8.3.2010

Das digitale Jahrhundert

Wenn sich der Bundestag anschickt, eine Enquête-Kommission zu installieren, muss entweder viel Wind erzeugt oder ein drohender Sturm gebändigt werden. Bei der Enquêtekommission “Internet und digitale Gesellschaft” ist definitiv Letzteres der Fall.

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(Bild: David Vignoni/Wikimedia Commons)

Die Zeiten für billige Allgemeinplätze sind vorbei, der epochale Einschnitt durch das Web ist überdeutlich und umfassend, daher dürften die Diskussionen zum Aufgabenfeld “Gesellschaft und Demokratie” besonders interessant werden. Fünf Punkte für die Tagesordnung:

Liquid web

Online- und Offline-Welten verschmelzen. Immer mehr “richtiges Leben” lässt sich online organisieren. Konkret: Kontakte aus Online-Netzwerken basieren auf virtuellen Profilen. Was ist dann die authentischere Basis, wenn man den Kontakt im real life kennenlernt? Social Web bedeutet: Wir führen (!) künftig soziale Identitäten.

Ende der Hierarchien

Konsequent zu Ende gedacht, bedeutet Internet auch, dass Top-Down nicht mehr funktioniert, denn wir kommunizieren in ständig flexiblen Wolken-Strukturen, nicht mehr mono-direktional. Internet bedeutet “Peripherie ohne Zentrum” (Gary Hamel). Und das ist längst nicht nur positiv gemeint: “Wir müssen uns von Theorien verabschieden, die das Internet mit Demokratie und der Ermächtigung von Identität und des Guten gleichsetzen.” (Geert Lovink)

Neue Werteskalen

Es ist ein Wesensmerkmal der christlich-abendländischen Weltanschauung, Wissenschaft als die Suche nach Wahrheit zu definieren. Ja/nein, wahr/falsch – alles ausgelegt auf eine Instanz, die letztlich entscheidet. Im Internet gelten andere Regeln: Wahr ist, was viele für wahr halten. Oder auch nur ein einziger, der aber zum Kern meines sozialen Netzes gehört. Authentizität wird zum wichtigsten Maßstab: “Die Mehrheit der im digitalen Zeitalter Geborenen hält die Qualität von Informationen offenbar nicht für ein besonders wichtiges Thema.” (Urs Gasser)

Digital Gap

Die technische Komponente des Wandels: Wer künftig ohne Breitband-Anbindung ans Netz ist, gerät uneinholbar ins Abseits. Das ist zunächst ein Problem für den ländlichen Raum. Das wird möglicherweise in absehbarer Zeit zu einem Problem für alle, wenn der Datengau vor dem Durchbruch des Glasfaserkabels kommt. Das gilt aber in ganz bedrohlichem Ausmaß für alle Schulabsolventen, die ohne Internet-Anbindung und -Wissen unmittelbar Richtung Prekariat triften.

Neue Entwicklungsländer

Die Enquêtekommission sollte auch ein Ende der Nabelschau einläuten: Die Musik im Web spielt längst woanders. Meistgesprochene Sprachen online: Spanisch und Mandarin. Beste technische Infrastruktur: Südkorea. Während bei uns noch in nervtötender Altherren-Manier über den Sinn von Weblogs salbadert wird, bringen die Iraner damit ihr Regime ins Wanken. Und während wir noch darüber diskutieren, wie wichtig das Internet (geworden) ist, entsteht mit dem Mobile Web schon jetzt eine neue digitale Dimension mit Milliarden von Nutzern, die eben nicht einfach nur bedeutet, Internet auf dem Handy empfangen zu können.

Das Phänomen Internet stellt die Welt vor die größte Umwälzung seit der Industrialisierung. Wer zu spät kommt, den bestraft der Browser.

Autor: amayer Kategorie: A bis Z, Zukunft des Journalismus | 2 Kommentare »
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2 Kommentare zu “Das digitale Jahrhundert”

  1. KoopTech » Zivilgesellschaft » Lernen 2.0 für die Enquête-Kommission

    [...] komme nicht umhin, gewisse Diskrepanzen zwischen diesen Ansprüchen an die Enquête-Kommission für Internet und digitale Gesellschaft und diesen bei Friendfeed gesammelten Selbstoffenbarungen festzustellen – wobei die [...]

  2. Christian Stahl

    Großartiger Text! Sollte man auch den medienpolitischen Sprechern ALLER Fraktionen als Pflichtlektüre empfehlen! So wie ich den BT und seine “Insassen” kenne (und ich kenne sie ganz gut) herrscht da im Bezug auf X-Media fraktionsübergreifend die Meinung: “Wichtig! Müssen wir was tun! Wenn wir mit allem anderen fertig sind…”.
    Beim Lesen ist mir auch wieder eingefallen, wie sehr das Web (gewollt oder nicht) an die Tradition des poststrukturalistischen Denkens à la Derrida, Deleuze und andere anknüpft, die ja den Vorwurf “Anything goes” zu postulieren, mit einem entwaffnenden “Ja. Na und?” beantwortet haben. Wer schon mal “Rhizom” gelesen hat, weiss, was ich meine. Bevor ich aber jetzt virtuell in die Philosophie abdrifte, mach ich Schluss. Natürlich in der Welt-Web-Sprache No. 2: Gracias y hasta pronto
    (mein Mandarin ist mangelhaft…)

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