unser Augenmerk auf die teils schwammigen Formulierungen. Begriffe wie „freie soziale Marktwirtschaft“ oder „Totalitarismus“ seien „sehr zeitgebunden“ und „unpräzise“, was aber zwangsläufig so sein müsse, „wenn man in fünf Leitsätzen das Essentielle von Politik und Wirtschaft packen will.“ Generell seien die Grundsätze nur als Leitlinien zu verstehen, sagt Stürmer, die aber nicht von kritischer Berichterstattung abhalten sollen. Trotzdem seien sie wichtig, um dem Verlag eine Richtung zu geben.

Da Stürmer auch als Berater für Bundeskanzler Helmut Kohl im Einsatz war, kommen wir später auf die Zeit der deutschen Wiedervereinigung zu sprechen. „Alles musste schnell gehen, Entscheidungen mussten getroffen werden“, erinnert sich der Historiker. Seine persönliche Lehre aus dieser Zeit stammt von Kohl selber: Niemals alleine sein. „Der Kanzler stand 1989 sehr alleine da, in der SPD hatte er gerade mal Willy Brandt. Sogar Genscher war völlig im Zweifel, ob man für die deutsche Einheit die Nato-Mitgliedschaft opfern müsste.“

Was würde er Kanzlerin Merkel raten, wollen wir wissen. „Erstens: Ehrlichkeit im Verhältnis zur Türkei. Zweitens: Der Afghanistaneinsatz. Wir müssen uns auf einen langen, bewaffneten Kulturkonflikt einstellen. Und drittens: Wir müssen entweder eine neue Chemie und Physik erfinden oder die nächsten 30 Jahre weiter Atomstrom produzieren – sonst werden wir nie unabhängig von Russland!“ Die Diskussion wird lebhaft, plötzlich erscheinen 90 Minuten viel zu kurz. Was passiert, wenn der Einsatz in Afghanistan scheitert? „Dann ist die Nato kaputt.“

Stürmer wird unruhig, er rutscht auf dem Sofa hin und her, sein Handy klingelt. Kein Wunder, wir sind schon über der vereinbarten Zeit. Und trotzdem eine letzte Frage, sie katapultiert uns mitten ins crossmediale 21. Jahrhundert: Wie würde Stürmer junge Leser für Die Welt gewinnen? Erst mal eine sehr grundsätzliche Antwort: „Eine Welt ohne Zeitung ist für mich Barbarenland.“ Aber wie können Printmedien gegen das schnelle Internet ankommen?  „Wir müssen mehr erklären und kommentieren!“ Zeitungen hätten noch viel Entwicklungspotential. Wobei Stürmer den neuen Kommunkiationsmitteln durchaus skeptisch gegenüber steht: „Die Leute starren nur noch auf ihr iPhone. Sie nehmen sich oft keine Zeit mehr, um mal zwei Minuten über das nachzudenken, was sie lesen.“ Stürmer lächelt, er wüsste schon, was da helfen könnte: „Die Nachricht verbreiten: iPhone makes you impotent!“

Stürmer erhebt sich. Es ist das Ende eines interessanten Abends, an dem viele Themen angeschnitten wurden. Was fehlte, war die Vertiefung, aber dafür fehlten von unserer Seite die gezielten Nachfragen. Wir werden uns in Zukunft vorher auf eine Linie einigen, damit wir nicht zu sehr von einem Thema zum nächsten springen. Um den Überblick zu behalten, sind Leitlinien manchmal gar nicht schlecht.

Solveig Rathenow

Autor: student Kategorie: A bis Z, Ausbildung, Gäste der Akademie, Medienmacher zu Besuch | 2 Kommentare »
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2 Kommentare zu ““iPhone makes you impotent””

  1. maTze

    Echt ne super Idee, die Michael Stürmer da hatte.

  2. G

    Merkwuerdige Thesen von Herrn Stuermer…
    Atom: Uran ist endlich und lagert leider nicht unter Berlin-Charlottenburg.
    Russland: Ein Handel ist immer in beiderseitigem Interesse. Wir brauchen Gas und Russland will es loshaben – weil es sonst kein Geld verdient.
    Afghanistan: Die Nato steckt seit 1990 in der Identitaetskrise, vielleicht wuerde ihr eine Niederlage am Hindukusch sogar gut tun, Druck zu Reformen machen.

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