29.1.2010

Award der Woche für Vice

Wäre Vice ein Typ, könnten wir ihn nicht ab. Er wäre ein arroganter Dreckskerl, ein Klugscheißer, der glaubt, alles besser zu wissen und über jeden auf der Straße urteilen zu können. Ein trendbessener Szenemacker, der überall abhängt, während wir arbeiten. Der entweder beleidigende oder perverse Dinge sagt, um alles und jeden zu provozieren und der sich selten wäscht.

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Allerdings Vice kein Typ. Er ist eine ganze Gang. Hinter der Marke Vice verbirgt sich ein multimediales Imperium, bestehend aus dem Onlineauftritt viceland.com, der Internet-Fernsehplattform vbs.tv, dem Label Vice Records und dem Verlag Vice Books. Das Herzstück ist aber das Vice Magazin, das es – lässig, wie es ist – nirgendwo zu kaufen gibt, sondern in angesagten Läden gratis rumliegt.

Jetzt könnte man meinen, es handelt sich um ein grabbeliges Heftchen mit dem Charme einer abgelaufenen Zeitungs-TV-Beilage. Weit gefehlt. Vice besteht nicht nur äußerlich aus einem stabilen Hochglanz-Einband, auch der Inhalt ist handfest: Es geht um politische Konflikte, menschliche Schicksale, soziale Missstände, Gewalt, Musik, Kunst, Bilder, Trends, Lifestyle, Sex. Alles, was ein gutes Magazin haben muss. Nur anders.

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In Vice, das 1994 im kanadischen Montreal von drei arbeitslosen Freunden unter dem Namen “Voice of Montreal” gegründet wurde, stehen Berichte, wie der Selbstversuch zweier Autoren, die in Guantanámo übliche Foltermethoden ausprobieren. Oder der mit dem Titel: “Na toll! Endlich hat der Mensch die Meere versaut”. Die Autoren küren unter ihren gnadenlos ehrlichen Plattenrezensionen nicht nur das beste, sondern auch das schlimmste Album des Monats. Sie machen Interviews mit Leuten, die vor ein paar Minuten Sex hatten und fragen “Was passierte nach dem einminütigen Blow-job?” Es werden Fotos von Frauen mit rasierten Schläfen mit der Aufforderung “Do” darüber abgebildet und andere, mit volltätowierten Girlies in Spaghettiträgerkleidchen, über denen “Don´t” steht.

In der aktuellen Ausgabe, die übrigens auch komplett online steht, gibt es ein Interview mit dem (wahrscheinlich) ersten DJ der Welt, eine Reportage über die Reise zur isländischen Fashion Week, die den Titel “Das isländische Hautkrankheiten-Pilz-Mode-Fiasko” trägt, eine Modestrecke mit Mager-Männermodels und eine Geschichte über Theodoros Bafaloukos, Regisseur und Drehbuchautor von dem 30 Jahre alten Film “Rockers”, “der es schaffte, Jamaika und Reggae für weiße Stino-Paare, ihre bekifften Kinder und einen Haufen berühmter englischer Punks mit Gitarren interessant zu machen”.

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Zugegeben, der Ton ist gewöhnungsbedürftig und nicht jede Geschichte besticht durch gesellschaftliche Relevanz. Doch wer sich darauf einlässt, erlebt folgendes: Er wird überrascht. Von neuen Ideen, einer erfrischend direkten Sprache, intelligentem Witz, origineller Aufmachung und dem Mut, einfach mal andere Themen anzufassen. Und auch, wenn man vielleicht mal ein Auge zudrücken muss, hat Vice dafür den Award der Woche verdient. Mal ganz davon abgesehen, dass das Magazin eh schon sauerfolgreich ist: Von Montreal aus hat es den Weg in die Großstädte von zahlreichen Ländern, wie Australien, England, Japan, Neuseeland, Frankreich, Kanada, Italien, Spanien, Holland, Skandinavien, Österreich und eben Deutschland geschafft.

Kultstatus haben übrigens auch die kleinformatigeren Vice Städte-Guides. In dem für Berlin wird man beispielsweise darüber aufgeklärt, dass Kreuzberg wie eine alte Hure sei, bei man sich die Syphilis einfängt, zu der man aber immer wieder rennt, weil sie weiß, was man will. Oder dass Neukölln der Ort ist, an dem alles nur einen Euro kostet und Friedrichshain die Vorhölle auf Erden.

Wie gesagt, wäre Vice ein Typ, wir könnten ihn nicht leiden. Bis wir seine selbstironische Art verstehen und lieben lernen würden. Um uns dann zu wünschen, dass er uns mit auf seine nächste Party nimmt.

Jule Bleyer

Autor: student Kategorie: A bis Z, Blattkritik | Keine Kommentare »
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